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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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29.09.08 · 18:13 Uhr
"Wir brauchten eine wirklich große Zahl..."
Kategorie: Politik · Kommentare: 17
Der US-Kongress debattiert in dieser Stunde darüber, ob angesichts der Finanzkrise ein 700 Milliarden Steuerdollar schweres Rettungspaket verabschiedet werden soll. Aber warum 700 Milliarden Dollar und nicht etwa 680 oder 750? Die Antwort ist erschreckend...
Brian Wingfield und Josh Zumbrun berichten im Forbes Magazine, wie man in der Treasury, dem US-Finanzministerium, die 700 Milliarden "errechnet" hat:
"It's not based on any particular data point," a Treasury spokeswoman told Forbes.com Tuesday. "We just wanted to choose a really large number."
Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Zahl ist e-r-f-u-n-d-e-n. Es handelt sich nicht einmal um eine Schätzung. Die 700 Milliarden wurden frei festgelegt, weil man eine wirklich große Zahl brauchte.
Erkenntnis des Tages: Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn die politische Elite die Bevölkerung nicht für vollständig dämlich hält. Tut sie es dennoch, werden Desinteresse und Unzufriedenheit irgendwann gefährliche Ausmaße annehmen. Um es mit Abraham Lincoln zu sagen: Alle Menschen lassen sich einige Zeit für dumm verkaufen und einige Menschen für alle Zeit, aber es ist nicht möglich, alle Menschen für alle Zeit irrezuführen.
Autor: Christian Reinboth· 17 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (17)
Da vieles an den Märkten auch auf psychologischer Ebene abläuft ist das gar nicht so abwegig, eine Zahl zu 'erfinden'. Aber eine ungerade Zahl wäre da noch besser gewesen. Wirkt mehr wie errechnet. Ah, ja, und man sollte dann natürlich nicht rumrennen und in Interviews rausposaunen, dass der Zahl jegliche Grundlage fehlt. Aber es war ja nur eine Sprecherin. Die muss ja nichts von Kommunikation verstehen. Unglaublich.
Man darf nicht vergessen, dass eben auch in der Wirtschaft die Psychologie eine entscheidende Rolle spielt. Wenn man nur Geld in das System pumpt, die Stimmung sich aber nicht verbessert, so hat dies keine allzu große Wirkung.
Und die Meldung "der Staat hilft den Banken" ist nun einmal weitaus weniger beeindruckend als die Meldung "der Staat unterstützt die Banken mit 700 Milliarden".
Da das Repräsentantenhaus gerade gegen den Rettungsplan gestimmt hat, sieht es ganz danach, dass wir uns auf einen längeren Schlingerkurs einstellen müssen. Das ist leider das, was für die Psychologie oftmals nicht gut ist. Denn den Finanzmärkten sind schlechte Nachrichten oft lieber als Unsicherheit.
Man kann keine Zahl "erfinden" - Zahlen _gibts_ ganz einfach (aber Hauptsache man hat sich schön echauffiert gelle?)
@M: Darüber, ob es Zahlen "gibt" oder nicht haben Mathematiker und Philosophen schon vor Jahrhunderten gestritten und sind heute noch zu keiner Einigung gekommen. Aber darum gehts ja auch gar nicht: sondern darum, dass man sich anscheinend keine Gedanken mehr darum macht, wieviel Geld für einen bestimmten Zweck benötigt wird sondern sich einfach irgendeine Zahl ausdenkt die gut klingt!
@M: Ich bezweifle, dass man meinen Text in dieser Beziehung wirklich falsch verstehen kann. Aber Haupsache man kann sich ein bisschen echauffieren, richtig? ;-)
langweiler
http://scienceblogs.com/pharyngula/
Weeehhhh...
Achterbahn an den Börsen.
Soviel zum Thema Psychologie. ;)
Vielleicht hättest du auch erwähnen sollen, dass ein weiteres Problem ist, dass niemand weiß wieviel "Wert" der ganze Spass ist den man hiermit deckt. Die Regierung schenkt das ja nicht einfach nur, da soll ja am Ende auch wieder was zurückfließen wenn es wieder stabiler zugeht. Insofern geht es hier schon zum Teil um den psychologischen Aspekt aber ich bin mir nicht sicher ob der Satz "We just wanted to choose a really large number." so zu verstehen sein soll. Ich würde sogar vermuten, dass es sich hier vielmehr um eine Schätzung (wie von dir ausgeschlossen) handelt. Darauf weißt auch "It's not based on any particular data point," hin. Außer da fehlen jetzt noch Zitate/Infos. Auf Basis dieser beiden Zitate würde ich jedoch nicht sagen, dass sie sich die Zahl einfach ausgedacht haben, sondern vielmehr eine sehr grobe (große?) Schätzung gemacht haben. Am Ende ist nicht klar ob es zu viel oder zu wenig oder einfach völlig unnütz ist. (Ich finds amüsant wie Amis immer von "ihrem Geld" reden was da verschleudert wird, wie kommen die darauf das Geld würde ihnen gehören? Vielleicht haben sie einen Teil zu diesem Geld beigetragen, aber selbst wenn das Geld mal in ihrem Besitz war ist es das jetzt nichtmehr..sonst geh ich gleich in den nächsten Supermarkt und verlange "mein Geld" aus der Kasse.)
