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19.11.10 · 13:38 Uhr
Ein physikalischer Krimi, ein hundert Jahre altes Buch und eine Beschimpfung der modernen Physik: die Wissenschaftsbücher des Jahres 2010
Kategorie: Kultur·Medizin·Naturwissenschaften · Kommentare: 19
bild der wissenschaft hat heute die Wissenschaftsbücher des Jahres 2010 gewählt. Darunter sind einige sehr interessante Titel - aber auch "Überraschendes" (höflich ausgedrückt).
In der Jury, die die besten 6 Bücher über Wissenschaft auswählen sollte, saßen jede Menge bekannte Journalisten und Autoren - u.a. auch Joachim Bublath oder Reto Schneider - aber irgendwie kaum Wissenschaftler. Naja ist ja auch ein Buchpreis und kein Wissenschaftspreis...
Zum "informativsten Buch" wurde "Die Steinzeit steckt uns in den Knochen" gewählt; von von Detlev Ganten, Thilo Spahl und Thomas Deichmann. Aus der Rezension bei bild der wissenschaft bin ich aber irgendwie nicht wirklich schlau geworden, worum es da nun geht. Orthopädie? Medizinischer Ratgeber? Die Rezensionen bei Amazon sind dann ein wenig aufschlußsreicher: es geht um "evolutionäre Medizin" - also die evolutionären Grundlagen vieler Krankheiten.
Das "originelleste" Buch war in den Augen der Jury das vor 100 Jahren erschienene Werk "Die Welt in 100 Jahren". Und wer richtig mitgerechnet hat, wird gemerkt haben, dass diese "Welt in 100 Jahren" genau unsere heutige Welt ist. Ich kenne das Buch nicht - aber es klingt spannend mal nachzulesen, wie man sich 1910 so die Welt von heute vorgestellt hat.
Das "schönste Buch" der Jury findet sich auch auf einer anderen Liste wieder: meinem Weihnachtswunschzettel ;) Denn ich lese ja gerne was über Chemie und da muss ich natürlich auch den (vermutlich) tollen Bildband Die Elemente von Theodore Gray haben.
In der Kategorie "Unterhaltung" wurde als "spannenstes Buch" der Krimi "Der Assistent der Sterne von Linus Reichlin ausgezeichnet. Ok -. ich steh jetzt persönlich nicht so extrem auf Krimis (es gibt Ausnahmen) - aber dieser Ex-Kommissar mit Physikleidenschaft klingt ganz interessant. Kennt das Buch jemand und kann es empfehlen?
Das "sachkundigste Jugendbuch" wurde "Seit wann ist die Erde rund?" von Guillaume Duprat . Und wie der Titel schon sagt, geht es um die verschiedenen Vorstellungen, die sich die Menschen im Laufe der Zeit von der Gestalt der Erde gemacht haben.
Ich muss zugeben: ich kenne bis jetzt kein einziges Buch von dieser prämierten Liste (das wird sich aber wohl bald ändern). Mit einer Ausnahme: das von der Jury als "das brisanteste Buch" ausgezeichnete Werk habe ich hier in meinem Blog auch schon mal rezensiert. Es handelt sich um Alexander Unzickers Beschimpfung der modernen Physik: "Vom Urknall zum Durchknall". Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was dieses Buch auf dieser Liste zu suchen hat. Weder ist es "brisant" noch enthält es "Zündstoff". Das, was sich an berechtigter Kritik an der modernen Physik darin finden lässt, haben andere schon vor Unzicker geäußert. Zum Beispiel der Physiker Lee Smolin in seinem Buch "Die Zukunft der Physik". Hier bringt Unzicker nichts Neues. Und das einzige "brisante" an diesem Buch ist die Tatsache, dass der Springer-Verlag diese Beschimpfungsorgie veröffentlicht hat. Aber anscheinend kommt es gut an, wenn man ein bisschen rumpöbelt (und anders kann man die "Kritik" in Unzickers Buch kaum bezeichnen) - denn Jury-Mitglied Jürgen Narkott (Redakteur bei National Geographic) fand das Buch super und freut sich darüber, dass die Wissenschaftler eins ausgewischt bekommen. Ohne allerdings viel Ahnung vom Thema zu haben - wie man an solchen Kommentaren sehen kann:
"Noch toller treiben es die Teilchenphysiker: Wenn ihre Formeln über den Aufbau der Materie nicht aufgehen, mutmaßt Unzicker, erfinden sie flugs eine neue Naturkonstante - frei nach dem Motto: „Da muss noch etwas sein, wenn es stimmen soll, also wird da auch etwas sein." Unzicker hat 17 solcher Werte gezählt, die es seiner Überzeugung nach nur gibt, damit die Welt der Quanten-Esoteriker nicht kollabiert."
