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24.12.11 · 10:10 Uhr
Die Wissenschaft der Weihnachtskarten
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 18
Ich habe mir kürzlich ein Set von UNICEF-Weihnachtskarten gekauft. Darunter auch diese beiden netten Motive. Fällt euch etwas auf?
Wir sehen typisch weihnachtliche Szenen, Kinder, den Weihnachtsmann, eine Winternacht voll Schnee, Weihnachtsbäume, Rentiere - und den Mond. Einmal den zunehmenden Mond, einmal den abnehmenden Mond. Na und?, mag mancher jetzt vielleicht fragen. Der Mond nimmt eben manchmal zu und manchmal nimmt er ab. Was soll daran seltsam sein? Abwarten! Schauen wir uns dazu erst mal die Entstehung der Mondphasen etwas genauer an. Mond und Erde kreisen gemeinsam um die Sonne und je nachdem, wie Sonne, Mond und Erde im Verhältnis zueinander stehen, sehen wir mal mehr, mal weniger von der beleuchteten Mondhälfte. Wie alles in der Natur folgen aber auch die Mondphasen gewissen Regeln. Vor allem kann man verschiedene Mondphasen immer nur zu unterschiedlichen Tages- bzw. Nachtzeiten beobachten. Das kann man an diesem Bild hier erkennen:
Man muss vielleicht ein wenig länger hinschauen und darüber nachdenken, aber dann wird alles schnell klar. Wir sehen Mond und Erde, wie sie sich gemeinsam um die Sonne bewegen. Beide bewegen sich im Bild von links nach rechts und auch die Erde dreht sich im Bild gegen den Uhrzeigersinn (das ist wichtig fürs Verständnis!). Im ersten Bild steht der Mond zwischen Sonne und Erde und die Seite die zur Erde zeigt wird nicht beleuchtet. Es ist Neumond. Der Mond bewegt sich weiter und nimmt zu. Betrachten wir jetzt das dritte Bild, das den zunehmenden Halbmond zeigt. Die rechte Seite ist hell, die linke dunkel (auf der Südhalbkugel ist es umgekehrt). Es zeigt uns, dass der zunehmende Mond immer in der Abenddämmerung bzw. der ersten Nachthälfte zu sehen ist. Das wird klar, wenn wir uns vorstellen, dass wir auf der kleine Erde im Bild genau an der Tag- und Nachtgrenze stehen und den Mond betrachten (also auf der linken Seite der abgebildeten Erde). Ich hab den Ausschnitt mal vergrößert und darauf rumgekritzelt:
Wir befinden uns also beim blauen Kreuz. Da die Erde sich gegen den Uhrzeigersinn dreht, hat hier die Nacht für uns gerade erst angefangen. Wir haben uns mit der Erde gerade erst aus dem Sonnenlicht gedreht und die ganze Nacht noch vor uns. Für die Leute, die sich beim (deformierten) blauen Kreis befinden, ist die Nacht schon weit fortgeschritten. Sie sehen den Mond gerade untergehen. Die Leute, die beim blauen Quadrat, auf der rechten Seite der abgebildeten Erde wohnen, stehen kurz davor sich mit der Erde wieder in das Sonnenlicht zu drehen. Bei ihnen geht die Nacht gleich zu Ende. Sie können den Mond aber überhaupt nicht sehen, weil sie sich auf der falschen Seite der Erde befinden. Der zunehmende Halbmond ist also nur in der ersten Hälfte der Nacht zu sehen.
Nach dem zunehmende Mond kommt der Vollmond. Wie man im Bild sehen kann, steht er so, dass er überall zu sehen ist, wo auf der Erde gerade Nacht herrscht. Er ist also von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang zu sehen. Nun nimmt der Mond wieder ab. Steht der Mond im letzten Viertel (drittletztes Bild) ist die Situation genau umgekehrt wie oben beschrieben. Die linke Hälfte ist hell und die rechte dunkel (wieder ist es auf der Südhalbkugel umgekehrt). Und anstatt in der ersten Nachthälfte ist der abnehmende Mond nur in der zweiten Nachthälfte zu sehen. Schließlich sind wir wieder beim Neumond angelangt.
