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Neues in der Kategorie Astronomia Nova
20. Mai 2009
Johannes Kepler: Astronomie Nova - Kapitel 4
Kategorie: Astronomia Nova·Naturwissenschaften·Themenwoche · Kommentare: 4
Ich habe jetzt schon längere Zeit nichts mehr aus der Astronomia Nova von Kepler gepostet. Das liegt nicht daran, dass ich aufgehört habe, im Buch zu lesen. Aber ich überlege schon seit einiger Zeit, ob mein ursprüngliches Konzept, die Lektüre des Buches bloggend zu begleiten, noch funktioniert.
Eigentlich wollte ich ja alles lesen und die einzelnen Kapitel hier in kurzen Blogbeiträgen zusammenfassen. Je länger ich aber mit der Astronomia Nova zu tun habe, desto unpraktischer erscheint mir das.
Man darf nicht vergessen, dass es sich um ein 400 Jahre altes Buch handelt. Damals stand die Astronomie (und eigentlich die komplette moderne Wissenschaft) noch ganz am Anfang. Die Astronomia Nova hat nur wenig mit modernen wissenschaftlichen Texten gemein. Die Fachbegriffe, die Art der Argumentation, die Beschreibung der astronomischen Phänomene: all das würde man heute ganz anders beschreiben. Hinzu kommt die etwas "archaische" Sprache. So lautet der Titel des 4. Kapitels beispielsweise:
"Über die unvollkommene Gleichwertigkeit zwischen dem doppelten Epizykel auf dem Konzenter beziehungsweise dem Exzenterepizykel und dem Ausgleichskreis beim Exzenter".
Da muss man schon ein bisschen drüber nachdenken, bis man das aufgedröselt hat ;) Und so liest sich mehr oder weniger der ganze Text. Würde ich das alles so für mein Blog zusammenfassen, dass es auch jemand versteht, der kein Fachmann für Himmelsmechanik ist, dann wäre das unverhältnismäßig viel Arbeit. Vor allem, weil die Astronomia Nova zwar ein sehr interessantes Buch ist - aber doch nicht jedes einzelne Kapitel so bedeutungsvoll ist, dass ich es unbedingt erläutern müsste. Würde ich mich wirklich daran machen, eine komplette, allgemeinverständliche Version der Astronomia Nova zu bloggen, dann würde ich vermutlich zu sonst nichts mehr kommen.
Deswegen habe ich mich dazu entschieden, mein ursprüngliches Vorhaben aufzugeben. Ich werde die Astronomia Nova natürlich weiter lesen - aber nicht mehr jedes Kapitel hier präsentieren. Ich werde die interessanten und wichtigen Stellen; diejenigen, die die wirklich revolutionären Erkenntnisse darstellen, hier blogtechnis verarbeiten - aber das "Beiwerk" ein bisschen unter den Tisch fallen lassen. Ich hoffe, diese Entscheidung ist verständlich...
Bisherige Artikel zur Astronomia Nova: Die Einleitung (1), Die Einleitung (2), Die Einleitung (3), Kapitel 1 bis 3
Noch mehr Buchrezensionen auf ScienceBlogs:
Autor: Florian Freistetter· 20.05.09 · 23:38 Uhr· 4 Kommentare
25. März 2009
Johannes Kepler: Astronomia Nova - Kapitel 1 bis 3
Kategorie: Astronomia Nova·Naturwissenschaften·Themenwoche
Nach dem langen Vorspiel mit Vorrede, Gedichten, Einleitung und ausführlichem Inhaltsverzeichnis geht es nun endlich tatsächlich mit der eigentlichen "Astronomia Nova" los.
Im Namen des Herrn.Die Untersuchungen über die Bewegungen des Sternes
MARS
Erster Teil
Über die Verleichung der Hyothesen
steht auf dem Titelblatt (ich nehme mal an, es soll "Vergleichung der Hypothesen" heissen).
Kapitel 1
Im ersten Kapitel des eigentlichen Buchs widmet sich Kepler dem Unterschied zwischen der "ersten Bewegung und der zweiten". Damit er meint er einerseits die Bewegung der Himmelskörper, die durch die Drehung der Erde (bzw. eine Drehung der Himmelssphären um die Erde) entsteht und andererseits die Sichtbare Eigenbewegung einiger Himmelskörper.
