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30. September 2008
Klage gegen den LHC wurde abgewiesen
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 33
Nicht nur in Europa gab es viel Kritik am Large Hadron Collider (LHC) des europäischen Kernforschungszentrum CERN - auch in Amerika hat man versucht die Inbetriebnahme des LHC per Gerichtsurteil zu untersagen (Ali hat darüber berichtet).Diese Klage von Walter Wagner und Luis Sancho wurde heute - wenig überraschend - abgewiesen. Sie hatten ihre Klage beim United States District Court for the District of Hawaii eingebracht. Und wie Ali damals richtig vorgesagt hatte war das keine gute Idee - Hawaii hat sich für den Teilchenbeschleuniger in Genf als nicht zuständig erklärt:
The United States Defendants move for dismissal for lack of subject matter jurisdiction or for summary judgment on other grounds. Defendants' Motion to Dismiss (Doc. 14) is GRANTED.Abgesehen von der seltsamen Vorstellung das ein Gericht aus Hawaii irgendeinen Einfluss auf einen europäischen Teilchenbeschleuniger haben könnte wäre eine Klage gegen den LHC auch wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen gewesen. Hier bei Scienceblogs wurde über die fehlerhaften Argumente der Kritiker ja schon ausführlichst diskutiert.
Im August wurde auch schon ein Eilantrag am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgewiesen; vor ein paar Wochen auch eine Klage derselben am Verwaltungsgericht Köln (eine ähnlich seltsame Wahl wie Hawaii ;) ).
Die Methoden der LHC-Kritiker sind reichlich seltsam. Kritik an wissenschaftlichen Experimenten wie dem LHC sollte man auch mit wissenschaftlichen Argumenten üben! Zur Wissenschaft gehört auch die Fähigkeit zu akzeptieren, wenn man Fehler gemacht hat. Das können Rössler & Co aber anscheinend nicht und bemühen nun die Gerichte. Aber selbst ein Richter kann wissenschaftliche Tatsachen nicht mit einem Urteil außer Kraft setzen! Die Realität ist so wie sie ist - da ändern auch Klagen nichts.
Die Leute von LHC-Kritik haben übrigens letzten Samstag in Bregenz eine Demonstration gegen den Large Hadron Collider organisiert. Abgesehen davon dass die kleine Landeshauptstadt von Vorarlberg auch nicht unbedingt eine optimale Wahl für so ein Ereignis ist dürfte es dort ziemlich "lustig" zugegangen sein. So wird die Aktion auf der Homepage von LHC-Kritik beschrieben:
"Die symbolische Aktion beschreibt die blinde Euphorie, mit der Physiker der Auffindung des vielleicht kleinsten Teilchens, des Higgs-Bosons, des sogenannten ‚God-Particles', nachjagen. Dessen Auffindung wird über das Wesen der menschlichen Existenz nichts erklären, vielmehr wird die Entstehung unberechenbarer Mikro-Schwarzer-Löcher in Kauf genommen, über deren Wachstumsphasen sehr unterschiedliche Berechnungen und Einschätzungen vorliegen.Und dann wundern sich diese Leute noch, dass sie niemand mehr ernst nimmt...
Gevatter Tod streut aus seinem Sack zahlreiche Schwarze Löcher und einige ‚God-Particles' aus, welche die Physiker unter ihre Kontrolle bringen wollen. Dabei werden unvermeidlich einige oder sogar alle Schwarze Löcher verloren gehen. Wo sind sie dann? Wie schnell werden sie Materie aufnehmen und wachsen? Das harmlose kleine ‚God Particle' oder Schwarzes Loch? Was werden die Physiker finden?
Es wird außerdem eine Rede und ein Lichtermeer geben."
Liest hier zufällig jemand aus Bregenz mit? Mich würde interessieren, wie diese Demonstration abgelaufen ist und wie viele Leute tatsächlich teilgenommen haben. Ich hab bis jetzt noch keine Berichte dazu gefunden.
Ähnliche Artikel: Kein Weltuntergang - LHC ist sicher, LHC wurde abgeschaltet, Wissenschaftler, LHC und Science-Fiction Bücher, Wissenschaft am LHC: Die Suche nach dunkler Materie, LHC: Schlagzeilen-Check, Auch die Wissenschaftler am LHC sind Menschen, LHC: Das Sternentor zur Hölle
Autor: Florian Freistetter· 30.09.08 · 20:45 Uhr· 33 Kommentare
29. September 2008
Gemeinsam gegen gefährliche Asteroiden
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 6

Asteroiden können gefährlich sein. In der Vergangenheit der Erde kam es immer wieder zu Kollisionen mit kleineren aber auch größeren Objekten aus dem All. Und auch in Zukunft werden solche Zusammenstöße stattfinden.
Im Gegensatz zu anderen Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche nehmen Asteroideneinschläge aber eine Sonderstellung ein. Wir können ein Erdbeben nicht verhindern; einen Vulkan nicht von einem Ausbruch abhalten oder einen Tsunami stoppen. Aber der Einschlag eines Asteroiden auf der Erde kann aktiv verhindert werden! Das ist die einzige große Katastrophe die der Mensch selbst verhindern kann.
Das Wissen und die Technik wie man so etwas bewerkstelligen kann, existiert im Prinzip schon (ich habe auch hier schon einmal darüber geschrieben). Trotzdem würde so ein Unterfangen immer noch extrem aufwendig und kompliziert sein.
Die ASE - Association of Space Explorers (eine internationale Vereinigung von Astronauten) hat sich vor einigen Tagen mit diesem Thema beschäftigt. Letzte Woche wurde ihr Bericht "Asteroid Threats: A Call for Global Response" veröffentlicht.
Darin werden einige wichtige Punkte angesprochen. Ausgehend von der Tatsache dass durch neue und bessere Teleskope in den nächsten 10 bis 15 Jahren immer mehr potentiell gefährliche Asteroiden entdeckt werden können stellt sich die ASE folgende Fragen:
- Wer wird für die Evakuierung des prognostizierten Einschlagsgebiet zuständig sein und aufgrund welcher Informationen wird man solche Entscheidungen treffen?
- Wie wird die Öffentlichkeit reagieren, wenn es sich widersprechende Prognosen für einen Einschlag gibt?
- Welche Abwehrtechniken existieren und wer wird ihren Einsatz befehlen?
- Wer übernimmt die Verantwortung, wenn eine Abwehr nicht funktioniert?
- Wer entscheidet darüber ob es akzeptable ist, das Risiko für einige Menschen zeitweilig zu erhöhen um es für die Allgemeinheit zu eliminieren?
- Wie klein darf ein Asteroid sein damit wir ihn ignorieren können?
- Wer übernimmt die Kosten für die Abwehr eines Asteroiden?
- Wer wird die Mission durchführen?
- Was passiert wenn 2 Weltraumagenturen sich widersprechende Missionen planen?
Bei einer bevorstehenden Kollision kann nur inter- bzw übernational gehandelt werden (Ich habe hier schon einmal über die Schwierigkeiten beim aktuellen, unkoordinierten Vorgehen geschrieben). Deswegen will die ASE die UNO damit beauftragen die entsprechenden Aktionen zu koordinieren. Dazu gehören nach Meinung der ASE drei Hauptaufgaben:
- 1) Einrichtung eines weltweiten Netzwerks zur Untersuchung und Beobachtung der Bahnen von erdnahen Asteroiden. Dadurch wird sichergestellt, dass eine mögliche Bedrohung frühzeitig bekannt wird und das alle relevanten Stellen darüber informiert werden.
