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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Heute lebt und arbeitet er als ScienceBlogs-Redakteur in München.
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04.08.09 · 15:15 Uhr
Guter Stress, schlechter Stress
Kategorie: Kultur · Kommentare: 1
Wir sind eine gestresste Gesellschaft. Da gibt es den beruflichen Stress, wenn uns die überzogenen Ansprüche des Chefs unter Leistungsdruck setzen und genauso den Freizeitstress, dem sich viele freiwillig aussetzen. Stress ist allgegenwärtig. Doch: ist Stress eigentlich immer schlecht oder kann er auch positiv wirken? Aktuell sind höchst widersprüchliche Meldungen zu lesen...
Stress wird ja zunächst fast immer als unangenehm empfunden. Wie sollen wir nur die viel zu vielen Termine unter einen Hut kriegen? Wie sind die viel zu hohen Anforderungen zu meistern, die an uns gestellt werden? Wer wirklich gestresst ist, kann diesem Gefühl vermutlich wenig positives abgewinnen. Da paßt es ins Bild, wenn portugiesische Wissenschaftler jetzt berichten, daß Stress vor allem negative Effekte hat und - wenigstens bei Ratten - zu Hirnveränderungen führt.
Lähmender, lernfeindlicher Stress
Wie letzte Woche bei Science zu lesen war, schnitten gestresste Ratten bei verschiedenen Tests deutlich schlechter ab, als ihre entspannten Artgenossen. Eduardo Dias-Ferreira und Nuno Sousa von der Universität Braga in Portugal hatten ihre Versuchsratten auf ganz verschiedene Arten gestresst: sie etwa einmal täglich ohne Vorankündigung ins Wasser geworfen, ihren Bewegungsraum eingeengt oder sie für zehn Minuten mit einem stärkeren Männchen zusammengesperrt.
Ratten mit dauerhaftem Stress schneiden in Lerntests schlechter ab und büßen Kreativität ein.
Bei anschließenden Tests - die Ratten mußten verschiedene Tasten betätigen, um an Futter zu gelangen - lernten die gestressten Ratten deutlich schlechter und drückten oft weiterhin die falschen Tasten. Und auch im Gehirn zeigten sich Veränderungen: bei den Ratten waren Hirnbereiche zurückgebildet, von denen bekannt ist, dass sie an zielgerichtetem Denken und logischen Entscheidungen beteiligt sind.
Klingt alles irgendwie plausibel. Stress ist böse und macht uns zu Gewohnheitstieren, die stupide dieselbe Taste drücken und nicht bemerken, daß es kein Futter mehr gibt.
Stress als Doping
Doch halt! Bevor wir voreilige Schlußfolgerungen treffen: da tickert doch tatsächlich eine weitere Meldung rein: "Stress verbessert Gedächtnisleistung". Na sowas?
In dieser - ebenfalls aktuellen Studie - haben Wissenschaftler der Universität Buffalo ihre Versuchsratten ebenfalls unter Stress gesetzt. Die Ratten mußten rund 20 Minuten im Wasser um ihr Leben strampeln - danach sollten sie den Weg durch ein Labyrinth finden, was zuvor mit ihnen trainiert wurde.
Aber: Akutstress verbessert die Gedächtnisleistungen.
Das interessante Ergebnis: die gestressten Ratten fanden den Weg besser als ihre Kollegen, die nicht Schwimmen mußten. Die Forscher waren nicht überrascht: sie vermuteten, daß das Neurohormon Corticosteron hier eine Rolle spielt. Und tatsächlich: als sie in einem weiteren Versuch mit einem Medikament den Signalweg des Corticosteron blockierten, war der Vorteil der gestressten Ratten dahin. Die positive Wirkung des Stresshormons auf den präfrontalen Cortex konnte sich nicht entfalten.
Stress: Die Dosis macht das Gift
Was lernen wir daraus? Hängt es vom Zufall ab, ob wir vom Stress profitieren oder nicht?
Die Antwort ist - wenigstens solange man nur diese beiden Studien zugrundelegt - recht einfach. Es kommt auf die Stress-Dauer an. Akutstress wirkt ganz offensichtlich durchaus positiv, spornt uns an, verbessert bestimmte hirnphysiologische Parameter.
Dauerstress bzw. chronischer Stress allerdings (die Ratten in der ersten Studie wurden über 3 Wochen lang "gestresst") ist offensichtlich dysfunktional; wir werden weniger kreativ, weniger entscheidungssicher.
In diesem Sinne: lassen wir uns also nicht stressen, jedenfalls nicht dauerhaft!
- Eduardo Dias-Ferreira, João C. Sousa et al.: Chronic Stress Causes Frontostriatal Reorganization and Affects Decision-Making, Science, 31.7.2009, DOI: 10.1126/science.1171203
- Eunice Y. Yuena, Wenhua Liua et. al.: Acute stress enhances glutamatergic transmission in prefrontal cortex and facilitates working memory, pnas, Published online before print July 29, 2009, doi: 10.1073/pnas.0906791106
Autor: Marc Scheloske· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
Die Theorie vom "guten Stress" habe ich eigentlich immer für wenig brauchbar gehalten.
"Stress" in seiner ganz oberflächlichen Definition hat ja auch eher seinen Ursprung im tierischen Instinkt, bzw. in der hormonellen Ausschüttung - wie im Bericht schon beschrieben - zu einer bestimmten "Herausforderungs- Situation". Dies betrifft aber meistens eine Reaktion der höchsten Alarmstufe, die den Selbsterhalt gewährleisten möchte. Fluchtreaktionen, Angriffsverhalten - viel mehr wohl nicht.
Wenn der Stress also zum tatsächlichen "Stress- Faktor" wird, kann sich das eigentlich gar nicht auf eine "gute" Situation beziehen.
Stress sollte darüberhinaus auch nicht mit dem "Flow" verwechselt werden.
In diesem Zustand schaltet der Mensch ab, und kann (auch durch äußerliche Stressfaktoren, die ihn aber dann gar nicht mehr belangen) z. B. durchgehend und fast bedingungslos einer Arbeit nachgehen.
Wenn man diese Person dann von Außen betrachtet, mag man aufgrund seines Arbeitspensums vielleicht schon denken, er habe Stress. Tatsächlich entspricht dieser "gute Stress" aber eher einem "Antrieb", der keinerlei Stress-Symptome aufweist. Darum "Flow" genannt.
Wieder einmal eine Definitionsfrage, die auf Begriffen basiert, die wir wörtlicher nehmen, als sie sind.
Davon abgesehen mag es durchaus ein Zeichen der "Lebendigkeit" sein, kurze Momente dem wahren "Stress" (vgl. Instinkt- Reaktion / Todesangst) ausgeliefert zu sein.
Jeder, der mal Achterbahn gefahren ist, wird dies bestätigen können.
Aber dass einem danach eben auch die Beine schlackern und vielleicht auch noch die Gliedmaßen als Resultat der Anspannung weh tun, lässt schon ziemlich einfach bewerten, dass Dauerstress kein "guter" Zustand sein kann.