Wenn man schon über das Standardmodell der Teilchenphysik schreibt, dann sollte man vielleicht auch eine vage Ahnung haben, wobei es sich darum handelt (und zu den "Quanten-Esoterikern" sage ich jetzt mal lieber nichts).
Naja - immerhin 5 der 6 Bücher klingen ganz spannend. Und das ein Buch in dem man sich hauptsächlich über Wissenschaftler lustig macht und ansonsten die gute alte Zeit der klassischen Physik vor 1905 - als alles noch nicht so kompliziert war - zurück haben will wundert einen dann auch fast nicht mehr. In Zeiten des immer weiter um sich greifenden wissenschaftlichen Analphabetismus ist das nur konsequent...
Autor: Florian Freistetter· 19 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (19)
Zur Rezension über Unzickers Buch von Jürgen Narkott:
Das blöde E-Wort stört mich. Aber da kann man was machen. Ich ändere nur kurz etwas Text ... Moment ... So. Jetzt wird niemand mehr sagen, das wäre Esoterik. Jetzt ist es ... äh ... abendländische Kultur.Unzickers Buch ist doch in etwa so brisant wie ein Furz im vollbesetzten Aufzug.
Super der Hinweis auf Deinen Weihnachtswunsch, der geht bei mir auch ans Christkind oder wen auch immer...
@Michael: Jetzt mal ehrlich, gibt es etwas brisanteres, als einen Furz im vollbesetzten Aufzug?
Ich mag diesen Wettbewerb "Wissenschaftsbücher des Jahres" von bdw eigentlich sehr gern. Es gibt ja alle möglichen Buchpreise, auch für alle möglichen Sparten, aber das was bdw da macht ist meines Wissens einzigartig in D und inzwischen auch gut etabliert. Mit der Wahl in diesem Jahr bin ich allerdings auch nicht glücklich. Ich denke es gab bessere Bücher. Ausnehmen von der Kritik möchte ich aber das Jugendbuch und das ästhetische Chemie-Buch. Die sind wirklich toll!
Aber auch wenn die Jury in diesem Jahr nicht gut lag, ist der Wettbewerb trotzdem wichtig für das wissenschaftliche Sachbuch. Also bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten (was Florian auch nicht tut, ich wollte das nur mal gesagt haben ;-))
"Die Welt in 100 Jahren" habe ich mir gleich einmal spontan bestellt. Bin sehr gespannt.
Ich habe das Unzicker-Buch leider von Anfang bis zum Ende durchgelesen, und retrospektiv bin ich auch mit Florians damaliger Rezension nicht mehr einverstanden, da diese doch noch relativ milde war.
Das Buch ist tatsächlich der letzte D***, Unzicker hält überhaupt nicht von der modernen theoretischen Physik seit 1950: QED, QCD, das Standardmodell, Kosmologie und Teilchenphysik usw. sind für ihn totaler Quatsch und Irrwege. Was soll man dazu noch sagen - außer dass hier jemand an die Grenzen seines Verstandes gelangt ist?
Seine Alternative sind die Zahlenspielereien von Eddington, Dirac und Co. Diese sind leider reine Kuriositäten geblieben und seit 50 Jahren hat eben - auch "leider" - niemand etwas gehaltvolles damit anfangen können. Die bösen Physiker aber machen das, was funktioniert und bauen ein CERN und verwenden Gleichungen, die Unzicker nicht kapiert - darüber regt er sich in Buchlänge auf.
Ein erbärmliches, wissenschaftsfeindliches, hart an der Grenze zur Spinnerei schwebendes Pamphlet, das btw mit String-Theorie überhaupt nichts zu tun hat.