Er erzählt, dass früher z.B. die Pythagoräer bei der Zuordnung der musikalischen Töne auf die Himmelskörper dem Mond, als dem langsamsten der Himmelskörper, die tiefsten Töne zugeschrieben wurden. Wenn man allerdings die "erste Bewegung" ignoriert, dann sieht man, dass sich der Mond von allen Himmelskörpern am schnellsten bewegt (er steht ja auch der Erde am nächsten).
Danach erläutert Kepler die weiteren "Ungleichheiten" bei der Bewegung der Planeten: von der Erde aus gesehen scheinen sie sich am Himmel oft "rückwärts" zu bewegen. D.h. sie halten in ihrer Bewegung am Himmel inne, wanderen wieder ein Stück zurück bevor sie ihren normalen Weg wieder fortsetzen. Um diese Schleifenbewegung zu erklären wurde u.a. die Epizykel in Ptolemäus geozentrisches Weltbild eingefügt: die Planeten bewegen sich nicht auf Kreisbahnen um die Erde, sondern auf Kreisbahnen, deren Mittelpunkt sich auf einer Kreisbahn um die Erde bewegt.
Kapitel 2 und 3
Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Kepler nun mit den Möglichkeiten, diese Schleifenbewegung zu erklären. Das geht einerseits mit den oben beschriebenen Epizykeln - oder man lässt den Planeten auf einer Kreisbahn; setzt aber den Beobachter nicht in das Zentrum sondern etwas abseits. Kepler zeigt in diesem (und dem nächsten Kapitel) das beide Ansätze gleichwertig für die Beschreibung der Planetenbewegung sind.
Besonderes Augenmerk legt Kepler auf den Kraftbegriff - also das, was die Planeten bewegt - denn hier ergeben sich nun laut Kepler Unterschiede zwischen den beiden Darstellungsarten.
Hier sieht man noch große Unterschiede zur modernen Physik. In der damaligen Forschung war es absolut üblich, bewusste oder göttliche Kräfte für die Bewegung der Himmelskörper verantwortlich zu machen. Kepler schreibt in seiner Beschreibung der aristotelischen Theorie der Planetenbewegung:
Auf diese Weise führte er auf unserem Gebiet Geister, letztlich Götter, ein als Besorger der ewigen Bewegung der Himmel. Dazu wurde auch noch eine bewegende Seele gefügt, die mit den Sphären vernknüpft wäre und sie informiert, so daß jene Geister einfach nur da waren.
Diese Vorstellungen hielten sich bis ins 17. Jahrhundert. Immer wieder ist im Text von "bewegenden Seelen" oder ähnlichem zu lesen (obwohl Kepler langsam beginnt, sich von diesen Konzepten zu lösen: siehe seine Aussagen in der Einleitung).
Er selbst schreibt am Ende des zweiten Kapitels:
Nun aber möchte ich mit der Ausführung dieser ungereimten Ansichten schließlich auf die Feststellung hinauskommen, daß unmöglich die Ursache für die Bewegung im Planetenkörper oder sonst in seiner Sphäre ihren Sitz hat, und den Weg frei machen für die überzeugende Einführung anderer gefälligerer Bewegungsformen.
Bisherige Artikel zur Astronomia Nova: Die Einleitung (1), Die Einleitung (2), Die Einleitung (3)
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Autor: Florian Freistetter· 25.03.09 · 06:36 Uhr· 0 Kommentare
05. März 2009
Johannes Kepler: Astronomia Nova - Die Einleitung (3)
Kategorie: Astronomia Nova·Naturwissenschaften·Themenwoche
Im letzten Teil meiner Serie über Keplers "Astronomia Nova" waren wir an der Stelle stehengeblieben, an der Kepler in der Einleitung begründet, warum sich die Erde um die Sonne bewegen muss und nicht umgekehrt.
Im weiteren Verlauf beschäftigt er sich nun mit der eigentlichen Kraft, die für den Umlauf der Himmelskörper verantwortlich ist und kommt dabei den Ideen, die erst Jahrzehnte später von Newton geäußert werden, sehr nahe. Außerdem widerlegt er diejenigen, die behaupten, die Bibel würde seiner Lehrer widersprechen und zeigt, dass es sinnlos ist, die Bibel wörtlich zu interpretieren. Und schließlich findet er für die Leute, die lieber der Religion vertrauen anstatt der Vernunft, deutliche - fast schon modern klingende - Worte.