- 2) Eine spezielle Gruppe soll sich mir der vorhandenen Technik der Asteroidenabwehr beschäftigen bzw. neue Techniken entwickeln. Dabei sollen alle interessierten und dazu fähigen Weltraumorganisationen eingebunden werden. Wird über das Beobachtungsnetzwerk eine konkrete Gefahr festgestellt dann gibt diese Gruppe einen entsprechenden Plan für eine Abwehrmission aus.
- 3) Beide oben genannten Funktionen sollen von einer speziellen Gruppe in der UNO beaufsichtigt und koordiniert werden. Diese Gruppe soll auch die internationalen Richtlinien für das gesamte Vorgehen entwickeln.
Der Bericht soll der UNO 2009 vorgelegt werden. Er endet mit den Worten:
Die Association of Space Explorers und ihr Gremium für die Asteroidenabwehr sind sicher dass die internationale Gemeinschaft zukünftige Asteroideneinschläge abwehren kann wenn ein Programm für ein gemeinsames Vorgehen existiert. Die Association of Space Explorers und ihr Gremium sind sich aber ebenfalls sicher dass unsere Gesellschaft unter den Effekten eines zukünftigen Einschlags leiden wird wenn es zu keiner internationalen Einigung über ein gemeinsames Vorgehen kommt. Dieses Leid wird noch durch das Wissen verstärkt werden, dass die Verluste an Menschenleben, wirtschaftliche Verluste und eine lang andauernde gesellschaftliche Zerrüttung abgewendet hätten werden können. Wenn sich die wissenschaftliche Forschung und die internationalen Organisationen aber heute dem Problem zuwenden, dann können sie Wege finden um so eine Katastrophe zu vermeiden. Wir können es uns nicht leisten uns dieser Verantwortung zu unterziehen.
Klare Worte!
Ähnliche Artikel: Erdnahe Asteroiden und Fuzzy Logic, Erdnahe Asteroiden und das Chaos, Chaos im Sonnensystem, Zuständigkeiten: Wer rettet die Welt?, (Kein) Weltuntergang in 28 Jahren, Tunguska, Riesenkrater und die Asteroidenabwehr, Ein Traktorstrahl zur Asteroidenabwehr
Autor: Florian Freistetter· 29.09.08 · 20:47 Uhr· 6 Kommentare
28. September 2008
Schockierendes Ergebnis der Wahl in Österreich
Kategorie: Politik · Kommentare: 43
Ich bin sprachlos. Gerade habe ich die erste Hochrechnung für die heute stattfindende Nationalratswahl in Österreich gesehen:
SPÖ: 28,6 %
ÖVP: 25,1 %
FPÖ: 17,9 %
BZÖ: 11,9 %
Grüne:10,5 %
Die Parteien von rechts außen - FPÖ und das BZÖ von Jörg Haider das sich 2005 von der FPÖ abgespalten hat - gewinnen massiv dazu und erreichen gemeinsam fast 30 Prozent! In ersten Reaktionen der Politiker wird sogar schon über eine Wiedervereinigung der beiden Parteien diskutiert. Damit wären sie dann die stärkste Fraktion und könnten den Anspruch auf den Kanzler stellen.
Jörg Haider als österreichischer Kanzler? Oder der FPÖ-Chef H.C. Strache (der ist zwar international noch weniger bekannt - steht aber Haider als Rechtspopulist um nichts nach)?
Ich bin sprachlos.

Autor: Florian Freistetter· 28.09.08 · 17:40 Uhr· 43 Kommentare
Homöopathie an der Kinderuni: Antwort der Verantwortlichen
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften
Im Rahmen einer österreichischen Kinderuniversität werden Vorlesungen über Homöopathie angeboten. Diese Vorlesungen werden auch für Beiträge des Qualitätsradiosenders Ö1 verwendet. Beide Male erfolgte die Auseinandersetzung mit der Homöopathie völlig unkritisch. Die unkritische Betrachtung der Homöopathie ist zwar weit verbreitet - aber gerade seriöse Medien und wissenschaftliche Einrichtungen sollten hier nicht mit dem Strom schwimmen und die Propaganda der Homöopathen einfach weitergeben. Besonders dann, wenn es darum geht, Kindern etwas beizubringen. In einem Gastbeitrag hat sich Kommentatorin emp darüber schon geäußert. Sie hat aber auch die Verantwortlichen bei der Kinderuni kontaktiert und sie zu diesen Sendungen befragt. Mit dem Einverständnis aller Beteiligten möchte ich diesen Briefwechsel hier veröffentlichen:
Die Anfrage richtete sich an drei Professoren die bei der Kinderuni die Sponsion geleitet hatten:
Die Antwort auf diese Anfrage kam dann allerdings von der für die Durchführung der Kinderuni verantwortlichen Frau Mag. Karoline Iber:Sehr geehrte Frau Prof Schnabl, sehr geehrter Herr Prof Mallinger, sehr geehrter Herr Prof Prechtl,
ich wende mich an Sie weil ich von der Kinderuni Wien bis jetzt keine Antwort erhalten habe, Sie jedoch die Kinderuni-Sponsion geleitet haben.
Grundsätzlich halte ich die Kinderuni für ein großartiges Projekt. Mit einigem Erstaunen habe ich aber bemerkt, dass es heuer eine Veranstaltung zum Thema „Homöopathie" gab, im Vorjahr zur Traditionellen Chinesischen Medizin. In beiden Fällen hat Ö1 das Thema übernommen und einen unkritischen Beitrag gesendet. Ich dachte, dass es ein Anliegen der Kinderuni sei, Wissenschaft in den öffentlichen Raum zu bringen und nicht Aberglauben unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit zu fördern.
Sie haben den Kindern bei der Kinderuni-Sponsion das Versprechen abgenommen, immer Fragen zu stellen. Sind Antworten wie die, dass Homöopathie wirksam ist, in Ihrem Sinne? Soll das Bild der Kinder von Wissenschaft tatsächlich auf diese Art geprägt werden?
Mich interessiert, nach welchen Kriterien die Lehrveranstaltungen ausgewählt werden und inwieweit Sie Einfluss darauf haben, aber auch, ob Sie die genannten Veranstaltungen für Kinder geeignet und im Sinne der Ziele der Kinderuni halten.
Eine Antwort würde mich sehr freuen,
Ich bin verantwortlich für die KinderuniWien und erlaube mir Ihnen nun persönlich zu antworten.
Zu Ihrer Frage: Wir haben viele Anfragen von Personen, die bei der KinderuniWien unterrichten möchten. Allerdings bleiben wir strikt bei der Vorgabe, dass nur Personen, die auch Lehraufträge an den beteiligten Universitäten haben, eine Lehrveranstaltung an der KinderuniWien anbieten können. Die Redaktion von Ö1 sucht selbst aus dem Angebot der KinderuniWien Lehrveranstaltungen, die dann in der Produktion einer Ö1 Kinderuni-Sendung umgesetzt werden.
Auf das Angebot nehmen wir insoweit Einfluss, als wir die WissenschafterInnen bei der Vorbereitung in didaktischer Hinsicht und in organisatorischer Hinsicht unterstützen. Im Sinne der Freiheit der Wissenschaft beeinflussen wir die Inhalte nicht. Selbstverständlich würden wir sexistische oder rassistische Inhalte, bzw. Inhalte, die die Menschenwürde gefährden, nicht zulassen. Aber wir bitten alle Lehrenden Fragen und das Hinterfragen der Kinder zuzulassen und auch zu bestärken.
Wir erleben es immer wieder, dass Kinder sich auch durchaus skeptisch zeigen und wir ermutigen Kinder auch dazu, Dinge in Frage zu stellen. Kinder sind ein sehr kritisches Publikum.
