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Marc Scheloske ist Sozialwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist. Nach dem Studium an der LMU München war er an einer Studie zur Risiko- kommunikation für die EU beteiligt. Heute lebt und arbeitet er als ScienceBlogs-Redakteur in München.
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16.05.09 · 18:30 Uhr
Wolfram Alpha: Viele Zahlen, wenig sozialwissenschaftlicher Sinn. Eine Antwortmaschine auf der Suche nach ihrer Form
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 4
Der Anspruch könnte größer kaum sein: Wolfram|Alpha, der seit Wochen mit Hochspannung erwartete Dienst, will eine neue Ära der Informations- und Wissenspräsentation im Internet einleiten. Dabei will Wolfram Alpha ausdrücklich keine Suchmaschine á la Google sein, nicht eine bloße Auflistung von Webseiten liefern, sondern echte Antworten auf echte Fragen ausgeben.
Seit einigen Stunden ist Wolfram|Alpha nun online - ein erster kurzer Test, ob die Antwortmaschine hält, was ihr Name verspricht.
Die Vorabinformationen zu diesem hochambitionierten Projekt waren mehr als vielversprechend. Stephen Wolfram, einstiges Wunderkind, Physiker, Mathematiker und Vater des legendären Matheprogramms "Mathematica", arbeitet seit rund vier Jahren mit einem stattlichen Expertenteam an einem System, das Informationen aus einer Unmenge an Datensätzen auswertet, kombiniert und als Antwort in Form von Tabellen und Graphen ausgibt.
Beginn einer neuen Ära? Wolfram Alpha will ausdrücklich keine Suchmaschine á la Google sein, sondern echte Antworten auf echte Fragen liefern.
Um wirklich relevante Resultate auszugeben - so die wohlklingende Ankündigung - , setzt Wolfram Alpha auf ein Technologie, die einerseits eine (semantische) Interpretation der Fragestellung leistet, andererseits Informationen aus Datenquellen - die eine Art Qualitätsprüfung durchlaufen haben - berechnet und bündelt.
Insgesamt, so erklärt Stephen Wolfram in den letzten Tagen mehrmals, müsse "Wolfram|Alpha" als "Maschine zur Berechnung menschlichen Wissens" angesehen werden, im ZEIT-Interview sagte er:
"Wir benutzen als Ausgangsmaterial das gesamte Wissen der menschlichen Zivilisation, mit dem sich Berechnungen anstellen lassen."
Über die Grenzen der Berechnung
Doch was läßt sich denn nun auf diese Weise tatsächlich "berechnen"? Welche Antworten liefert diese Wissensmaschine beispielsweise auf Fragen mit sozialwissenschaftlicher Akzentsetzung? Ist Wolfram|Alpha ein sinnvolles Instrument zur Informationsbeschaffung für sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Fragestellungen?
Lassen sich relevante Antworten tatsächlich "berechnen"? Ist Wolfram|Alpha ein taugliches Instrument zur Informationsbeschaffung?
Auch in der Soziologie rekurriert man natürlich immer wieder auf "harte" Zahlen und Daten. Einkommen, Altersdurchschnitt, Bildungsgrad, Ausländeranteil, Konfessionszugehörigkeit etc., lauter sozio-ökonomische Daten, die interessant sein können. Findet man die mit Wolfram Alpha?
Eine der Stärken sei, so war zu lesen, die übersichtliche Darstellung der Informationen. Und sicher, wenn ich die Lebenserwartung in Deutschland und Frankreich wissen will, so erhalte ich tatsächlich die Antwort, daß die Franzosen im Schnitt 81 Jahre alt werden, die Deutschen lediglich 79.3 Jahre. Aber - hier beginnen schon die Einwände - wie verhält es sich mit der Lebenserwartung bei Männern und Frauen? Wie ist die historische Entwicklung? Und auf welche Datenbasis und welchen Zeitpunkt beziehen sich die angebenen Werte?
Dennoch: mit ein wenig Glück bekommt immerhin ein halbwegs informatives Ergebnis. Allzu oft reagiert das System allerdings mit Schulterzucken: auch auf simple Keyword-Kombinationen erhält man ein lapidares: "Wolfram|Alpha isn't sure what to do with your input."