Zunächst aber macht sich Kepler über die Schwerkraft Gedanken. Er schreibt:
Die wahre Lehre von der Schwere stützt sich nun auf folgende Axiome: Jede körperliche Substanz ist, insoferne sie körperlich ist, von Natur aus dazu geneigt, an jedem Ort zu ruhen, an dem sie sich alleine befindet, außerhalb des Kraftbereichs eines verwandten Körpers. Die Schwere besteht in dem gegenseitigen körperlichen Bestreben zwischen verwandten Körpern nach Vereinigung oder Verbindung (von dieser Ordnung ist auch die magnetische Kraft), so daß die Erde viel mehr den Stein anzieht; als der Stein nach der Erde strebt.
Die erste Aussage entspricht mehr oder weniger dem ersten Axiom von Newton (das eigentlich erst knapp 30 Jahre nach Erscheinen der Astronomia Nova von Galileo Galileo formuliert wurde). Und die zweite Aussage erinnert ebenfalls an Newtons (erst viel später veröffentlichte) Gedanken über die Schwerkraft.
Kepler schreibt weiter:
Wäre die Erde nicht rund, so würde das Schwere nicht überall geradlinig auf den Mittelpunkt der Erde zu, sondern von verschiedenen Seiten aus nach verschiedenen Punkten hingetrieben..Nun beschäftigt sich Kepler ausgiebig mit dem Problem von Ebbe und Flut und erkennt richtig, dass dafür die Anziehungskraft des Mondes verantwortlich ist. Daraus schließt er
Wenn nämlich die anziehende Kraft des Mondes sich bis zur Erde erstreckt, so folgt daraus, daß sich um so mehr die anziehende Kraft der Erde bis zum Mond und noch viel höher erstreckt und daß sich weiterhin keines der Dinge, die irgend wie aus irdischem Stoff bestehen und in die Höhe gehoben werden, den so starken Armen dieser Anziehungskraft entziehen kann.
Kepler schreibt also richtigerweise, dass die Schwerkraft sich bis in den Weltall hinein erstreckt und auf alle massiven Körper wirkt. Er spezifiziert weiter, wie sich die Stärke der Kraft mit dem Abstand zur Erde ändert:
Wenn sich aber auch die Anziehungskraft der Erde, wie gesagt, sehr weit nach oben erstreckt, so ist es doch wahr, daß ein Stein, der um eine im Vergleich zum Erddurchmesser merkliche Strecke entfernt wäre, nicht ganz nachkommen würde, falls sich die Erde bewegt. Er würde vielmehr seine Widerstandskräfte mit den Anziehungskräften der Erde vermischen und sich so von jenem Zug der Erde etwas frei machen, ebenso wie eine gewaltsame Bewegung die Geschosse etwas loslöst von dem Zug der Erde (...)
Man erkennt also, dass sich Kepler intesive Gedanken über die Natur der Schwerkraft gemacht hat. Er war kurz davor, die Formel zu finden, mit der einige Jahrzehnte später Isaac Newton berühmt wurde. Die Gravitationsgleichung hätte sich sogar direkt aus den Keplerschen Gesetzen ableiten lassen...
In den letzten 10 Seiten der Einleitung beschäftigt Kepler sich nun mit den Einwänden, die von religiöser Seite zu seinem Buch kommen könnten.
Viel größer ist jedoch die Zahl derer, die sich durch Frömmigkeit davon abhalten lassen, COPERNICUS beizupflichten, da sie fürchten, es würde dem in der Schrift redenden Hl. Geist eine Lüge vorgeworfen, wenn man behauptet, daß sich die Erde bewegt und die Sonne stillsteht..Hier bezieht sich Kepler auf das Buch Josua in der Bibel, wo in Kapitel 10, Vers 12-13 steht:
Da redete Josua mit dem HERRN des Tages, da der HERR die Amoriter dahingab vor den Kindern Israel, und sprach vor dem gegenwärtigen Israel: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne und der Mond still, bis daß sich das Volk an ihren Feinden rächte. Ist dies nicht geschrieben im Buch des Frommen? Also stand die Sonne mitten am Himmel und verzog unterzugehen beinahe einen ganzen Tag.
Kepler erläutert nun ausführlich, dass man die Bibel in dieser Hinsicht nicht wörtlich nehmen sollte:
Jene Leute mögen aber folgendes erwägen: Da wir mit dem Gesichtssinn die meisten und wichtigsten Erfahrungen in uns aufnehmen, ist es für uns nicht möglich, unsere Redeweise von diesem Gesichtssinn abzuziehen. So gibt es täglich viele Vorkommnisse, wo wir uns unserem Gesichtssinn folgend ausdrücken, wenn wir auch ganz gut wissen, dass sich die Sache anders verhält. Ein Beispiel hierfür bietet jener Vers des VERGIL [Aeneis III,72]: "Fahren vom Hafen wir weg, so entweichen Länder und Städte".