Es sind in jeder Lehrveranstaltung auch MitarbeiterInnen von uns, die nicht nur für die Kinder zuständig sind, sondern auch Rückmeldung zum Verlauf der Lehrveranstaltung geben. Von ihnen wissen wir, dass viele Lehrveranstaltungen gut laufen und dass manche verbesserungswürdig sind. In solchen Fällen bemühen wir uns die LehrveranstaltungsleiterInnen für das nächste Jahr noch mal besser zu unterstützen.
Die KinderuniWien lebt von der Vielfalt der Angebote. Kinderunis in Deutschland funktionieren zumeist so, dass es eine Lehrveranstaltung pro Woche gibt. Im Gegensatz zu diesen Kinderuni-Konzepten, bei denen die Kinder eigentlich keine Wahlmöglichkeit bei Lehrveranstaltungen haben, können die Kinder bei der KinderuniWien aus einem Angebot von mehr als 300 Veranstaltungen wählen. Auch die Eltern können in der Frage der Auswahl der Lehrveranstaltungen mitwirken.
Uns ist es bei der KinderuniWien wichtig die Vielfalt in der Wissenschaft zu zeigen. Das ist das Bild von Wissenschaft, das wir vermitteln möchten. Dazu gehört auch, dass verschiedene Ansätze und Ideenstränge gezeigt werden, dazu gehört, dass verschiedene Disziplinen gezeigt werden und dazu zählt auch ernsthafte Auseinandersetzung mit den angebotenen Themenstellungen.
Zur Rolle der Eltern bei der Themenwahl wurde von emp noch einmal nachgefragt:
Die Antwort darauf:Eine Frage wäre für mich noch offen. Sie schreiben: „Auch die Eltern können in der Frage der Auswahl der Lehrveranstaltungen mitwirken." Wie funktioniert das? Nur privat, indem die Eltern eben darauf achten, was das Kind wählt, oder gibt es eine Art Elterngremium? Falls letzteres der Fall ist, wie kann man daran teilnehmen?
Die Ausführungen von Seiten der Kinderuni waren zwar detailliert - aber gehen auf das eigentlich Problem nicht wirklich ein. Ich fürchte, auch die Verantwortlichen der Kinderuni sind hier dem weit verbreiteten Irrglauben verfallen, dass Homöopathie eine (vielleicht kontroverse) Wissenschaft ist! Homöopathie ist aber trotz aller Werbung und trotz der seriösen Verpackung als "sanfte Alternativmedizin" nichts anderes als Aberglaube und Pseudowissenschaft. Und genau das sollte man eigentlich auch den Kindern beibringen.Bei uns gibt es einen Kinderbeirat, allerdings kein Elterngremium. Die Eltern können nur vor der Anmeldung im Gespräch mit den Kindern eine beratende Funktion für die Kinder übernehmen.
Ähnliche Artikel: Abstimmen über Homöopathie, Gastbeitrag: Homöopathie auf Ö1 und der Kinderuni Wien, Homöopathie-Propaganda für Kinder, Homöopathie, Placebos und Quantenunsinn, Homöopathie am LKH Klagenfurt, Homöopathie auf dem Prüfstand, Homöopathie-Propaganda in der Qualitätszeitung, Medikamente aus Hundekot, Erste deutsche Homöopathie-Professur ins Leben gerufen
Autor: Florian Freistetter· 28.09.08 · 16:47 Uhr· 0 Kommentare
27. September 2008
Seltsame Links zum Wochenende
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 2
Ich habe heute wieder mal meine google alerts durchgesehen und bin dabei auf ein paar seltsame/interessante Links gestoßen.

Ich habe ja schon vor einiger Zeit über die seltsamen Vorstellungen des tegut-Chefs Wolfgang Gutberlet geschrieben. Der glaubt nämlich, dass Würste besser schmecken würden, wenn sie bei klassischer Musik reifen können. Besonders amüsant war hier der Gedanke an die "armen" Musiker die regelmäßig vor einem Publikum aus Wurst und Schinken im Fleischwarenlager des Supermarkts musizieren dürfen. Jetzt gibt es bei n-tv endlich auch ein Foto dieser speziellen Auftritte.
Der ORF meldet heute, dass die Österreichische Astrologische Gesellschaft ihr 100jähriges Jubiläum feiert. 100 Mitglieder fasst diese Gesellschaft - dass nennt auch die Präsidentin Brigitte Strobele einen "Tiefstand". Die Gesellschaft will das Wissen über die Astrologie weitervermitteln und "forscht" auch selbst. Außerdem kann man sich dort ausbilden lassen. "Es gibt aber keine staatlich anerkannte Prüfung auf astrologischer Ebene" sagt die Präsidentin Strobele. Glücklicherweise! Immerhin durften sich die Astrologen gestern schon über einen offiziellen Empfang beim Wiener Bürgermeister freuen.
Die Ahlener Zeitung (in der mir schon des öfteren sehr unkritische Berichte über Homöopathie aufgefallen sind) schreibt einen Artikel über einen Vortrag der Heilpraktikerin Sabine Hüntemann. Sie liefert mal eine tolle "Theorie" über die Wirkungsweise der Homöopathie:
„Die Homöopathie ist eine Reiztherapie", erklärte sie. Man setzte der Krankheit quasi noch mal die gleiche Krankheit obendrauf und reize den Körper damit, noch mehr Abwehrkräfte zu bilden und so mit der Krankheit fertig zu werden. Eine Erstverschlechterung sei dabei durchaus erwünscht, da sie anzeige, dass das Mittel wirkt und der Körper reagiert."
Vielleicht sollte man sie mal darauf hinweisen wie Impfungen in der richtigen Medizin funktionieren? Das mit ihrer "Theorie" etwas nicht so ganz stimmen kann scheint sie aber auch selbst irgendwie zu wissen:
"„Die Schulmedizin ist unser Rettungsanker", erklärte Hüntemann. Homöopathie könne nämlich gleichzeitig mit der normalen Schulmedizin angewandt werden, da sich die Wirkungen nicht gegenseitig aufhöben."
Hmm - ja, wenn man zu echter Medizin auch noch ein paar Zuckerkügelchen einnimmt, dann kann man sicher mit einem Behandlungserfolg rechnen (der dann natürlich nur der Homöopathie zuzurechnen ist ;) ).
Zum Schluß habe ich noch - anlässlich der morgen stattfindenden Nationalratswahl in Österreich - ein nettes Video für Unentschlossene gefunden ;)
Autor: Florian Freistetter· 27.09.08 · 16:15 Uhr· 2 Kommentare
26. September 2008
Neues aus der Forschung: Kollidierende Planeten
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 27
Ich habe hier ja schon einige Male über kollidierende Planeten geschrieben. Dabei handelte es sich aber entweder um pseudowissenschaftliche Spinnereien oder um sehr unwahrscheinliche Vorgänge in ferner Zukunft. Amerikanische Astronomen haben aber nun ein System gefunden, in dem vielleicht wirklich 2 Planeten vor nicht allzu langer Zeit zusammengestossen sind.
In ihrer Arbeit mit dem Titel "Planetary systems around close binary stars: the case of the very dusty, Sun-like, spectroscopic binary BD+20 307" untersuchten Benjamin Zuckerman von der University of California und seine Kollegen den 300 Lichtjahre entfernten Stern BD +20 307. Dort hat man gemessen, wie viel Staub sich in seiner Umgebung befindet. Das Ergebnis war überraschend: in diesem System befindet sich mehr als eine Million Mal so viel interplanetarer Staub wie in unserem Sonnensystem.
