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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Heute lebt und arbeitet er als ScienceBlogs-Redakteur in München.

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16.10.09 · 18:00 Uhr

Schulsport macht schlau: Die Korrelation von Körpergewicht und Schulleistung

Kategorie: Kultur·Medizin  ·  Kommentare: 4

Dickere Kinder sind schlechtere Schüler. Das ist eines der interessanten Ergebnisse einer aktuellen Studie. Allerdings wartet die Untersuchung auch mit einer hoffnungsvollen Botschaft auf: wenn Grundschüler gezielt in ein kontinuierliches Sportprogramm eingebunden werden, dann purzeln die Pfunde und die Noten werden besser.
Kindersport.jpg
Das ist - leicht verkürzt - das Fazit einer Längsschnittstudie, die Forscher der Deutschen Sporthochschule Köln im Auftrag des Vereins "Klasse in Sport" durchgeführt haben. Und die Bekanntgabe der (vorläufigen) Ergebnisse fällt in eine Zeit, in der viel darüber diskutiert wird, wie das Idealgewicht der Fetisch unserer Zeit wurde und wer davon profitiert.

Das Idealgewicht oder: Der Tanz um den goldenen Body-Mass-Index

Fest steht: noch nie zuvor wurde der Frage nach den Ernährungsgewohnheiten und dem Körpergewicht so viel Platz eingeräumt. Und fest steht auch, daß übergewichtige Menschen pauschal als undiszipliniert und Belastung für das Gesundheitssystem angesehen werden. Wer den BMI-Wert von 25 übertrifft, gilt vielen Gesundheitspolitikern schon als Problemfall.

Es ist gut, daß Autoren wie der Soziologe Friedrich Schorb dieses Zerrbild nun gerade rücken und mit dem Vorurteil aufräumen, daß dick, doof und arm zwingend zusammengehören.* Es bleibt aber dennoch richtig und wichtig, daß untersucht wird, welche Effekte körperliche Fitneß hat - in gesundheitlicher und sozialer Hinsicht.

In diesem Kontext ist die eingangs erwähnte Studie spannend. Insgesamt 2.807 Kinder im Grundschulalter nahmen an der Untersuchung teil (darunter 48,2% Mädchen und 51,2% Jungen). Die Evaluation der Auswirkungen eines Sportprogramms wurde von 2006-2009 durchgeführt.

Körpergewicht korreliert mit der Schulleistung

Aus vielen, vielen anderen Untersuchungen ist bekannt, daß passive Freizeitbeschäftigungen, Bewegungsmangel und eine mangelhafte körperliche Leistungsfähigkeit zusammenhängen. Wen wundert's, daß viele Kinder große SWchwierigkeiten haben einen Ball zu fangen und die Aufgabe den Ball prellend einen Parcours zu durchlaufen zur unlösbaren Aufgabe geworden ist.

Computer- und Videospiele mögen manche Fähigkeiten fördern, die Koordination und die Ausdauer werden nicht besser.

Insofern ist einer der Befunde der Kölner Studie nicht überraschend:

Bei der Betrachtung der Grundgesamtheit ist festzustellen, dass die übergewichtigen Kinder gegenüber den unter- und normalgewichtigen Kindern schlechtere Leistungen im sportmotorischen als auch im kognitiven Bereich aufweisen. So weisen sie im Bereich der Ausdauerleistungsfähigkeit deutlich schwächere Ergebnisse aus.
Je älter, desto dicker.
So weit, so gut. Ein anderer Befund ist da interessanter (aber genauso unerfreulich): je älter die Kinder werden, desto größer wird der Anteil der übergewichtigen Kinder. (Bei den 6-jährigen gelten - der Studie zufolge - 15% als übergewichtig, bei den 12-jährigen fallen 26% in diese Gruppe).

Wirklich interessant wird es beim Vergleich der kognitiven Parameter: beim Konzentrationstext schnitten die übergewichtigen Kinder jeweils deutlich schlechter ab als die Kinder der anderen BMI-Gruppen. Und das bestätigt sich auch im Vergleich der Schulnoten:**

BMI_Schulleistungen.jpg

Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Effekte es hat, wenn die Kinder ein regelmäßiges Sportangebot wahrnehmen. Nach drei Jahren zeigte sich zunächst (was weniger verwundert), daß der Anteil der übergewichtigen Kinder sich deutlich reduziert hat. (In der Grundgesamtheit der 11-jährigen sind 36% übergewichtig, unter den Kindern, die 3 Jahre lang (Schul-)Sport gemacht haben, reduziert sich dieser Anteil auf 14%).

Allerdings hat der Sport auch positive Effekte auf die schulischen Leistungen. Die Kinder, die das Sportprogramm über drei Jahre lang durchlaufen hatten, erzielten letztlich eine Durchschnittsnote in Deutsch von 2,33, in Mathe von 2,26. Diese Noten sind zwar nicht ganz gravierend, aber doch sichtbar besser als die Deutschnote von 2,52 bzw. Mathenote von 2,49 bei den anderen (nicht sportlich geförderten) Kindern.

