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08.03.10 · 10:20 Uhr
Chien-Shiung Wu zerbricht die Physik
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 8
Man kann sich nicht auf ein Experiment festlegen, dass die Physik am stärksten beeinflusst hat. Aber müsste man doch eine kurze Liste erstellen, so muss auf jeden Fall das Experiment dabei sein, das Frau Wu 1956 durchführte, und nachweisen konnte dass in der Schwachen Wechselwirkung die Parität verletzt wird. Bei dieser kleinen, schwachen Kraft wird unser Bild von Symmetrie im Raum zerdeppert.
Chien-Shiung Wu stammte aus Shanghai und ging nach ihrem Bachelor in die USA um ihre Promotion anzugehen. Sie arbeitete mit Ernest Lawrence in Berkeley, dem Nobelpreisträger und Erfinder des Zyklotron. 1940 promovierte sie und arbeitete später am Manhattan-Projekt. Sie galt als führende Expertin für den Beta-Zerfall, und setzte dieses Wissen ein, um in einem bemerkenswert eleganten Experiment 1956 die Paritätsverletzung in der Schwachen Wechselwirkung nachzuweisen, die Lee und Yang theoretisch vorhergesagt hatten.
Es dürfte eine der größten Ungerechtigkeiten sein, dass Lee und Yang den Nobelpreis erhielten, aber die Experimentatorin Wu übergangen wurde.
Parität, Spin und Betazerfall
Symmetrien sind die Grundlage der Physik. Durch die Betrachtung, wie Wechselwirkungen sich unter grundlegenden Symmetrien (Zeitumkehr, Ladungsumkehr, Raumspiegelung) verhalten, lernen wir etwas über diese Kräfte und invarante Größen.
Die Schwache Wechselwirkung ist (Überraschung!), die schwächste der Kräfte die im Atom wirken; die Gravitation ist noch viel schwächer und daher im Atom nicht relevant. Die Schwache aber verursacht den Betazerfall, und wurde daher im Zusammenhang mit Radioaktivität erforscht. So bemerkenswert macht sie die Tatsache, dass sie die P-Symmetrie verletzt, den Vorgang der Raumspiegelung. Dabei wird quasi allen Raumkoordinaten das umgekehrte Vorzeichen verpasst - auch wenn es intuitiv völlig klar wäre, dass sich dadurch nichts an einem Prozess tut - in der Schwachen passiert es doch.
Um das zu beobachten, braucht man den Spin: diese intrinsische Eigenschaft eines Teilchen ändert sich nicht unter Raumspiegelung. Daraus stammt die Idee für das Wu-Experiment: Man richtet die Spins von Atomen aus, die einen Betazerfall machen, und schaut sich an wo das Betateilchen, das Elektron, dann hinfliegt.
Das Experiment
Frau Wu nahm dafür Cobalt-60 Kerne. Bei enorm tiefen Temperaturen kann man diese dazu bringen, sich in einem Magnetfeld auszurichten, sodass alle Atom-Spins in eine Richtung zeigen. Das Atom macht einen Zerfall zu Nickel, bei dem ein Elektron e (und ein Anti-Elektron-Neutrino) herauskommen, und der Spin des emittierten Elektrons muss aus Erhaltungsgründen auch in die gleiche Richtung zeigen wie der das Cobalt. Dennoch sollte das Elektron in eine der beiden Richtungen, also in Richtung des Spin oder entgegen dazu, ausgesendet werden.
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Man stellt also auf beide Seiten einen Detektor (oder einfacher: Man nimmt einen Detektor und kehrt das Magnetfeld um) und zählt, wieviele Elektronen in jede der beiden Richtungen fliegen: Und nur ein Detektor sieht Elektronen, der in Gegenrichtung zum Spin. Die Raumspiegelung ist nicht erhalten.
Helizität
Die Richtung des Elektrons ist durch seinen Spin festgelegt - und diese Verbindung wird definiert durch das mitemittierte Neutrino. Dieses Teilchen kann nur über die Schwache Wechselwirkung interagieren, und besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, dass Spin und Flugrichtung gekoppelt sind. Das hier mitemittierte Antineutrino ist rechtshändig, das heißt dass Spin und Flugrichtung immer gleich zeigen.