Und mehr als die bescheidene Information, daß es in Deutschland Katholiken, Protestanten, Muslime und andere Religionen gibt, war der Wissensmaschine auch nicht zu entlocken. Andernorts - etwa bei der Wikipedia - erhält man deutlich bessere und detailliertere Auskünfte, was die Konfessionszugehörigkeit und Bedeutung verschiedener religiöser Gruppierungen angeht.
Nicht ganz so schlecht ist das Ergebnis auf die Frage nach dem Bevölkerungswachstum. Hier werden einige Kennzahlen wie etwa die jährliche Geburts- und Sterberate, wie auch die Gesamtbevölkerungsanzahl ausgegeben.

Doch auch hier gilt: bei der Wikipedia - beispielsweise auf der Seite zur Demographie Deutschlands - ist man wesentlich besser und umfassender informiert.
Wolfram|Alpha: Die programmierte Ahnungslosigkeit
Nun bestehen die Sozialwissenschaften allerdings nicht allein aus dem Wissen über bestimmte statistische Kennzahlen. Es geht um Bedingungen, Sinn und Strukturen menschlichen Zusammenlebens, um das Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft und generell um die Organisations- und Funktionsprinzipien von sozialen Systemen.
Die mit viel Vorschußlorbeeren ausgestattete Antwortmaschine liefert nichts außer Fehlermeldungen oder Quasi-Antworten.
Wie steht es also, wenn man Wolfram|Alpha einige Grundbegriffe wie Handlung, Macht, Individuum oder Organisation vorsetzt? Wie schon zu erwarten war, liefert die mit so viel Vorschußlorbeeren ausgestattete Antwortmaschine nichts außer Fehlermeldungen oder Quasi-Antworten, denen eine falsche Interpretation der Frage zugrunde liegt.
Auch die Hoffnung, daß man irgendwelche Definitionen oder hilfreiche Infos zu anderen Fachbegriffen wie "Risk Assessment" oder "Public understanding of Science" erhalten könnte, kann man sich abschminken. Jürgen Habermas ist immerhin bekannt und man erfährt, daß es sich um einen Philosophen handelt, der 1929 in Düsseldorf geboren wurde. Von Niklas Luhmann hat die schlaue Maschine dagegen noch nie etwas gehört.
Aber was erwartet man auch von einer Webanwendung - ganz egal, ob man sie nun Antwortmaschine, Wissensmaschine oder sonstwie nennt - , die auf die Eingabe von ScienceBlogs nichts anderes als:
"Did you mean Scientology?"
antwortet?

Damit disqualifiziert sich Wolfram Alpha ja wohl endgültig, oder? Und ich gehe mal nicht davon aus, daß Wolfram|Alpha die ebenfalls wenig positiven Tests von Thilo, Ali, Jörg oder Florian zur Kenntnis genommen hat und deswegen rumzickt. ;-)
Meine Gesamtwertung: 2/10 Punkten.
Links:
- Der Weltrechner, Interview mit Stephen Wolfram in der ZEIT
- David Talbot: Wolfram Alpha vs. Google, Technology Review Blog, 6.5.2009
Autor: Marc · 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Antwortmaschine· Internet· soziologie· Suchmaschine· Wolfram Alpha
Trackbacks (3)
WolframAlpha im ScienceBlogs-Testlabor · Neurons · 18.05.09 · 01:00 Uhr
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Kommentare (4)
"Did you mean scientology?" Das war mein Lacher des Tages!
Etwas einseitig betrachtet, wie ich finde.
Direkt auf der Startseite von Wolfram|Alpha finden sich ein paar Hinweise und Beispiele für die derzeit mögliche Nutzung. Freilich ist man bei Wikipedia umfassender informiert, allerdings muss man da auch erst suchen und scannen, um die gewünschten Informationen zu erhalten. Ob die dann zuverlässig sind, weiß man allerdings nicht immer. So wenig sich Google mit WA vergleichen lässt, so wenig kann man auch Wikipedia mit WA vergleichen.