Daher dachte man zunächst, es handelt sich um ein noch sehr junges System in dem sich aus dem Staub gerade die Planeten bilden. Mit dem Weltraumröntgenteleskop Chandra hat man allerdings vor kurzem das Alter des Sterns bestimmt. Zuerst fand man heraus, dass es ich bei dem Stern um ein Doppelsternsystem handelt! Die beiden Komponenten umkreisen aneinander dabei sehr eng. Aber viel wichtiger war die Erkenntnis, dass die Sterne nicht jung sind sondern etwa so alt wie unsere Sonne!
In einem so alten System müssen sich eventuelle Planeten schon längst gebildet haben. Wo kommt aber der viele Staub her? Die Wissenschaftler vermuten, dass sich hier vor einiger Zeit eine gewaltige Kollision abgespielt hat. Zwei Planeten - etwa so groß wie Venus und Erde - sind dabei zusammengestossen und haben sich dabei gegenseitig so gut wie zerstört. Dabei ist dann auch der Staub entstanden.
"Wenn auf diesen Planeten irgendeine Form von Leben existierte dann wäre es durch die gewaltige Kollision innerhalb von Minuten ausgelöscht worden. Das war ein endgültiges Massensterben. Eine große Scheibe aus Staub der den Stern umgibt ist der stille Zeuge dieses traurigen Schicksals."
meint (etwas pathetisch) Gregory Henry von der Tennessee State
University der ebenfalls an der Forschungsarbeit beteiligt war.
Diese Hypothese ist aus vielen Gründen interessant. Wenn es um BD +20 307 wirklich ein Planetensystem gibt, dann wäre es das erste seiner Art. Man hat zwar auch schon bisher einige Planeten gefunden, die sich in einem Doppelsternsystem befinden. Dort sind die Sterne aber relativ weit auseinander und die Planeten umkreisen nur einen der beiden. Planeten, die beide Komponenten eines Doppelsterns umkreisen konnten bis jetzt nicht gefunden werden!
Außerdem stellt sich dann noch die Frage, was die Planeten dazu gebracht hat, miteinander zu kollidieren. In einem altem Planetensystem sollten sich die Bahnen eigentlich schon stabilisiert haben. In der Frühzeit eines Systems kann es noch wild zugehen. Auch in unserem Sonnensystem fanden früher einige gewaltige Kollisionen statt (wie z.B. diejenige, bei der unser Mond entstanden ist). Aber mittlerweile laufen die Planeten alle eigentlich recht stabil auf ihren Bahnen.
Betrachtet man aber sehr lange Zeiträume dann kann es unter bestimmten Umständen trotzdem noch zu Kollisionen kommen. Das hat der französische Astronom Jacques Laskar schon vor einigen Jahren mit seiner Arbeit gezeigt. Vielleicht ist bei BD +20 307 das eingetreten, was eventuell in einigen Milliarden Jahren auch in unserem System passieren kann!
BD +20 307 scheint auf jeden Fall ein faszinierendes System zu sein. Ich hoffe dass die weitere Erforschung ein wenig Licht auf die Vorgänge dort werfen werden!
Autor: Florian Freistetter· 26.09.08 · 09:08 Uhr· 27 Kommentare
25. September 2008
Österreich schafft die Studiengebühren ab!
Kategorie: Politik · Kommentare: 27

Bis zum Jahr 2000 war ein Studium in Österreich noch wirklich frei. Jeder konnte studieren was er oder sie wollte; es gab keinen Numerus Clausus oder sonstige Einschränkungen (natürlich musste man Matura/Abitur haben). Und das Studium selbst war bis auf eine kleine Verwaltungsgebühr kostenlos.
Dann kam im Jahr 2000 die Mitte-Rechts-Regierung aus ÖVP und FPÖ und Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer (die bis dahin in jedem Interview behauptete das unter ihr keine Studiengebühren eingeführt werden) führte Studiengebühren ein. Im Wahlkampf 2006 machte die SPÖ die Abschaffung der Studiengebühren zu einer ihrer Hauptversprechen. Als sie dann aber als stärkste Partei gemeinsam mit der ÖVP eine Regierung bildeten, änderte sich nichts: die Studiengebühren blieben. Vor ein paar Jahren wurden dann wegen bestimmter EU-Richtlinien auch Zugangsbeschränkungen für verschiedene Studiengänge (z.B. Medizin, Psychologie, Biologie, etc) eingeführt. Nächsten Sonntag wird schon wieder ein neuer Nationalrat in Österreich gewählt. Und gestern fand im Parlament eine außergewöhnliche Sitzung statt in der alle Parteien in wechselnden Koalitionen noch schnell die verschiedensten Gesetze beschlossen. Eine seltsame Koalition aus SPÖ, Grünen und der FPÖ beschloss dabei die Abschaffung der Studiengebühren und der meisten Zugangsbeschränkungen (ausgenommen die für Medizin und Psychologie)
Ich finde das sehr gut! Prinzipiell könnte man ja über Studiengebühren reden. Wenn es vernünftige und einfache Regelungen für sozial schwächere Studenten gibt und wenn die Studienbedingungen Gebühren rechtfertigen, dann würden sie vielleicht sogar sinnvoll sein.Aber davon war Österreich weit entfernt! Auch nach der Einführung der Gebühren haben sich die Studienbedingungen nicht wesentlich verbessert. Immer noch durften sich die Studenten mit überfüllten Hörsälen (teilweise sogar einstürzenden Hörsälen!), veralteter Infrastruktur, überfüllten Seminaren und Praktikas mit semesterlangen Wartezeiten und zu wenig Lehrpersonal für zuviel Studenten herumärgern. Nur, dass sie nun auch noch dafür bezahlen durften.
Auch die Zulassungsbeschränkungen waren typisch österreichisch eine chaotische Angelegenheit. Es gab keine gemeinsame Regelung; jede Universität bzw. jeder Studiengang konnte selbst entscheiden wie die Studenten ausgewählt werden. Das reichte von "Wir schauen uns den Lebenslauf an und suchen uns jemanden aus" bis hin zu großen Zulassungsprüfungen.
Die ÖVP hat jedenfalls bis gestern noch alles mögliche versucht um die Abschaffung zu verhinderen und dabei für die österreichischen Universitäten den Teufel an die Wand gemalt. Sie hat sogar eine Umfrage veranstaltet um zu zeigen, dass die große Mehrheit der Österreicher für die Beibehaltung der Gebühren ist. Und tatsächlich: 71% der Menschen wollen die Gebühren weiterhin. Das ist auch verständlich wenn man sich den "neutralen" und "objektiven" Text der Frage ansieht:
"Die Studienbeiträge von 363,- Euro pro Semester haben die Durchschnittsdauer um 1 Jahr verkürzt. Daher gibt es kaum noch Studierende die keine Prüfung ablegen. Rund jeder 3. Studierende an Fachhochschulen und jeder 5. Studierende an Universitäten bekommt durch eine Studienförderung die Studienbeiträge ersetzt. Was meinen Sie: Sollen die Studienbeiträge abgeschafft werden und der Steuerzahler für den Einnahmenausfall (150 Mio. Euro pro Jahr) aufkommen, oder sollen die Studienbeiträge erhalten bleiben, da sie ein moderater Beitrag zu den Kosten eines Studiums sind?"
Was soll man da noch dazu sagen. Gestern hatten sie dann noch versucht, die Abschaffung vom Ergebnis einer Volksabstimmung abhängigen zu machen - ebenfalls erfolglos.
Aber nicht nur die ÖVP, auch die Rektoren der meisten Universitäten (die den Wegfall der Studiengebühren natürlich ersetzt bekommen) sind nicht glücklich mit dieser Entscheidung. Sie befürchten nun einen Ansturm auf die Unis und zu viele neue Studenten.