Aus Erhaltungsgründen müssen sich die Spins aber zu 0 addieren, außerdem ist der Spin des Elektron festgelegt - und somit der des Antineutrino entgegengesetzt dazu. Daraus wissen wir dann aber auch in welcher Richtung des Antineutrino fliegen muss, in Richtung seines Spins, denn es ist immer rechtshändig. Wieder aus Erhaltungsgründen bleibt dem Elektron nichts weiter übrig, als in die andere Richtung zu fliegen.
Die Kopplung von Spin und Flugrichtung beim Neutrino verletzt die Parität maximal. Die Produktion gemeinsam mit dem Antineutrino begrenzt deswegen die eigentliche freie Flugrichtung des Elektrons.
Um nicht noch eine Ungerechtigkeit in einer Ungerechtigkeit zu begehen, sollte aber auch erwähnt werden, dass Frau Wu nur mit Hilfe des National Bureau of Standards durchführen konnte.
Den Nobelpreis für Physik für den experimentellen Nachweis, dass fundamentale, selbstverständliche Annahmen über die Symmetrie des Raumes nicht so gelten, hätte aber Chien-Shiung Wu verdient.
Autor: Jörg· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
Wirklich interessant. Ich hatte erst vor ein paar Tagen von Wu und ihrem Experiment und der Nobelpreisungerechtigkeit bei Lisa Randall gelesen.
Ich finde diesen Artikel sehr treffend, weil es heute International Women's Day ist. Ich habe sogar einen ping-back auf mein eigenes Blog geschrieben (C.S. Wu and the lack of a Nobel Prize).
Michael
Schöner Artikel, am Rande aber hier noch etwas zum von der Redaktion verzapften Teaser mit der Headline "Was hat das Nobelpreis-Komitee gegen Frauen?".
A: Möglicherweise gar nichts.
Und wenn doch, dann werden sie vom Nobelpreis-Komitee systematisch unterdrückt, es gilt dann vielleicht: Die Obpression des Patriarchats ist allgegenwärtig!
En passant kurz angemerkt: Es sind auch einige Moslems ganz verbittert, dass sie keine oder fast keine Nobel-Preise erhalten und dagegen die Juden so viele.
Alternativ könnte natürlich auch richtig sein, dass Frauen in Wissen- und Wirtschaft, zudem in einigen Denksportarten, ganz böse zusammenfassend: im kognitiven Bereich, nicht so superleistungsfähig sind.
Der Leser darf gerne entscheiden: Das böse unterdrückerische Patriarchat oder grundsätzliche [1] Leistungsschwäche.
MFG
WB
[1] "grundsätzlich", d.h. es gibt Ausnahmen (so wirds gleich verständlicher, gell)
@Webbär: Ich wüsste nicht, wie wir ohne deinen wertvollen Kommentare hier zurecht kommen würden. Und doch habe ich beschlossen, das ab sofort mal zu versuchen. Gibt ja noch genug andere Blogs zum vollschwafeln.
eine der sachen, die mich bisher beim Physikstudium am meisten gestört haben, war, dass in der Einführung in die Teilchenphysik von ihr grundsätzlich nur als "Madame Wu" gesprochen wurde...
Die These, dass Frauen angeblich fehlende Technik- und Naturwissenschaftareale im Gehirn haben, wird ja immer wieder aufgeworfen. Da finde ich dann solche interessanten Ergebnisse sehr erhellend: http://www.stanford.edu/group/gender/cgi-bin/wordpressblog/2010/02/malaysian-women-redefine-gender-roles-in-technology/
Offenbar sind die Frauen in Malaysia Wesen von einem anderen Stern. Oder die sind alle ganz, ganz viele Ausnahmen. Nur halt eben dort zusammengedrängt.
Ne die Wesen von einem anderen Stern sind die Männer die etwas von oben herab erzählen dass Frauen etwas fehlen würde. Wenn ich sehe, wieviel Image und "Männlichkeit" hier ausmacht in z.B. Ingenieursberufen, wundert mich nicht dass Frauen da schwer reinkommen oder es gar nicht erst versuchen. Schade, das ist ein Riesenverlust, und Länder die es schaffen Frauen in technische und wissenschaftliche Berufe zu bringen haben einen entscheidenden Vorteil. Soweit ich weiß, ist in Spanien der Frauenanteil in technischen Studiengängen auch viel höher.
@ Jörg den Webbaeren betreffend: DANKE für das Entsorgen dieses verbalen Sondermülls.