Kepler bringt weitere Beispiele, für derartige Formulierungen:
So sagen auch jetzt noch die Anhänger des PTOLEMAIOS, die Planeten stehen still, wenn sei einige Tage nacheinander bei denselben Fixtsternen zu verweilen scheinen, und doch sind sie der Ansicht, daß sie sich zu diesen Zeiten in Wirklichkeit geradlinig auf die Erde zu oder von ihr weg bewegen.
Und er überträgt diese Argumentation auf die Interpretation der Bibel:
Ist es daher verwunderlich, wenn die Schrift auch den menschlichen Sinnen entsprechend redet, wenn der wirkliche Sachverhalt mit oder ohne Wissen der Menschen den Sinnen widerspricht?"
Als Beispiel dafür bringt er den 19. Psalm, in dem beschrieben wird, wie die Sonne aus einem Zelt am Horizont hervortritt "wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held zu laufen den Weg". Hier sei auch jedem klar, dass es sich um eine poetische Anspielung handle und keine Beschreibung der Wirklichkeit, so Kepler.
Kepler erklärt auch, warum der Gedanke, die Erde stehe still und die Sonne bewege sich, so verlockend sei:
Uns kommt nämlich die Sonne klein, die Erde dagegen groß vor. Auch wird die Bewegung der Sonne wegen ihrer scheinbaren Langsamkeit nicht direkt wahrgenommen, sondern nur durch Überlegung, insofern sich nach einiger Zeit ihr Abstand vor den Bergen ändert. Unmöglich kann sich daher die Vernunft, ohne zuvor belehrt zu worden sein, etwas anderes vorstellen, als daß die Erde mit dem daraufstehenden Himmelsgewölbe gleichsam ein großes, unbewegliches Haus ist, in dem die Sonne, von Aussehen so klein wie ein in der Luft herumfliegender Vogel von der einen Seite nach der anderen eilt. Diese Vorstellung aller Menschen gab Anlaß zur ersten Zeile in der Heiligen Schrift.
Schon vor 400 Jahren, als die moderne Wissenschaft gerade ihren Anfang nahm, vertrat Kepler also die Ansicht, dass man nicht einfach das für wahr halten durfte, was sich vernünftig anhört. Unsere Sinne können uns täuschen. Das gilt heute noch viel mehr, wo wir uns mit den absolut nicht-intuitiven Konsequenzen der Relativitäts- und Quantentheorie herumschlagen müssen.
Schließlich bringt Kepler noch ein hervorragendes Beispiel für die Unsinnigkeit einer wörtlichen Interpretation der Bibel:
Wenn jemand die Stelle aus dem 24. Psalm anführen wollte, wo es heißt "die Erde ist auf Strömen bereitet", um darauf die neue sich wirklich sinnlos anhörende Lehre zu begründen, die Erde schwimme auf Strömen, so würde man einem solchen mit Recht sagen, er solle den Hl. Geist aus dem Spiel lassen und ihn nicht zum Gespött in die Schulen der Physiker hineinziehen; denn der Psalmist wolle hier nichts anderes andeuten, als was die Menschen vorher schon wissen und täglich erfahren, daß die Länder (...) von ungeheuren Strömen durchflossen und von den Meeren umspült seien. (...) Wenn man dies gerne gelten läßt, warum läßt man es dann auch nicht gelten, daß wir an anderen Stellen, die man der Bewegung der Erde entgegenzuhalten pflegt, in gleicher Weise den Blick von der Physik weg auf die Absicht der Schrift hinwenden?