Prinzipiell halte ich es für keine schlechte Sache wenn sich in Österreich mehr junge Leute für ein Studium entscheiden. Mit einer Akademikerquote von 14% liegt Österreich weit unter dem OECD-Durchschnitt (mit 24% ist der genauso hoch wie die Akademikerquote in Deutschland). Da sollte man dringend Anreize schaffen, um mehr Leute an die Unis zu holen.
Ich verstehe auch, dass die Rektoren sich vor einem Ansturm fürchten. Die meisten Universitäten kommen jetzt schon nicht mehr der Masse an Studenten klar und es wird immer weiter an Personal gespart. Aber der vernünftige Weg (zumindest meiner Meinung nach) wäre, die finanzielle Lage der Unis zu verbessern damit sie die Studenten vernünftig und angemessen ausbilden können. Aber die ÖVP und viele Rektoren scheinen lieber auf Abschreckung durch Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen zu setzen um die Studentenzahlen niedrig zu halten.
Hätte es zu meiner Zeit schon Numerus Clausus oder Zulassungsprüfungen gegeben, dann wäre ich heute wohl kein Astronom. In der Schule war ich nämlich ziemlich schlecht in Mathematik. Nicht, weil ich es nicht verstanden hätte - aber unser Lehrer war da nicht sehr motiviert und konnte kaum Interesse für das Thema wecken. Was Mathematik wirklich ist habe ich erst auf der Uni gelernt und bin dann auch schnell richtig gut darin geworden.
Mir ist klar, das es wohl wirklich einige Leute gibt, die besser nicht an die Universität gegangen wären. Viele junge Menschen beginnen wohl einfach nur aus Mangel an Alternativen bzw. sogar vielleicht aus Langeweile ein Studium.
Wenn man hier eine gewissen Kontrolle über die Studienzahlen haben möchte, dann wäre es vielleicht besser eine Art "Testphase" ins Studium einzubauen. Es sollte also weiterhin jeder das Studium beginnen können das er oder sie gerne will. Aber z.B. nach 2 Semstern könnte dann überprüft werden, ob die Wahl wirklich sinnvoll ist. Das soll nicht bedeuten dass dann nach einer gewissen Zeit einfach 50% "rausgeprüft" werden! Aber man kann für jeden Studiengang gewisse Kriterien definieren, die nach bestimmter Zeit erfüllt werden müssen. Wer das kann, der studiert weiter.
Das ganze Thema ist nicht einfach und auch in Österreich wird sich noch einiges tun müssen. Aber die Abschaffung der Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen in ihrer bisherigen Form ist auf jeden Fall schon mal ein Fortschritt!
Autor: Florian Freistetter· 25.09.08 · 11:55 Uhr· 27 Kommentare
23. September 2008
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Kategorie: Kultur · Kommentare: 17
Heute muss ich mal ein bisschen Eigenwerbung machen. Ich habe nämlich ein neues Blog aufgemacht. Das hat diesmal nichts mit Wissenschaft zu tun sondern mit meiner zweiten großen Leidenschaft - den Büchern.Das Thema des Blogs ist schnell beschrieben: Ich lese ein Buch und blogge darüber. Und ich meine wirklich ein Buch. Ein einziges. Und zwar "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust.
Ich weiß nicht ob jemand dieses Buch schon mal gelesen hat? Es ist - zumindest meiner Meinung nach - ein äußerst gutes Buch. Aber verdammt schwer zu lesen. Der für Proust typische Schreibstil macht die Lektüre nicht unbedingt leicht. Ich selbst lese ja wirklich viel und gerne. Und bis jetzt habe ich auch alle Bücher die ich begonnen habe auch (fast) immer zu Ende gelesen. Nur an Proust bin ich immer gescheitert. Ich habe schon 3 Versuche hinter mir und es dabei nur bis zur Hälfte des dritten Bandes geschafft. "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist nämlich nicht nur schwer zu lesen sondern auch sehr lang ;) In meiner Ausgabe sind es 4194 Seiten.
Daher habe ich mir vor meinem vierten Leseversuch etwas besonderes überlegt. Wenn ich regelmäßig über das gelesene schreibe, dann fällt es mir vielleicht 1) leichter weiter zu machen und 2) sind längere Lesepausen nicht so schlimm weil ich ja meine Aufzeichnungen habe. Im Gegensatz zu anderen Büchern kann man nämlich bei "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" nicht einfach mal eben zwischendurch ein bisschen lesen. Der Schreibstil mit seinen exzessiven Beschreibungen und fast schon unerträglich langsamen Handlung macht es unmöglich nur kurz in dem Buch zu lesen. Man braucht immer einige Zeit, um sich wieder an den Stil zu gewöhnen (so geht es zumindestens mir).
Dann dachte ich mir, dass ich zusätzliche Motivation gewinnen würde, wenn ich das ganze auch noch veröffentliche. Also habe ich vor 3 Jahren eine Homepage dazu eingerichtet. Damals noch ganz normal und kein Blog. Das mit der "öffentlichen Lektüre" hat auch gut funktioniert - bis die Sache dann September 2006 wieder eingeschlafen ist.
ABER: mein Konzept war nicht so schlecht. Als ich vor kurzem das Buch wieder mal in der Hand hatte und ich Lust bekam, wieder weiterzulesen ging das ganz problemlos. Dank meiner Aufzeichnungen hab ich den Anschluss sehr schnell wiedergefunden.
Ich habe mich dann auch entschlossen das Projekt zu modernisieren und in ein echtes Blog umzuwandeln. Und deswegen existiert jetzt das Proustblog!
Ich hoffe, dass ich diesmal nicht wieder so schnell aussteige und das Buch endlich mal zu Ende lesen kann! Aufmunternde und anfeuernde Kommentare helfen dabei sicher ;)
Und vielleicht bekommt ja der eine oder die andere dann auch selbst Lust, das Buch zu lesen? Ich kann es jedenfalls nur empfehlen! Auch wenn es schwer zu lesen ist - es ist wirklich gut! Zum Einstieg empfehle ich "Wie Proust ihr Leben verändern kann" von Alain de Botton. Das macht wirklich Lust aufs Lesen.