Ich denke eher, dass es um eine bestellte Kritik handelt... Man will sozusagen modern, also, in den Augen der Amerikaner nicht als Reaktionisten aussehen. Man braucht also eine Kritik vorzuzeigen... Selbstverständlich darf sie nicht wirklich gefährlich sein, d.h. so eine Art kuscheliger Kritik - wirkungslos und harmlos ;)
Ich persönlich täte es ja gut finden, wenn man auch die Nicht-Sieger irgendwo nachlesen könnte. Nur weil die Mehrheit aus 11 Leuten Buch X einen Hauch besser fand als Buch Y, so ist es doch sicherlich interessant die Liste der überhaupt nominierten Bücher zu sehen - auch ein Buch welches nicht Sieger in einer Kategorie ist, kann durchaus informativ und gut zu lesen sein.
Oder wurden hier einfach nur 6 Bücher genommen und dann geschaut, welches am besten in welche Kategorie passt?
Die 11 Journalisten werden ja überall namentlich erwähnt, die Liste der begutachteten Bücher erscheint leider nirgendwo.
@STK: "die Liste der begutachteten Bücher erscheint leider nirgendwo."
Ich denke in der aktuellen Ausgabe von "bild der wissenschaft" wirst Du fündig.
:-) off topic.
ich hab deine site aufgerufen, als sie ladete wollte ich auf eine andere seite umschalten und hab die dann schon fertig geladene site vielleicht noch eine 1/4 sek. gesehen, und mein unterbewußtsein schrie laut auf, irgendwas ist anders.
also gleich zurück, und sieh da.
aus dem zauberlehrling, wurde ein mann ;-).
wieviele jahre sind da da dazwichen ?
@ Florian Freistetter
Na, das sieht man doch bei Deinen Anti-Esoterik-Exzessen sehr deutlich, aber da stört es Dich aus irgendeinem Grunde nicht...@kindermund
Ich denke, der Unterschied dürfte darin liegen, daß es ersten kein Gepöbel und zweitens nur gegen die Meinung eines kindermundes geht. Aber kindermünder dürfen das auch gerne anders sehen wenn es ihnen so lieber ist.
@Lichtecho
Kann man sich die auch irgendwo Online anschauen? ;-)
...
Achja, Herr Nakott ist Biologe und damit exzellent geeignet, den physikalischen Gehalt des Buches zu beurteilen. Hat Herr Freistetter ja schon freundlich erwähnt.
Ich zitiere auch mal was um meinen Senf dazuzugeben:
Nichts anderes tun die Physiker doch von Anfang an... Aus den Formeln Dinge ableiten, die man noch nicht beobachtet hat. (Natürlich geht es auch andersrum - aus beobachteten Phänomenen mathematische Gesetzmäßigkeiten herleiten)
Ein Beispiel gefällig? Gerne doch: Schwarze Löcher. Seit Ende der 1920er Jahre wurden sie aus den Formeln "erfunden", und durch weitere Berechnungen wurde die Vorstellung vom Aussehen und Verhalten durch immer feinere Rechnungen immer detaillierter - ohne jedoch jemals überhaupt eines dieser Gebilde beobachtet zu haben. Heute, 80 Jahre später, haben wir immer noch kein Schwarzes Loch direkt gesehen, aber wir konnten "Nebeneffekte" messen, die sehr starke Belege sind (z.B. ein Stern und ein sehr massereicher unsichtbarer Begleiter umkreisen sich). Somit kann als einigermaßen gesichert gelten, das Schwarze Löcher existieren. Und es hat nur mehrere Jahrzehnte gedauert, dies festzustellen.
Möchten Sie noch ein Beispiel. Nagut, wie wäre es denn mit dem Neutrino? Anfang der 1930er Jahre "erfunden" von Wolfgang Pauli und Enrico Fermi, um den Beta-Zerfall zu erklären. Erst 23 Jahre später wurde es dann zum ersten mal nachgewiesen. (Genauer gesagt, ein Antineutrino).