Wenn wir also die beiden UNICEF-Karten vom Anfang mit diesen Informationen nochmal neu betrachten, dann sehen wir, dass eine davon eine Szene zeigen muss, die am Abend spielt und die andere am Morgen. Oder beiden zeigen die erste Nachthälfte, eine spielt aber auf der Nordhalbkugel, die andere auf der Südhalbkugel. Da aber auf beiden Bildern Schnee liegt gehen wir mal davon aus, dass es sich um einen normalen, weihnachtlichen Nordhalbkugelwinter handelt und keinen überraschenden Schneeschauer im sommerlichen Australien. Typisch (Vor)Weihnachtliche Aktivitäten finden ja normalerweise immer am Abend statt. Insofern sollte man also davon ausgehen, dass auf allen Weihnachtsmotiven der Mond, sofern vorhanden, entweder in der zunehmenden Phase oder voll ist. Schaut man sich die typischen Bilder auf Weihnachtskarten, in Büchern oder auf Geschenkspapier aber genau an, findet man erstaunlich viele, auf denen zum Beispiel ein Haufen Kinder noch erstaunlich munter unter einem abnehmenden Mond in der frühen Morgendämmerung im Schnee spielen ;)
Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe jetzt nicht wirklich die Absicht, Weihnachtskarten u.Ä. wegen ihrer astronomischen Inkorrektheit zu kritisieren! Es gibt wesentlich wichtigere Fragen, als die nach der korrekten Mondphase auf dem Geschenkspapier. Diese Motive werden nach künstlerischen und ästhetischen Maßstäben entworfen und nicht nach wissenschaftlichen Regeln (Es würde mich übrigens interessieren, ob der Mensch eine gewisse ästhetische Vorliebe für eine bestimmte Mondphase hat - gibt es solche Untersuchungen?). Aber sie sind ein guter Anlass, sich mit der Entstehung der Mondphasen zu beschäftigen ;)
Das meint auch Peter Barthel vom astronomischen Institut der Universität in Groningen. In seiner Arbeit "Santa and the Moon" hat er Geschenkspapier und Bücher aus den Niederlanden und den USA untersucht und eine Statistik über die abgebildeten Mondphasen erstellt. So sieht es bei Büchern (oben) und Geschenkspapier (unten) in Holland aus:
In den Büchern ist in 40 Prozent der Fälle die falsche Mondphase abgebildet; beim Geschenkspapier sind es sogar 65 Prozent! Wesentlich korrekter sind die Abbildungen in amerikanischen Bücher. Hier stimmt die Mondphase nur in 15 Prozent der Fälle nicht:
Auch Barthel betont noch einmal extra, dass es hier nicht darum geht, Kritik an den Weihnachtsillustratoren zu üben:
"Naturally, the question arises: so what, who cares? The errors are innocent, somewhat comparable to incorrectly drawn rainbows, with the red colour at the inside of the arc. Now, watching beautiful natural phenomena like rainbows and moon crescents is one thing, but understanding them makes them all the lot more interesting. Moreover, understanding leads to knowledge which lasts."
"Man fragt sich natürlich sofort: Und? Wen kümmert das? Die Fehler sind unschuldig, vergleichbar mit falsch gezeichneten Regenbogen bei denen das rote Band sich in der Mitte des Bogens befindet. Es ist eine Sache, wunderschöne Naturphänomene wie Regenbogen oder die Mondsichel zu beobachten. Sie zu verstehen macht sie aber noch viel interessanter. Zudem führt Verständnis zu dauerhaftem Wissen."
Allerdings! Ein Phänomen zu verstehen nimmt nichts von seiner Schönheit. "Es kommt immer nur Schönheit hinzu!", wie der Nobelpreisträger Richard Feynman festgestellt hat. Wenn ihr heute Abend also Weihnachten feiert und auf eurem Geschenkspapier oder den Karten eine falsche Mondphase seht, dann beschwert euch nicht beim Schenkenden sondern nutzt die Gelegenheit, ein bisschen über die Mondphasen nachzudenken! Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe Weihnachten!
Peter Barthel (2011). Santa and the moon, Communicating Astronomy to the Public Journal, 12, arXiv: 1111.5489v3
Autor: Florian Freistetter· 18 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (18)
Falls ich als angehender Grafikdesigner irgendwann mal eine Weihnachtskarte mit Mond entwerfen muss, werde ich sofort an den Artikel hier denken ;-)
Beliebt sind ja auch immer Sterne innerhalb der Mondsichel, die könnte man auch mal zählen.