Und damit jeder weiß, worauf er sich einlässt kommt zum Abschluss noch ein Satz aus dem Buch - und zwar der längste des ganzen Werks:
Diejenigen der alten Verdurinschen Möbel, die hier, manchmal sogar unter Beibehaltung einer bestimmten Anordnung, erneut Platz gefunden hatten und denen ich selbst in La Raspeliere wiederbegegnet war, fügten in den gegenwärtigen Salon Teile des alten ein, die augenblicksweise mit nahezu halluzinatorischer Deutlichkeit jenen früheren noch einmal heraufbeschworen, gleich darauf aber fast unwirklich schienen, weil sie inmitten der umgebenden Wirklichkeit Bruchstücke einer untergegangenen Welt, die man an einem anderen Orte wähnte, wiedererstehen ließen: ein aus Träumen entstiegenes Kanapee zwischen neuen, sehr wirklichen Sesseln, kleine, mit rosa Seide bezogene Stühle, eine durchwirkte Tischdecke auf dem Spieltisch, die zur Würde einer person erhoben schien, denn wie eine Person besaß sie eine Vergangenheit, ein Gedächtnis, behielt sie doch im kalten Dunkel des Salons am Quai Conti jene Bräunung bei, welche die durch die Fenster der Rue Montalivet einfallende Sonnenstrahlung (deren genaue Stunde die Decke ebenso gut kannte wie Madame Verdurin selbst) bewirkt hatte, sowie die, die durch die Glasfenster der Gegend bei Doville sich ergoß - wohin man jenes Requisit mitgenommen und wo es den ganzen Tag über den Blumengarten hinweg das tiefe Tal überschaut hatte in Erwartung der Stunden, da Cottard und der Geiger ihre Kartenspiele absolvieren würden - oder auch ein Strauß aus Veilchen und Stiefmütterchen in Pastell, Geschenk eines befreundeten großen Künstlers, der seither verstorben war, einziges hinterbliebenes Fragment eines Lebens, das sonst keine Spuren hinterlassen hatte; jetzt sprach nur dieses Bild noch - in ganz summarischen Zügen - von einem großen Talent und von einer langen Freundschaft, als einziges Überbleibsel erinnerte es noch an Elistirs sanften Blick, an die schöne, füllige und traurige Hand, mit der er immer gemalt hatte; ein gefälliges Durcheinander, eine Wirrnis aus Geschenken der Getreuen, die der Hausherrin überallhin gefolgt waren und schließlich die feste Prägung eines Charakterzuges, einer Schicksalslinie angenommen hatten, eine Fülle von Blumensträußen und Pralinenschachteln, die hier wie dort in einer ganz gleichen Art von üppigem Wachstum wuchernd sich entfalteten; eine merkwürdige Einsprengung aus sonderbaren und überflüssigen Objekten, jenen Dingen, die noch aussehen, als kommen sie eben erst aus der Verpackung hervor, in der sie als Geschenk überreicht worden sind, und die das ganze Leben hindurch bleiben, was sie zunächst gewesen sind, nämlich Geschenke zum 1. Januar, alle jene Gegenstände endlich, die man von den anderen nicht hätte trennen können, die aber für Brichot, den alten Besucher der Verdurinschen Feste, eine Patina und Weichheit bekommen hatten, wie sie Dingen eigen sind, denen ein geistiges Abbild ihrer selbst in unserem Innern eine Art von Tiefe hinzuzufügen scheint - alles dies ließ perlend in ihm jeweils Töne erwachen, welche in seinem Herzen geliebte Anklänge weckten: verworrene Erinnerungen, die gerade hier in diesem ganz und gar die Gegenwart verkörpernden Salon, indem sie vereinzelte Lichtflecke schufen - sowie an einem schönen Tage die Sonne im Viereck geradezu in die Atmosphäre eines Raumes hineingezeichnet - die Möbel und Teppiche gleichsam ausschnitten und mit einer Rahmenlinie umzogen, wobei sie von einem Kissen zu einer Blumenvase, einem Hocker zu einem noch lose anhaltenden Duft, einer Beleuchtungsart zu einem Vorherrschen bestimmter Farben hinübereilten und in plastischer und gleichzeitig beseelter Gestalt eine Form vor Augen rückten, welche gleichsam die ideale, allen aufeinanderfolgenden Heimen anhaftende Urgestalt des Salons der Verdurins war.Nachtrag: Ich sehe gerade, dass das hier mein 150ter Eintrag bei ScienceBlogs ist...
Autor: Florian Freistetter· 23.09.08 · 20:48 Uhr· 17 Kommentare
22. September 2008
Haumea, der fünfte Zwergplanet
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 11
Das unser Sonnensystem seit dem Sommer 2006 nur noch acht Planeten hat ist ja mittlerweile den meisten bekannt. Aber vielleicht weiß der eine oder die andere noch nicht, dass wir nun auch schon fünf Zwergplaneten kennen?
Mit der neuen Planetendefinition der Internationalen Astronomischen Union (IAU) verlor nicht nur Pluto den Status eines Planeten. Es wurde auch eine neue Klasse von Himmelsobjekten geschaffen: die Zwergplaneten.
Genau wie ein normaler Planet muss auch ein Zwergplanet genügend Masse haben um sich unter seiner eigenen Gravitation zu einer runden Form zusammenzuziehen. Ein Planet wächst aber während seiner Entstehungsphase normalerweise schnell genug, um das ihn umgebende Planetenbaumaterial (die "Planetesimalen" die wir heute als Asteroiden und Kometen sehen) aufzubrauchen bzw. durch seine größer werdende Gravitationswirkung aus dem System zu schmeißen. In der Umgebung der Planeten findet man daher heute keine größeren Ansammlungen von Asteroiden mehr (Es gibt Ausnahmen wie z.B. die Trojaner-Asteroiden bei Jupiter). Ein Zwergplanet schafft das nicht und findet sich daher mitten in großen Asteroidengürteln.
Im Sommer 2006 kannte man 3 Zwergplaneten. Den ehemaligen Asteroiden Ceres der sich mitten im Hauptgürtel der Asteroiden zwischen Mars und Jupiter befindet und den ehemaligen Planeten Pluto der sich mitten im Kuipergürtel befindet (ein Asteroidengürtel außerhalb der Bahn des Neptun). Dazu kam Eris, ein weiterer ehemaliger Asteroid aus dem Kuipergürtel.
In diesem Jahr wurde die Familie der Zwergplaneten um 2 Mitglieder erweitert. Am 19 Juli diesen Jahres bekam der Asteroid 2005 FY9 aus dem Kuipergürtel den Namen Makemake und den Status eines Zwergplaneten verliehen. Und letzte Woche wurde der ebenfalls aus dem Kuipergürtel stammende Asteroid 2003 EL61 unter dem Namen Haumea in den Rang eines Zwergplaneten erhoben.
Haumea ist ein seltsames Objekt. Mit einer großen Halbachse von 43 Astronomischen Einheiten befindet er sich weit außerhalb der Bahn des Pluto. Aber wirklich überraschend ist seine Form:

Haumea ist auch viel dichter als man es von einem Objekt im Kuipergürtel erwarten würde. Die bestehen nämlich zu einem großen Teil aus Eis und haben deswegen eine geringe Dichte. Zusammen mit der hohen Rotationsgeschwindigkeit deutet das auf eine große Kollision vor langer Zeit. Damals war Haumea noch viel größer als jetzt und kollidierte mit einem anderem Zwergplaneten. Bei dieser Kollision verlor Haumea einen Großteil seines Eismantels und die Rotationsgeschwindigkeit erhöhte sich.
Ein weiteres Indiz für diese Kollision sind die beiden kleinen Monde von Haumea. Sie heissen Hi'iaka und Namaka und entstanden vermutlich ebenfalls bei dieser Kollision.
Übrigens ist auch die Entdeckungsgeschichte von Haumea ganz interessant.
Spanische Astronomen (José Luis Ortiz und seine Mitarbeiter) gaben die Entdeckung des damals noch als Asteroid bezeichneten Objekts am 28. Juli 2005 bekannt (die entsprechenden astronomischen Beobachtungen wurden allerdings schon 2003 durchgeführt). Grund für die Bekanntgabe: am 20 Juli. hatte der amerikanische Astronom Mike Brown einen Vortrag über ein Objekt mit der internen Arbeitsbezeichnung K40506A (das sie im Dezember 2004 beobachteten) angekündigt. Da Ortiz vermutete dass es sich um das selbe Objekt handelt, dass er entdeckt hatte beeilte er sich mit der Veröffentlichung seiner Daten. Mike Brown und seine Kollegen bestätigen zunächst noch, dass wirklich Ortiz und sein Team die Erstentdecker sind. Aber dann stellen sie fest, dass Ortiz über das Internet auf ihre frei zugänglichen Teleskop-Logbücher zugegriffen hatte - und zwar noch vor der Bekanntgabe seiner Entdeckung. Sie warfen Ortiz und seinem Team nun vor, dass es ihnen nur mit diesen Daten möglich war, das Objekt auf ihren Aufnahmen von 2003 zu identifizieren.