Dieses Ergebnis ist natürlich ein starkes Argument für mehr Schulsport (anstatt einer weiteren Reduktion der Sportstunden). Ein wenig bedauerlich ist nur, daß lediglich 252 Kinder das gesamte Programm mitgemacht haben und somit die Evaluation doch ein wenig auf wackligen Füßen steht. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse interessant.


--

* Schorb, Friedrich: Dick, doof und arm: Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert. Droemer, 2009.
** Schaubild aus den Ergebnissen der Studie: „Klasse in Sport - Initiative für täglichen Schulsport" - Evaluation 2006 bis 2009, erarbeitet von Prof. Dr. Jürgen Buschmann et. al., DHS Köln in Kooperation mit "Klasse in Sport"

 

Autor: Marc Scheloske· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Trackbacks (1)

Dicke Schüler haben schlechte Noten · Blog ohne Diät · 19.10.09 · 14:13 Uhr


Kommentare (4)

Kommentar-Direktlink adenosine· 19.10.09 · 11:39 Uhr

Vielleicht auch so: "Lehrer geben dickeren Schülern schlechtere Noten"

Author Profile Page Marcus Anhäuser· 19.10.09 · 11:59 Uhr

oder: "Eltern mit höherem Bildungsstand achten mehr auf die Ernährung ihrer Kinder?"

Author Profile Page Marc Scheloske· 21.10.09 · 23:19 Uhr

@adenosine und Marcus:

Jep. Sehr, sehr richtig. Und mir selbst ist noch eine andere Variante im Sinn gewesen. Im Kern geht die Überlegung in Richtung des Henne-oder-Ei-Dilemmas. Was also ist Ursache und Wirkung?

Sind die Kinder (etwas) dicker und haben daraufhin schlechtere Noten? (Weil - vgl. adenosine - bspw. die Lehrer mit Bias bewerten?)

Oder: Neigen schlechtere Schüler häufiger zum (Frust)Essen? Also: Sind erst die schlechteren Noten da und dadurch möglicherweise eine Ausgrenzung innerhalb der Klasse oder Stress mit den Eltern oder eigene Minderwertigkeitsgefühle und die führen dann erst zur Gewichtszunahme?

Kommentar-Direktlink Matze· 22.10.09 · 19:05 Uhr

Es ist falsch, sich in diesem Zusammenhang, bzw. vor dem Hintergrund einer solchen Studie über die Schulnotenvergabe Gedanken zu machen. Vielmerh richtet sich die Studie - was evtl. nicht explizit aus dem Artikel hervorgeht - an die bildungspolitische Diskussion als Teil der gesellschaftlichen Diskussion von Bewegungsmangel und Übergewicht und deren - nicht nur finanzielle - Konsequenzen (Ein Blick in die Staaten reicht schon aus, um die Tragweite zu sehen). Denn schließlich geht es um die Individuen, die schon früh Diabetis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu höherer Verletzungsgefahr ausgesetzt sind (Koordinationsschwäche, periphäres Sehen etc.). Fakt ist, dass eine ganzheitliche Erziehung, wozu Bewegung, musische oder kreativ-künstlerische Erziehung, Gesundheitserziehung etc. genauso gehören, nicht auf PISA-relevante Fächer reduziert werden darf. Selbsterfahrung und -wahrnehmung, soziale Kompetenzen und Entspannung oder Ausgleich durch den Sport kommen bei allein 40.000 ausfallenden Sportdtunden pro Woche in NRW denkbar zu kurz. Die Studie zeigt aber, dass sich keine Zielkonflikte zwischen PISA-relvanten und PISA-fernen Fächern ergeben, sondern vielmehr Zielharmonien, die für das einzelne Kind vielmehr Vorteile bringt. Die Einstellung zu Bewegung und SPort wird in jungen Jahren gelegt und weitesgehend von dem Bewegungs- und Ernährungsverhalten der Eltern geprägt. Neben nicht zu unterschätzenden genetischen Veranlagungen spielen die Eltern und das Bewegungsverhalten des Kindes eine wesentliche Rolle in der Übergewichtsproblematik und in der Gesundheitsförderung. Prädeterminiert durch emotionale oder soziale Isolation, die Ursache oder Folge von Übergewicht oder motorioscher Entwicklungsförderung sein kann (hier trifft der Huhn-Ei-Vergleich bestens). Dass Übergewicht - und da sind sich alle Studien einig - leider in "bildungfernen" oder "sozio-ökonomisch" niedrigeren Milieus signifikant häufiger auftritt, ist bedauerlich, legt aber genau für diese Schulen eine enorme Bedeutung in die ganzheitliche Erziehung. Denn nur dort holt man alle Kinder ab. Wenn dort solche Aktivitäten durchgeführt werden, die dem Schulsport aus seinem "Schattendasein" holen, kann ich das nur begrüßen, und den Lehrern, für die dies sicherlich ein erheblicher Mehraufwand ist, nur ein Lob aussprechen.

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