Ich empfinde das nicht als Kritik, sondern als eine amüsante Feststellung eines Fachmanns.
Wenn ich Zombie- Splatter- und sonstige Schrottfilme gucke, dann fallen mir auch immer anatomische Pannen auf. :-D
Ok also auf meinem Weihnachtskalender ist es ein Stern innerhalb der Mondsichel.
Stehen die Bilder denn im Zusammenhäng?
Könnten es nicht unterschiedliche Jahre sein?
Stefan W.·
24.12.11 · 11:57 Uhr
Das ist wohl wahr, aber es hängt bestimmt auch davon ab, wie selbstverständlich eine naturwissenschaftliche Tatsache ist.Sonne und Mond oder Sonne und Sterne gemeinsam sieht man sicher ganz selten auf solchen Postkarten, weil jeder unmittelbar weiß, dass man beides nur sehr selten gleichzeitig sieht, und nur wenige entgegen ihrem Wissen solche Karten gestalten würden.
Hirsche mit 3 Hörnern sieht man auch vergleichsweise selten, um einer Dämmerungsdiskussion aus dem Weg zu gehen, und mehr in Richtung Fukushima zu blinzeln.
Nö, denn Erde und Mond haben seit ihrer Entstehung den selben Drehsinn. Es war schon immer abends zunehmender Mond und morgens abnehmender.
Übrigens ist es im Dezember im Westen und Norden Deutschlands morgens noch so lange dunkel, dass man auch schon einmal ein paar Schulkinder bei abnehmender Mondsichel auf dem Schulweg antreffen kann. ;-)
rolak·
24.12.11 · 12:30 Uhr
Auch welche mit zweien wirst Du nie antreffen, Stefan W. :-pIch bin auch gerader in der Phase, wo ich Kinderbücher in Masse studieren kann (außerdem gehört "nochmal" zu den 100 ersten Wörtern jedes Kindes), und die Morgenmondsichel ist mir auch schon aufgefallen. Allerdings zeigt meine persönliche Auswertung eher ein Verhältnis von geschätzt 80% richtigen Abend-Mondsicheln, die "falschen" sind einzelne Ausreißer.
vor 20 Jahren, In meiner Anfangszeit als Grafiker habe ich auch Weihnachts Motive gezeichnet,
unter anderem auch Karten, ich habe mir nie Gedanken gemacht ob das realistisch
ist was ich mache, die Stimmung mußte nur passen.
Sollte ich mal wieder welche zeichnen werde ich mir vielleicht Gedanken machen ;)
Frohe Weihnachten!
Toller Artikel. Dich hätte ich gerne als Astronomielehrer gehabt. :-)
(Obwohl, meiner war auch gut.)
@Nordlicht_70: Danke für das Lob! Aber immerhin gehörst du zu den wenigen Glücklichen, die überhaupt Astronomiunterricht in der Schule hatten...
Danke für den interessanten Artikel. Wenn der Artikel eine Woche früher veröffentlich worden wäre, hätte ich ihn in den Physikunterricht eingebaut. Nach Weihnachten interessierts die Schüler leider eh nimma.
Das ist jetzt total unpassend, aber ich habe mir ausgerechnet heute ein Buch bei Amazon bestellt mit dem Titel "Warum ich kein Christ sein will - Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung". Obwohl auf diesem Blog Bücher von Dawkins und Hitchens zum Thema Religion empfohlen werden, bin ich dann beim Stöbern auf Amazon beim oben erwähnten Buch hängen geblieben. Ich wünsche allen hier einen schönen Winter mit ganz viel Gaudi im Schnee. An das Feiern von Weihnachten kann ich mich nicht mehr erinnern.
Wegen Nord- oder Südhalbkugel: Ich kann mir vorstellen, dass es zurzeit in Patagonien und Feuerland auch nicht so warm ist. Aber da fehlen wahrscheinlich dann die Kinder.
Frohes Fest (welches, könnt ihr euch aussuchen)!
Andreas Abendroth
Für einen Rechtshänder ist der abnehmende Mond einfacher zu zeichnen, als der zunehmende.
Ausserdem lässt die Tatsache, daß alle Prozentangaben auf 0 oder 5 enden, darauf schließen, daß die Datenbasis ziemlich klein war, nämlich 20.
Kann man sich auch irgendwie gut merken mit der türkischen Flagge: Morgenland = abnehmender Mond.