Kepler argumentiert noch weiter auf diese Art und Weise, bevor er mit dieser Aufforderung endet - die fast schon in eine der vielen Diskussionen über Pseudowissenschaft und Esoterik hier bei Scienceblogs passen könnte:
Wer aber zu einfältig ist, um die astronomische Wissenschaft zu verstehen, oder zu kleinmütig, um ohne Ärgernis für seine Frömmigkeit dem COPERNICUS zu glauben, dem gebe ich den Rat, er möge die Schule der Astronomie verlassen, ruhig nach Gutdünken philosophische Lehren verdammen und sich seinen Geschäften widmen. Er möge von unserer Wanderung durch die Welt abstehen, sich zu Hause zurückziehen und dort sein Äckerlein bebauen. Er möge aber seine Augen, mit denen allein er ja sieht, zu dem sichtbaren Himmel erheben und sich mit vollem Herzen ganz dem Dank und Lob Gottes des Schöpfers hingeben, wobei er überzeugt sein darf, daß er Gott keine geringere Verehrung erweist, als der Astronom, dem Gott die Gabe verliehen hat, daß er mit dem Auge des Verstandes schärfer sieht und über seine Entdeckungen auch seinerseits seinen Gott feiern kann und will.
Zum Schluß wendet er sich noch den Aussagen der Heiligen der Kirche zu:
Soviel über die Authorität der Hl. Schrift. Auf die Meinung der Heiligen aber über diese natürlichen Dinge antworte ich ich mit einem einzigen Wort: In der Theologie gilt das Gewicht der Authoritäten, in der Philosophie aber das der Vernunftsgründe.
Richtig, Herr Kepler! In der Wissenschaft zählen keine großen Namen - dort zählen Fakten!
Am Ende der Einleitung schreibt Kepler noch einmal kurz über die Schwierigkeiten, die er bei seiner Arbeit hatte und wie er die Probleme schließlich doch lösen konnte:
Nicht eher nahm meine ermüdende Arbeit ein Ende, als bis ich eine vierte Stufe zu den physikalischen Hypothesen legte; durch höchst mühsame Beweise unter Verarbeitung von sehr vielen Beobachtungen fand ich, daß der Weg des Planeten am Himmel kein Kreis ist, sondern eine ovale, vollkommene elliptischeBahn.
Kepler beendet die Einleitung mit dem Hinweis auf eine graphische Übersicht über die einzelnen Kapitel und Argumente.
Schließlich folgen noch kurze Zusammenfassung der 70. Kapitel des Buches, die ich aber hier überspringen werde um beim nächsten Mal gleich mit dem ersten Kapitel der eigentlichen "Astronomia Nova" beginnen zu können.
Bisherige Artikel zur Astronomia Nova: Die Einleitung (1), Die Einleitung (2)
Noch mehr Buchrezensionen auf ScienceBlogs:
Autor: Florian Freistetter· 05.03.09 · 06:32 Uhr· 0 Kommentare
25. Februar 2009
Johannes Kepler: Astronomia Nova - Die Einleitung (2)
Kategorie: Astronomia Nova·Kultur·Naturwissenschaften·Themenwoche
Nachdem sich Kepler im letzten Artikel ausführlich dem Kaiser gewidmet hat, geht es nun mit der richtigen Einleitung der "Astronomia Nova" weiter.
Und gleich die ersten Worte lassen erkennen, dass die weitere Lektüre anstrengend sein wird:
"Es ist heutzutage ein hartes Los, mathematische Bücher zu schreiben. Wahrt man nicht die gehörige Feinheit in den Sätzen, Erläuterungen, Beweisen und Schlüssen, so ist das Buch kein mathematisches. Wahrt man sie aber, so wird die Lektüre sehr beschwerlich, besonders in der lateinischen Sprache (...). Daher gibt es heute nur sehr wenig tüchtige Leser; die übrigen lehnen die Lektüre überhaupt ab. (...) Ich selber, der ich als Mathematiker gelte, ermüde beim Wiederlesen meines Werkes mit den Kräften meines Gehirns (...)."
Hu - wenn selbst Kepler die "Astronomia Nova" als ermüdenen Lektüre empfindet, dann kann das ja noch lustig werden ;)
Danach erklärt Kepler, dass er in dieser Einleitung einen kurzen Überblick über das gesamte Buch geben und die wichtigsten Argumente und Ergebnisse zusammenfassen wird:
"Besonders jenen zulieb, die sich zur Physik bekennen und mir; oder vielmehr dem COPERNICUS und somit dem äußersten Altertum zürnen wegen der durch die Erdbewegung bewirkten Erschütterung der Grundlagen der Wissenschaften, also ihnen zulieb will ich getreu die Grundsätze der Hauptkapitel angeben, die hierzu beitragen und ihnen alle Beweisgrundlagen vor Augen führen, auf die sich meine ihnen so sehr verhaßten Schlüsse stürzen."
