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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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08.05.08 · 21:53 Uhr
Skandal: Atommüll-Endlager aus Schrottbeton - aber was ist dran?
Kategorie: Technik·Umwelt · Kommentare: 1
Zum Wochenende liefern uns die Nachrichtenagenturen nochmals eine Meldung zum Aufregen: Weil ein Betonhersteller sparen wollte, verwendete er billiges Steinmehl statt Zement. Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge wurde der Schrottbeton möglicherweise auch beim Bau eines atomaren Zwischenlagers verwendet.
Wie die SZ, der FOCUS und SPIEGEL Online übereinstimmend berichten, sollen insgesamt 35.000 Kubikmeter so genannter „Schrottbeton" - hergestellt aus Steinmehl und Bauschutt - beim Bau des atomaren Zwischenlagers des KKW Neckarwestheim im Jahr 2004 verbaut worden sein. Aber nicht nur dort - auch für Gebäude der Messe Stuttgart, die Museen der Automobilhersteller Mercedes Benz und Porsche und zahlreiche öffentliche Bauten soll der minderwertige Beton eingesetzt worden sein, so ehemalige Mitarbeiter des Betonherstellers. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt bereits und auch das Umweltbundesamt hat sich eingeschaltet, und will nun die Sicherheit des Zwischenlagers Neckarwestheim prüfen.
Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wäre dies nur ein weiteres Beispiel dafür, in welchem Ausmaß die um sich greifende „Geiz ist geil"-Mentalität inzwischen die öffentliche Sicherheit gefährdet. Gerade aus dem Bereich der Kernkraft, einem Bereich, in dem naturgemäß eine ganz besondere Sorgfaltspflicht geboten ist, sind ja in letzter Zeit bereits einige Schauergeschichten an die Öffentlichkeit gedrungen: Wasser in den Kellern von Biblis, Vermessungen mit einfachen Zollstöcken, anspruchsvolle Arbeiten ausgeführt nicht von Fachkräften sondern von „billigeren" Leiharbeitern. Der Einsatz von minderwertigem Beton würde hier gut ins Bild passen, auch wenn in diesem Fall wohl der Bauunternehmer sparen wollte - und nicht der Betreiber des KKW Neckarwestheim, die EnBW Kernkraft GmbH.
Der Unternehmer streitet übrigens alles ab - und obwohl ich gewiss kein Optimist bin, wenn es um „Corporate Responsibility" geht, bin ich geneigt, ihm zumindest zuzuhören. Denn die SZ berichtet wahrhaft Seltsames über die angeblichen Vorgänge im Betonwerk. Ein Auszug:
Der Mischmeister an der Anlage habe dies nicht verhindern können, da der Prozess via Internet aus der Firmenzentrale oder vom Chef "mit seinem Laptop sogar auch aus dem Auto heraus" gesteuert worden sei. "Diese Manipulationen konnte ich direkt am Bildschirm mitverfolgen, aber ich konnte sie nicht verhindern", sagte ein früherer Mitarbeiter. Sein Ex-Kollege erklärte: "Der Maus-Cursor bewegte sich während dieses Eingriffes selbständig, so dass wir nicht mehr die Kontrolle über die Produktion und Mischanlage hatten."
Nun ist die Fernsteuerung einer komplexen Anlage per Funk zwar prinzipiell möglich, und auch die „Fernübernahme" eines PC mitsamt sich von selbst bewegendem Mauszeiger lässt sich technisch einrichten - dennoch klingt die Geschichte für meine Ohren schon fast zu absurd um wahr zu sein. Warum hat der „Chef" die Beimischung des minderwertigen Materials nicht einfach automatisiert oder einen Mitarbeiter, der breit gewesen wäre sich darauf einzulassen, damit beauftragt im richtigen Moment ein paar Knöpfe zu drücken? Die Vorstellung, wie der Unternehmer auf der Straße vor dem Werksgelände im Rücksitz seines Autos mit dem Laptop auf dem Schoss und der WiFi-Antenne auf dem Dach die Remote-Control-Software aktiviert, während die uneingeweihten Mitarbeiter im EDV-Raum staunend den Bildschirm beobachten, auf dem sich der Mauscursor von alleine bewegt - das ist ja schon eine filmreife Szene! Allerdings eine, die selbst einem James-Bond-Film schon die Kritik des mangelnden Realismus einbringen würde....