Laut IAU gilt nämlich nicht derjenige als Entdecker, der das erste Foto eines Objekts gemacht hat sondern der, der zuerst genügend Daten liefert um die Bahn eines Objekts genau zu bestimmen. Und wenn Ortiz und sein Team den Asteroiden erst durch die Aufnahmen von Brown identifizieren könnte, dann wäre er der eigentliche Entdecker gewesen.
Heute werden vom Minor Planet Center der IAU die Spanier als offizielle Entdecker geführt; bei der Namensgebung folgte man allerdings dem Vorschlag von Brown und taufte den frischgebackenen Zwergplaneten Haumea.
Übrigens: was die Diskussion darüber angeht, ob Pluto ein Planet hätte bleiben sollen oder nicht - da halte ich es mit Randall Munroe von xkcd:
Gastbeitrag: Homöopathie auf Ö1 und der Kinderuni Wien
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften · Kommentare: 10
Nicht nur ich habe mich vor einiger Zeit darüber aufgeregt, dass im Rahmen einer Kinderuniversität Vorlesungen über Homöopathie angeboten werden. Dieses Thema beschäftigte auch andere Blogger und Kommentatoren. Anlässlich der Radiosendungen auf dem österreichischen Sender Ö1 hat Krista Federspiel schon einen offenen Brief bei Kritisch Gedacht veröffentlicht. Auch die ScienceBlogs Stammkommentatorin emp ist nicht wirklich glücklich mit der Art und Weise wie Kindern hier "Wissenschaft" beigebracht werden soll. Ihre Meinung dazu hat sie in diesem Gastbeitrag zusammengefasst:
Homöopathie auf Ö1 und der Kinderuni Wien
Das Thema der Ö1 - Kinderuni am 21.9.08 ist „Homöopathie - Kleine Wunderkügelchen mit großer Heilkraft". Die Sendung wird wie jeden Sonntag um 17:10 Uhr ausgestrahlt, kann aber auch hier gehört und (nach Anmeldung) kommentiert werden. Ein Artikel über weitere alternative Methoden ist für die Tageszeitung „Der Standard" am kommenden Freitag angekündigt.
Die Sendung fand in Kooperation mit der Kinderuni Wien statt. Im Juli gab es bereits eine gleichlautende Lehrveranstaltung für Kinder. Die Ziele der Kinderuni sind es, Wissenschaft in den öffentlichen Raum zu bringen, Kinder, Jugendliche und deren Familien nachhaltig für Wissenschaft zu begeistern, die Universität zu öffnen und der Gesellschaft Wissenschaft und Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen und Impulse für spätere Entscheidungen hinsichtlich Bildungsweg zu setzen (nachzulesen hier und hier. Dafür wurde die Kinderuni Wien mit dem "Sustainability Awards 2008" ausgezeichnet.
Homöopathie und Wissenschaft? Homöopathie und Kinderuni? Wie passt das zusammen? Mit Homöopathie-Veranstaltungen bringt man Menschen die Wissenschaften nahe? Das halte ich für einen Widerspruch in sich.
Ich habe bei der Kinderuni Ende August zwei Mal per Mail nachgefragt, aber außer einer kurzen Antwort, dass die zuständige Person auf Urlaub sei, bis jetzt nichts erhalten. Vielleicht antworten mir die Vizerektoren der beteiligten Universitäten? Immerhin haben sie die Kinder bei der Kinderuni-Sponsion versprechen lassen, immer Fragen zu stellen. Ob man daraus auch auf Antworten schließen kann?
Ich habe mich auch an Ö1 gewandt und folgende Stellungnahme bekommen:
Nachtrag 22.09.08: Ö1 will nicht, dass diese Antwort veröffentlicht wird. Das Zitat bestand aber sowieso nur aus 2 Sätzen.
Gesellschaftliche Relevanz als Auswahlkriterium? Es gibt viele Themen, die gesellschaftlich relevant sind ohne dabei wissenschaftlich zu sein. Homöopathie ist nicht wissenschaftlich. Es handelt sich um eine Pseudowissenschaft, um etwas, das vorgibt, wissenschaftlich zu sein. Genau dieses Vorgeben wird durch Radiosendungen wie diese unterstützt. Homöopathie wirkt nicht, egal wie viele Menschen das glauben. Allein der Titel des geplanten Beitrags suggeriert das Gegenteil. Damit wird ein falsches Signal gesendet: Es fördert Aberglauben statt Wissen.
Sollen Kinder wirklich glauben und es für Wissen halten, dass man mit potenzierten Mondlicht heilen kann?
Man kann Kinder vor Alternativmedizin nicht bewahren, aber man kann sie lehren, damit umzugehen. Genau das würde ich mir von der Kinderuni, die einen hervorragenden Ruf genießt, und von Ö1 als einem Qualitätsradiosender erwarten. Genau das ist nicht geschehen.
Kritisch ist dieser Radiobeitrag nicht. Dr. Peter König „erklärt" den drei fragenden Kindern die Homöopathie aus der Sicht des Homöopathen ohne den leisesten Zweifel an der Wirksamkeit.
Homöopathie wurde an der medizinischen Fakultät der Universität Wien erstmals 1985 von Mathias Dorcsi gelehrt. 1992 hat Peter König diese Lehrveranstaltung übernommen, seit 2001 gibt es eine „Ringvorlesung" (Diese Informationen wurden entnommen aus: „Durch Ähnliches heilen. Homöopathie in Österreich", herausgegeben von Peter König, Wien 2005). Man könnte daher argumentieren, dass die Kinderuni und in der Folge Ö1 nur das lehren, was auch an der Universität gelehrt wird und die Homöopathie-Veranstaltung von daher unbedenklich ist.
Doch die Kinderuni will die Universität öffnen und der Gesellschaft Wissen und Erkenntnisse zur Verfügung stellen. Dieser Anspruch kann mit der Verbreitung von Pseudowissenschaft nicht erfüllt werden, ganz im Gegenteil. Pseudowissenschaften erhalten so nur noch mehr Unterstützung. Abgesehen davon, gibt es durchaus Lehrveranstaltungen für „erwachsene" Studenten, die man Kindern mit Sicherheit nicht zumuten kann.
Sowohl die Kinderuni als auch Ö1 haben einen seriösen Ruf. Wenn ein Kind dort von der „Wirksamkeit" der Homöopathie erfährt, wird es das glauben. Das soll Wissenschaft in den öffentlichen Raum bringen? Das sind die Antworten, die die Kinder auf ihre Fragen bekommen? Aus den heurigen 345 Lehrveranstaltungen wählt Ö1 gerade die über Homöopathie aus und sorgt für eine weitere Verbreitung? Ich verstehe das noch immer nicht.
Autor: Florian Freistetter· 22.09.08 · 09:01 Uhr· 10 Kommentare
21. September 2008
Das Blog-Teleskop #9
Kategorie: Blog-Teleskop·Naturwissenschaften
Die neunte Ausgabe des Blog-Teleskops wird diesmal von Claudia Kaiser ausgerichtet (die übrigens erst kürzlich im Wissenschafts-Café interviewt wurde). In ihrem Blog "Blogging for Science" schreibt sie regelmäßig über die neuesten Ergebnisse des Wissenschaftsbetriebs. Diesmal hat sie sich den Astro-Blogs gewidmet und geschaut, was in den letzten 2 Wochen an Neuigkeiten gab.
Und wer auch mal eine Ausgabe des Teleskops beherbergen möchte, der soll mir Bescheid sagen.