Kepler fährt fort mit einer Erklärung der beiden hauptsächlichen Weltbilder nach Ptolemäus und Kopernikus und erwähnt auch das tychonische Weltbild (in dem sich die Planeten um die Sonne bewegen; allesamt sich aber um die ruhende Erde drehen). Er erwähnt auch dass
alle drei Theorie "in dem, was sie leisten, genau gleichwertig sind und auf eins hinauskommen." Die Vorhersagen der drei Weltsysteme eignen sich also nicht, um zu entscheiden, welches davon nun die Realität beschreibt und welche nicht.
Kepler möchte nun zeigen, dass seine Verbesserung des Kopernikanischen Systems die Beobachtungsdaten eindeutig besser beschreiben kann. Zuerst zeigt er, dass sein verändertes System mindestens genau so gute Ergebnisse liefert wie die alten und sogar besser ist:
"Im II.Teil habe ich die Sache selber in Angriff genommen; ich habe nach meinem Verfahren die Örter des Mars in der Opposition zur wahren Sonne nicht nur nicht schlechter, sondern sogar besser wiedergegeben als jene nach dem alten Verfahren (...)."
In der Einleitung erwähnt Kepler auch schon seine wichtigsten Ergebnisse:
"Denn ob sich die Erde oder die Sonne bewegt, jedenfalls ist sicher erwiesen, daß sich der Körper, der sich bewegt, in ungleichförmiger Weise bewegt, und zwar langsamer, wenn er weiter vom ruhenden entfernt ist, und schnell, wenn er dem ruhenden sehr nahe steht."
Das ist nichts anderes als das zweite Keplersche Gesetz!
Danach beschäftigt sich Kepler mit den Kräften, die für die Bewegung der Planeten verantwortlich sind. Die Begriffe sind hier für den modernen Leser relativ ungewohnt. Kepler spricht von "nichtseelischen, also körperlichen, magnetischen Kräften", wenn er die Art von Kraft meint, die dem heutigen physikalischen Fachbegriff entspricht.
Der Kraftbegriff stellt für Kepler auch einen wichtigen Hinweis auf die Gültigkeit des heliozentrischen Weltbildes dar:
Daß andererseits die Sonne an ihrem Ort im Mittelpunkt der Welt feststeht, ist unter anderem hauptsächlich deswegen wahrscheinlich, weil in ihr die Quelle der Bewegung mindestens für die fünf Planeten liegt, Denn man mag COPERNICUS oder BRAHE folgen, in beiden Fällen liegt in der Sonne die Quelle der Bewegung für fünf Planeten, nach COPENICUS auch noch für den sechsten, die Erde. Daß aber die Quelle aller Bewegung an ihrem Ort ruht, ist wahrscheinlicher als daß sie sich bewegt."
Dieses Argument der Einfachheit hat Kepler auch vorher schon die Theorie des Ptolemäus verwerfen lassen:
"Als erster wird PTOLEMAIOS ausgeklatscht. Denn wer möchte glauben, daß es ebensoviele (einander völlig ähnliche, ja sogar gleiche) Sonnentheorien als Planeten gibt; wo man doch sieht, daß dem BRAHE zu gleicher Leistung eine einzige Sonnentheorie reicht? Ist es ja in der Physik ein allgemein angenommenes Axiom: Die Natur verwendet so wenig Mittel als möglich."
Auch heute noch gilt in der Physik, dass eine Theorie umso besser ist, je einfacher sie ist.
Kepler findet noch 2 weitere vernünftige Argumente für das heliozentrische Weltbild:
"Nun aber schaue man sich die beiden Körper, den der Sonne und den der Erde, an und bilde sich ein Urteil, welchem von beiden die Quelle der Bewegung des anderen Körpers am ehesten zukommt, ob die Sonne, die die anderen fünf Planeten bewegt, die Erde bewegt oder die Erde die Sonne, die Bewegerin der anderen, die so vielmal größer ist als sie? Um nicht sagen zu müssen, die Sonne wird von der Erde bewegt, was sinnlos wäre, müssen wir der Sonne Unbeweglichkeit, der Erde aber Bewegung zuschreiben. Was soll ich über die Umlaufzeit von 365 Tagen sagen? Sie liegt in ihrer Größe nach zwischen denen des Mars von 687 Tagen und der der Venus von 225 Tagen. Bezeugt hier nicht die Natur mit lauter Stimme, daß der Umlauf, zu dem 365 Tage gebraucht werden, auch dem Ort nach mitten zwischen den Umläufen des Mars und der Venus uum die Sonne erfolgt, also auch selber um die Sonne erfolgt, so daß also dieser Umlauf der der Erde um die Sonne, nicht der der Sonne um die Erde ist?"