@Samin: Kann ich nicht nachvollziehen. Er spricht doch von "choose"...?!
Seit wann handeln Börsianer denn nach vernünftigen Maßstäben? Das Pendel schlägt ständig zwischen Überreaktion auf schlechte Nachrichten euphorische Übertreibungen nach oben auf gute Nachrichten hin und her. Um zu der Meldung zu kommen: meine Ansicht ist, dass etwas getan werden muss. Denn wenn die Banken kein Geld mehr haben, können sie auch nichts mehr finanzieren. Wenn nichts mehr finanziert werden kann, werden die wirtschaftlichen Folgen für jeden spürbar werden. Daher denke ich, dass hinter dieser erfundenen Zahl doch System steckt. Denn um die Wirtschaft zu retten wird man unter anderem auch die Fantasie der Börsianer anregen müssen, damit sie wieder investitionsfreudig werden. Angesichts der Schwere des Schadens kann eine positive Fantasie nur durch eine Hammermeldung erzeugt werden. Ohne positive Fantasie gibt es nun mal kein weiteres Geld von den Investoren. Und daher teile ich weder Entsetzen noch Bedenken zu dieser offenbar mehr oder weniger aus der Luft wie gegriffenen Zahl, sondern finde eher, dass die Maßnahme an die Mentalität der Zielgruppe angepasst ist. Mal abgesehen davon: gibt es irgendjemand, der die wahre Höhe des eingetretenen Schadens auch nur annähernd korrekt berechnen könnte?
@Draußen-Blogger: Die Dynamik mancher Märkte ist in dem Kommentar leider sehr gut beschrieben. Die Frage ist doch aber eher, ob man sich der Casino-Mentalität, die (zumindest bislang) teilweise an den Börsen herrschte, anschließt und diese durch "Fantasie-Zahlen" etc. noch anregt und bestätigt, oder ob man irgendwo den Schlussstrich zieht und ein solches System nicht weiter unterstützt. Von marktwirtschaftlichen Prinzipien haben sich viele Börsianer schon weit entfernt - mit fatalen Konsequenzen für die Wirtschaft an sich beim Platzen der entstehenden Blasen. Von einer Lösung, die dem Steuerzahler die Kosten für die Subprime-Zockereien aufbürdet, ohne dass gleichzeitig wenigstens Reformen angestoßen werden, halte ich recht wenig, ebenso wie von aus der Luft gegriffenen Zahlen...
Zum Glück wurde dieser Blödsinn nun ja vom Kongress gestoppt.
@Shin: Das mag für den Moment stimmen, ich gehe allerdings jede Wette ein, dass dieser "Blödsinn" nochmal wiederkommt. Spätestens in drei oder vier Tagen wird ganz sicher nochmal über eine abgeänderte Variante des "Bailouts" entschieden...
@Christian
Ja, ich hab es auch schon munkeln gehört. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, aber zumindest hat die Ablehnung eventuell eine gewisse Signalwirkung.
Interesantes Zitat. Ich wündere mich warum so viele Leser denken das ein Zweckloses verhalten könne mit "Psychology" gerechtfertigt werden.
Psychology bedeutet hier eigentlich Mangel von Vernünft. Eine demokratische Regierung sollte keine entscheidungen treffen die von die "Psychology" (in dem Sinn) der Bürger ausgeht. Genau wie ein Artzt sollte keine Behandlungen ausüben die nur wegen Ignoranz der Patient funktionert. Eine Placebobehandlung mag kurzfristig hilfen aber langfristig schaded sie die Glaubwürdigkeit des Artzts. Eine Demokratische Regierung hat einfach kein Mandat die Bürger zu täuschen.
Dieses Zitat erinnert an einem anderem, ähnlich notorisch: "We're an empire now, and when we act, we create our own reality..."
Verzeih mein Deutsch.
zum "choose": Problem ist wie gesagt ungewisser "Wert", darum musste hier einfach geschätzt werden und da man nicht zu wenig nennen wollte hat man eben eine große Schätzung angesetzt. Was ich schade finde ist das bei solchen populärverwertbaren Neuigkeiten immer eine Menge Leute mit Halb- oder Nullwissen ein Wort mitreden wollen [das bezieht sich jetzt auf niemanden hier, sondern Leute 'außerhalb'], dadurch entstehen Gerüchte und das verbreitet sich wie ein lauffeuer, so dass am Ende keiner mehr weiß was jetzt richtig und falsch ist. Fakt ist, dass zurzeit eine Menge Leute ihren Mund aufmachen und sagen "das geht doch alles viel besser", die bisher noch nichtmal ihren kleinen Finger in Richtung Finanzmarkt gerichtet haben und diese Leute meine ich wenn ich über Gerüchtequellen spreche. (Wie ist wohl die beim gemeinen Volk beliebte Idee "Politiker sitzen nur faul rum" entstanden? Genau so.) Darum halte ich mich lieber zurück wenn es darum geht Beschuldigungen auszusprechen und mit dem nackten Finger auf andere zu zeigen und versuche lieber mögliche Alternativen zu sehen. (Ja, ich hab das Gefühl dass zurzeit viele Leute wieder lieber in einer Stillstandgesellschaft leben anstatt Wert auf Veränderungen zu leben.. ein Wunsch nach Sicherheit den man vielen bei der derzeitigen (Finanz)Lage vielleicht garnicht schlechtreden sollte)