Natürlich ist die Dunkle Energie eine "Erfindung" der Physiker. Oder man könnte auch sagen ein "Postulat". Theoretische Physiker postulieren andauernd etwa. Manchmal dauert es nur wenige Jahre bis zum Nachweis, manchmal sind es mehrere Jahrzehnte.
@Florian Freistetter (und andere, die Unzickers Buch gelesen haben)
Herrn Unzickers Meinung geht ja auch gegen die Existenz des Higgs-Bosons. Hat er denn mindestens eine der alternativen Theorien im Buch erwähnt?
@STK
Herr Unzicker kann auf alternative Theorien über den Ursprung der Masse im SM gar nicht eingehen, da er das SM selbst vollkommen ablehnt - es ist ein "Irrweg" und "hat zu viele freie Parameter". Er ist - was die Physik betrifft- ca. 1940 stehengeblieben.
@STK:
Rein aus methodischem Interesse.
Muß der Herr Unzicker eine Alternative anbieten? Oder reciht es, wenn er aufzeigt, wieso seiner Meinung nach, das Higgs-Boson nicht existent sein kann.
Oder muß er nicht einmal dies aufzeigen, weil die Befürworter des Higgs-Bosons in der Bringschuld sind, die Existenz dieses Teilchen zu belegen.
Oder kommt hier Ockhams Rasiermesser zum Tragen - eine mögliche Erklärung (also die Existenz des Teilchens) ist besser als keine Erklärung, und das Postulat des Teilchens zumindest hypothetisch die gefunden Ergebnisse besser erklären würde, als ein Verzicht auf dieses Erklärungsmodell.
Gruß René (der das Buch nicht gelesen hat)
"Seit wann ist die Erde rund?" kann ich sehr empfehlen. Mein sechsjähriger Sohn nimmt es oft und gerne in die Hand, auch wenn er es selbst noch nicht lesen kann. Es ist gut gestaltet und witzig geschrieben.
@René:
Das ist aber, zumindest wenn ich Dich richtig verstehe, nicht Ockhams Rasiermesser. Ockhams Rasiermesser sagt sinngemäß aus, dass die einfachste verfügbare (sinnvolle) Erklärung für ein beobachtetes Phänomen den weniger einfachen vorzuziehen ist. Das Prinzip sagt NICHT, dass irgendeine Erklärung besser als gar keine ist (das tun Religionen).
Die Existenz des Higgs-Bosons ist (soweit ich informiert bin) nicht bewiesen, und damit eine Theorie. Natürlich besteht bei einer Theorie eine "Bringschuld", derer sich die Wissenschaft aber auch absolut bewusst ist.
Der Punkt ist: Wenn man eine etablierte und konsistente Theorie angreifen will, sollte man aber doch schon eine alternative Theorie anzubieten haben. Das ist halt das Störende an einem solchen Machwerk: Es ist ja schön und gut, der modernen Physik zu sagen, sie sei auf dem Holzweg, aber was ist denn die "Antithese"? Um Deine Aussage einmal provokativ umzudrehen, postuliert Unzicker also, dass keine Erklärung besser ist als eine nachvollziehbare Theorie. Ist auch nicht so das Wahre, oder?
Schönen Gruß
Grüse
@René
Nunja, ich persönlich bin der Meinung, wenn man etwas kritisiert sollte man dies nicht nur persönlich aufgrund der Kritik tun - es sollte irgendwie schon etwas mehr dahinterstecken. Persönliche Angriffe zählen aber nicht dazu.
Auf seinem privaten Blog mag es ja noch ok sein, einfach mal einen Rant zu einem Thema zu schreiben und zu sagen "Alles was da gemacht wird ist Scheiße".
Aber bei einem Buch, für das ich evtl sogar viel Geld ausgebe, erwarte ich einfach mehr Substanz - da darf der Autor ruhig mal Alternativen beleuchten. Nur ein "Sorry, alles was ihr in den letzten 50 Jahren gemacht habt ist einfach Müll und Resourcenverschwendung, aber eine Alternative habe ich auch nicht" bringt es einfach für mich nicht.
Aber vielleicht sollte ich selbst mal reinlesen - völlig kostenlos, denn es gibt ja Bibliotheken.
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LG
RelativKritisch Redaktion