Im letzten Absatz hört man schon erste Anklänge an das dritte Keplersche Gesetz (das den Zusammenhang zwischen Umlaufzeit und Abstand von der Sonne eines Planeten beschreibt) heraus, das allerdings nicht in der "Astronomia Nova" veröffentlich wurde sonder erst 10 Jahre später in seinem Buch "Harmonices Mundi".
Im Rest der Einleitung beschäftigt sich Kepler ausführlich mit der Natur der Kraft, die die Planeten bewegt und geht ebenso ausführlich auf die Argumente derjenigen ein, die meinen, die Bibel würde eindeutig feststellen, die Erde sei in Ruhe und bewege sich nicht.
Dazu aber dann mehr in meinem nächsten Artikel.
Bisherige Artikel zur Astronomia Nova: Die Einleitung (1) Noch mehr Buchrezensionen auf ScienceBlogs:
Autor: Florian Freistetter· 25.02.09 · 15:05 Uhr· 0 Kommentare
13. Februar 2009
Johannes Kepler: Astronomia Nova - Die Einleitung (1)
Kategorie: Astronomia Nova·Naturwissenschaften·Themenwoche · Kommentare: 8
Vor knapp einem Monat habe ich angekündigt, das Jahr der Astronomie zu nutzen, um Johannes Keplers großes Werk "Astronomia Nova" zu lesen und darüber hier in meinem Blog zu berichten.
Jetzt ist es endlich soweit; ich habe meine deutschsprachige Ausgabe erhalten (Danke an den Marixverlag für das Rezensionsexemplar) und hatte Zeit, mit der Lektüre zu beginnen.
Die Einleitung
Wie bei so alten Werken üblich, dauert es ein wenig, bis es so richtig zur Sache geht. Der volle Titel von Keplers Buch lautet:
Neue, ursächlich begründete Astronomie oder Physik des Himmels. Dargestellt in Untersuchungen über die Bewegungen des Sternes Mars. Aufgrund der Beobachtungen des Edelmannes Tycho Brahe. Auf Geheiß und Kosten Rudolphs II. Römischer Kaiser usw. In mehrjährigem, beharrlichem Studium ausgearbeitet zu Prag von Sr. Heil. Kais. Maj. Mathematiker Johannes Kepler.
Hmm - irgendwie schade, dass solche barocken Titel heutzutage aus der Mode gekommen sind.
Bevor es mit der eigentlichen Einleitung losgeht, wendet sich Kepler erstmal an seinen Finanzier und Arbeitsgeber:
"Erhabenster Herrscher! Dem durchlauchtigstem Namen Ew. Heil. Kais. Majestät, sowie des ganzen Hauses Österreich Heil und Segen! Auf Geheiß Ew. Majestät führe ich endlich einmal den hochedlen Gefangenen zur öffentlichen Schaustellung vor, dessen ich mich schon vor einiger Zeit unter dem Oberbefehl Ew. Majestät in einem beschwerlichen und mühevollen Krieg bemächtigt habe."
Der "Gefangene" ist der Planet Mars und Kepler reizt die Kriegsmetapher noch ein paar Seiten lang aus und erzählt, wie mühsam der "Kampf" mit diesem Himmelskörper war, bevor er ihm seine Geheimnisse entlocken konnte. Dabei spricht er auch kurz diejenigen an, die sich mit Mars hauptsächlich wegen seiner astrologischen Bedeutung beschäftigen - etwas, was Kepler nicht vorhat, zu tun:
"Ich selber wil mich hievon zu etwas anderem wenden, was meinen Kräften eher entspricht. Dabei will ich mich aber nicht auf jenem Gebiet meiner Kunst aufhalten, auf dem ich mit meinen Gefährten in Spannung geraten könnte. Sie mögen sich meinetwegen in ihrer Weise darüber freuen, daß nun der in die Ketten der Rechnung geschlagen ist, der so oft ihren Händen und Blicken entschlüpfte und Vorhersagen von großer Bedeutung zunichte machte, Vorhersagen über Krieg, Sieg, Herrschaft, militärische Auszeichnungen, leitende Stellungen, Spiel, ja sogar Entscheidungen über Tod und Leben. (...) Er ist schließlich auch der Herrscher im Widder, dem nach ihrem Glauben Deutschland unterstellt ist, und so hat er zugleich mit Ew. Heil. Kais, Majestät hier die Herrschaft inne. Diesen Teil des Triumphs mögen also meinetwegen jene Männer feiern. An so einem festlichen Tag möchte ich ihnen keine Ursache zum Streit geben. Es sei ihnen ihre Freude verstattet, wie man Soldatenspässe hingehen lässt. Ich selbst aber will mich zur Astronomie wenden und von dem Triumphwagen aus den weiteren, mir ganz besonders bekannten Ruhm unseres Gefangenen sowie aller Phasen des Krieges, den ich geführt und nun abgeschlossen habe, darlegen."