Ich kann mir gut vorstellen, dass jemand auf die Idee kommen könnte, dem Beton minderwertigen Abfall beizumischen, um ihn auf diese Weise zu „strecken" und die eigenen Kosten zu senken. Ich kann mir dagegen beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand die Sache allen Ernstes auf eine solch umständliche und effektheischende Art und Weise umsetzen würde, wie die ehemaligen Mitarbeiter dies beschreiben. Die Überprüfung des Zwischenlagers durch das Umweltbundesamt wird die Wahrheit hoffentlich bald ans Licht bringen - und bis dahin bleibe ich zumindest skeptisch und hoffe, dass auch die Atomkraftgegner in und um Neckarwestheim abwarten und Tee trinken - denn mit einem Skandal, der sich am Ende als Nonsens herausstellt, wäre sicherlich außer den Apologeten der Atomkraftlobby niemandem gedient.
Autor: Christian Reinboth· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
Interessant sind immer wieder die "Fachtermini" -Schrottbeton/Minderwertig/Bröselbeton -und was es dergleichen sonst noch gibt...
Mein Vorschlag als Betontechnologe und daher Experte: Proben aus dem(n) bestehenden Bauwerk(en), bzw. Bauteilen entnehmen (Bohrkerne) und in einem fachkundigen Materialprüfamt auf Zusammensetzung und Eigenschaften untersuchen lassen. Auch wenn die Untersuchungsmethoden und deren Ergebnisse Spielraum lassen, sind diese immerhin ein Hinweis darauf, ob weitere Materialeigenschaften wie z.B. E-Modul Hinweise auf "Mischfehler" ergeben könnten... -und dann kann man ja weiter sehen, -oder?
Im Übrigen sind die Dokumentationen der laufenden Überwachungen nach DIN1045 (alt und neu) Grundlage für Bewertungen der Prüfergebnisse und deren daraus resultierenden Konsequenzen. (in begründeten Zweifeln kann bzw. muß(!) natürlich von den Normen im Sinne der Sicherheit abgewichen werden) Dafür vorab bereits jetzt schon einen schönen Gruß an die eigen- und fremdüberwachenden Stellen, bzw. "Ständigen Betonprüfstellen" und den "Zertifizierten Überwachungsstellen".
Besonders möchte ich in diesem Zusammenhang auf diverse "Betonprüfstellen" hinweisen, die sich den Anschein der Unabhängigkeit lediglich dadurch geben, dass ein besonders "innovativer Name" der -natürlich- zertifizierten Stelle kreiert wird, diese aber meines Erachtens nicht mehr darstellen, als den verlängerten Arm der Beton produzierenden Industrie, die sich dadurch lediglich einer unabhängigen Kontrolle entziehen wollen.
Dem Käufer des Produktes "Beton" wird dies keinesfalls klar gemacht, wenn dadurch gewisse Rabatte gewährt werden, -was eine Überwachung im Sinne der DIN 1045-3 allerdings ad absurdum führt. Hier würde gelten: Werkseigene Produktionskontrolle = Überwachung der Baustelle, -und das ist mitnichten das Gleiche!
Die Endkontrolle z.B. eines KFZ in der Endphase der Produktion ist nicht vergleichbar mit der Herstellung des Rohmaterials. Hier die Einzelkomponenten des Fahrzeuges, da das Fahrzeug. Hier die Lieferung des Rohmaterials Beton, da die daraus zu fertigenden Bauteile.
Um in der Analogie zu bleiben: Hier versagende Bremsen, da versagende Statik...