Wobei man über Google zu Beginn sicher auch gelacht hat.
Jedenfalls muss ich mich per Google immer erst durch Websites und Texte stöbern, bevor ich die passende Info gefunden habe, der Großteil ist Schrott. Wenn ich weiß, was für Informationen mir z. B. WA liefert, gebe ich doch lieber gleich meine Frage dort ein und erhalte sofort ein Ergebnis, das erübrigt viele mühsame Google-Suchanfragen.
Zudem steht dort im Blog auch etwas von long-term-projekt. Allein mit den Daten, die derzeit gesammelt werden durch die vielen Interessierten, lässt sich sicher einiges anfangen. In fünf Jahren weiterer Entwicklungszeit sieht dieses Programm sicher noch einmal ganz anders aus mit einer deutlich breiteren Datenbasis und mehr Usability. Dass dann Scienceblogs zu einem Ergebnis führt, wage ich aber zu bezweifeln ;-)
Nur meine Meinung. Der Artikel macht einen etwas konservativen Eindruck auf mich.
@Christian:
Klar ist, daß mein Artikel mein subjektiver, erster Eindruck ist. Ich habe mich etwa 2-3 Stunden mit Wolfram Alpha beschäftigt, zuvor einige Artikel und Interviews gelesen und auch die Anwendungsbeispiele angesehen. Und ich habe nirgendwo behauptet, daß mein kleiner Text eine umfassende, alle Nutzungskontexte berücksichtigende Darstellung sei. ;-)
Ich habe Wolfram Alpha einfach hinsichtlich zweier Kriterien geprüft: 1. Hält das Tool annähernd das, was von Wolfram selbst in den letzten Wochen angekündigt wurde. 2. Ist es im Moment ein sinnvolles Instrument, um beispielsweise Fragen zu beantworten, die sich etwa innerhalb eines Soziologiestudiums ergeben.
Und Stephen Wolfram hat eben in Interviews solche Statements abgegeben:
Oder:
Und an diesen Aussagen gemessen, ist die Qualität der Antworten (und die Zahl der Fälle, wo die Antwortmaschine eben erst gar keine Antwort gibt) einfach etwas bescheiden.
Soviel dazu. Und mir ist sonnenklar, daß die Technologie zunächst mal eher Stärken im naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich hat (aber auch hier ist etwa Thilo vom Mathlog enttäuscht).
Dennoch habe ich mir eben erlaubt, auch "Fragen" aus anderen Wissensbereichen zu stellen. Schließlich wurde eben (nicht von mir, sondern von Wolfram) stets betont, daß es sich um eine Antwort- bzw. Wissensmaschine handele. Das ist der selbstformulierte Anspruch. Und daran gemessen ist es für mich momentan wenig beeindruckend, daß es mir die Einwohnerzahl einer Großstadt ausgibt, aber bereits bei der Aufschlüsselung von Religionsgemeinschaften innerhalb eines bestimmten Staates große Schwächen zeigt.
Deshalb vergebe ich auch nur magere 2 von 10 Punkten. Daß in 3-4 Jahren eventuell WolframAlpha viel überzeugender funktioniert, will ich doch gar nicht in Abrede stellen. Aber heute zum Start erfüllt es die Erwartungen m.E. nicht.
Hallo Marc,
okay, da stimme ich Dir auch zu - derzeit kann man damit noch nicht viel anfangen und aus der Perspektive hat die Seite/Software auch nicht mehr Punkte verdient. Aber ich denke, das Potenzial ist enorm hoch, die Maschine dürfte dank der verifizierten Quellen auch für Wissenschaftler interessant und vielleicht interessanter als Google werden; mit wachsender Datenbasis ("Wo kann ich günstig Elektronik kaufen") auch für normale Verbraucher.
Das Engagement dahinter ist auch enorm, wenn man sich mal die Bilder von der „Schaltzentrale“ anschaut, macht das den Eindruck eines NASA-Raumfahrt-Projektes.
Alles etwas hochstilisiert, sicher, aber irgendwie muss man ja zu Aufmerksamkeit kommen.