Kepler war also durchaus bewusst, das Astrologie und Astronomie zu trennen sind (von Seiten der Astrologen hört man ja oft Anderes) und nimmt, wenn man nach dieser Einleitung geht, die Astrologen nicht wirklich ernst.
Im Text geht es weiter mit der Beschreibung des Krieges gegen Mars und Kepler beschreibt die erfolglosen Versuche der Vergangenheit, die Bewegung dieses Planeten zu erklären. Schön ist hier der Fall des Georg Joachim Rhaeticus (Schüler des Kopernikus), der angeblich sogar einen Geist beschwörte, um hinter das Geheimnis der Marsbewegung zu kommen:
"Da habe der unholde Beschützer gereizt den lästigen Frager am Haar gepackt und abwechselnd mit dem Kopf oben an die Decke angeschlagen und dann wieder herabgelassen und seinen Körper auf den Boden niedergestoßen, wozu er den Orakelspruch fügte: >>Das ist die Bewegung des Mars.<<."Kepler hält nicht viel von solchen Geistergeschichten und erklärt:
"Es ist jedoch ganz wohl glaubhaft, daß Rheticus verwirrten Geistes wütend aufgefahren ist, als seine Spekulationen keinen Erfolg brachten und seinen Kopf selber an die Wand angeschlagen hat."
Natürlich lobt er dann auch die Arbeit seines Vorgängers, Tycho Brahe. Ohne dessen Beobachtungen hätte Kepler seine "Astronomia Nova" nicht verfassen können. Es gibt zwar Gerüchte, dass Kepler beim Tod seines Vorgängers etwas nachgeholfen hatte, um schneller an dessen Daten zu kommen - aber das konnte bis jetzt nie bestätigt werden.
Nach weiteren Kriegs- und Feldzugsmetaphern hat Kepler den Mars schließlich gefangen genommen. Der eingekerkerte Mars hat nun aber noch einen Wunsch an Rudolph II:
"Um eines bittet er nun, Ew. Majestät: Er besitzt in den Ätherregionen viele Verwandte (Jupiter ist sein Vater, Saturn sein Großvater, Venus seine Schwester und zugleich seine Freundin, sowie schon früher sein besonderer Trost, als er in Fesseln lag, Merkur sein Bruder und treuer Unterhändler). Wegen der Übereinstimmung in der Lebensart trägt er nach ihnen und sie nach ihm großes Verlangen. Darum möchte er wünschen, daß sie wie er in Verkehr mit den Menschen treten und gleichfalls der Ehre, die im angetan wird, teilhaftig werden. Darum wolle Ew. Majestät ihm so bald als möglich seine Gefährten wiedergeben, indem der Feldzug, der nach seiner Unterwerfung weiter keine Gefahr mehr birgt, vollends entschlossen zu Ende geführt wird. Hierzu biete ich (wohlgeübt im Kampf mit dem Streitbarsten und des Geländes kundig) meine nicht unnützen und beneso wie treuen Dienste bereitwillig an, wobei ich Ew. Kais. Majestät einzig bitte und beschwöre (...) den Schatzmeistern zu befehlen, sie mögen an den Lebensnerv des Krieges denken und mir von neuem Geld zur Werbung von Soldaten zur Verfügung stellen."
Das ist mal eine originelle Art, um Fördergelder zur bitten. Vielleicht sollte ich in Zukunft meine DFG-Anträge ebenso formulieren ;)
Nun folgen noch einige Seiten mit Gedichten zum Thema - und erst dann geht es los, mit der eigentlichen Einleitung. Dazu aber dann mehr beim nächsten Mal.
Autor: Florian Freistetter· 13.02.09 · 16:32 Uhr· 8 Kommentare
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