Autor: Florian Freistetter· 21.09.08 · 17:48 Uhr· 0 Kommentare
Albert Einstein am Oktoberfest
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften

Seit gestern ist in München wieder Biertrinken und Feiern angesagt: das Oktoberfest hat begonnen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Oktoberfest nicht ganz so interessant - zumindestens für mich als Astronom. Aber Wissenschaft ist ja kein Kriterium für dieses Fest.
Eine interessante Information habe ich trotzdem gefunden. 1896 arbeitete dort jemand ganz besonderes: Albert Einstein. Er hat zwar keine Maßkrüge oder Wiesn-Hendl serviert. Aber er hat mitgeholfen, dass das Festzelt vom Schottenhamel als erstes Wiesn-Zelt mit elektrischen Licht ausgestattet wurde. Der damals 17-jährige Einstein hatte in der Firma seines Vaters und seines Onkels (Elektrotechnische Fabrik J. Einstein & Cie) mitgeholfen auf dem Oktoberfest elektrisches Licht zu installieren.
Auch jetzt wird es wohl viele Studenten geben, die sich auf dem Oktoberfest Geld für ihr Studium dazu verdienen. Vielleicht bringt es ja der eine oder die andere auch mal so weit wie ihr berühmter Vorgänger!
Autor: Florian Freistetter· 21.09.08 · 15:55 Uhr· 0 Kommentare
20. September 2008
LHC wurde abgeschaltet
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 13

Der Large Hadron Collider (LHC) am europäischen Kernforschungszentrum CERN wurde abgeschalten. Allerdings nicht, weil dort böse schwarze Löcher oder andere weltzerstörerische Dinge entstanden sind. Auch nicht, weil sich die LHC-Kritiker mit ihren absurden Theorien endlich durchgesetzt haben. Es war ein ganz "normaler" technischer Defekt und in ein paar Wochen wird der LHC wieder betriebsbereit sein.
Was ist nun genau passiert? Während der Inbetriebnahme des LHC kam es am Freitag zu einem Zwischenfall in Sektor 34 des LHC-Rings. Dabei ist Helium aus dem Kühlsystem in den Tunnel ausgetreten. Das hat hat zu einem Ausfall der Kühlung gesorgt. Und da der komplette LHC auf supraleitende Temperaturen von -271°C gekühlt werden muss damit alles reibungslos funktioniert musste der Teilchenbeschleuniger abgeschaltet werden. Der Vorfall wird noch untersucht - aber es scheint so dass eine der elektrischen Verbindungen zwischen den Magneten defekt war und so den Vorfall ausgelöst hat.
Menschen sind dabei nicht zu Schaden gekommen. Das wäre auch verwunderlich gewesen - denn während der LHC in Betrieb ist kann man nicht so einfach im Tunnel rumlaufen. Der Zeitplan für die Experimente ist allerdings ordentlich durcheinander gekommen.
Das was am LHC passiert ist, passiert bei Teilchenbeschleunigern öfter. Man nennt das "magnet quench" (ich finde gerade keine passende Übersetzung dazu). Wenn die Temperatur eines der vielen supraleitenden Magneten ansteigt sodass der Magnet irgendwann plötzlich nicht mehr supraleitend ist (dazu reichen oft nur ein paar Grad), dann steigt auch der Widerstand in den elektrischen Leitungen plötzlich stark an. Das kann dann dazu führen, dass die Leitung durchbrennt und so einen Vorfall auslösen wie er am LHC gestern stattgefunden hat. Auch die US/LHC-Blogs schreiben, dass solche quenches an Teilchenbeschleunigern regelmäßig auftreten können.
Nun ist LHC aber ein gewaltig großer Teilchenbeschleuniger. Dementsprechend lange dauert es nun leider auch, zuerst die betroffenen Teile so weit aufzuwärmen dass man sie reparieren kann und dann die ganze Anlage wieder auf -271°C runterzukühlen. Was bei kleineren Beschleunigern ein paar Tage dauert wird hier mindestens ein paar Wochen brauchen.
Vermutlich muss man nun auch noch ein paar Sätze zur Beruhigung derjeniger schreiben, die sich nun noch mehr Sorgen machen, dass der LHC die Welt vernichten könnte. Abgesehen davon, dass der LHC die Welt auf keinen Fall zerstören wird braucht man sich über Vorfälle dieser Art keine allzu großen Sorgen machen.
Wie schon gesagt - so etwas kommt an Teilchenbeschleunigern öfter vor. Auch LHC ist nicht immun dagegen. Das wissen auch die Wissenschaftler dort und die haben solche Ausfälle eingeplant. Es wäre auch ziemlich verwunderlich, wenn die größte Maschine der Welt gleich von Anfang an absolut fehlerfrei funktionieren würde. Mit Pannen ist in der Anfangsphase durchaus zu rechnen. Und solche Ausfälle können auch keinen großen Schaden an der Maschine selbst, den dort arbeitenden Menschen oder gar der Welt anrichten!
Der LHC ist allerdings in einer besonderen medialen Position. Allem was dort passiert wird in den Medien besondere Aufmerksamkeit zugemessen. Wenn irgendeiner der vielen anderen Teilchenbeschleuniger auf der Welt kleinere Probleme hat, dann interessiert das vermutlich (ausser den beteiligten Wissenschaftlern) niemanden groß und schon gar nicht die Medien. Aber der LHC steht im Moment eben aufgrund der Panikmache im Vorfeld unter verschärfter Beobachtung.
Es ist jedenfalls schade dass es nun mit den ersten echten Experimenten wohl doch noch bis nächstes Jahr dauern wird. Aber kommen werden sie! Und wenn dann erstmal die ersten Ergebnisse da sind, dann interessiert es niemanden mehr, ob es am Anfang zu kleineren Verzögerungen gekommen ist.
Autor: Florian Freistetter· 20.09.08 · 20:52 Uhr· 13 Kommentare
Abstimmen über Homöopathie
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 25
Mein Google-Alert hat mir heute zwei interessante Artikel über Homöopathie bzw. Alternativmedizin geliefert. In beiden geht es um Abstimmungen.
Abstimmung in der Schweiz

In der Schweiz gibt es eine "Volksinitiative: Ja zur Komplementärmedizin" Die forden z.B. eine Berufsanerkennung für nichtärztliche Therapeuten und die Aufnahme von anthroposophischer Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) und traditioneller chinesischer Medizin (TCM) in die Grundverfassung. Ausserdem forden sie die Lehre von Homöopathie und Co an den Universitäten und die Einrichtung von Professuren für die verschiedenen pseudomedizinischen Disziplinen (insgesamt 11 Professuren). Die Alternativmedizin soll auch in den Krankenhäusern angewandt werden.
Die Forderungen der Initiative wurden ursprünglich von den Politikern abgelehnt. Der Ständerat Rolf Büttiker von der FDP hatte dann einen Gegenvorschlag eingereicht bei dem nur das Wort "umfassend" aus dem vorgeschlagenen Gesetzestext für einen Verfassungsartikel gestrichen wurde der nun so lautete:
"Artikel 118a (neu) KomplementärmedizinDieser Vorschlag wurde vom Ständerat angenommen. Am Mittwoch hat nun auch der Nationalrat mit 95 zu 60 Stimmen diesen Vorschlag angenommen. Dagegen gestimmt hatten SVP und Teile der FDP; dafür war die SP. Jean-François Steiert von der SP hat z.B. erklärt, dass komplementärmedizinische Therapien wirksamer sind und weniger kosteten als schulmedizinische Behandlungen. Vielleicht sollte man dem Mann mal die Lektüre von "Trick or Treatment"von Ernst & Singh ans Herz legen - er würde wahrscheinlich überrascht sein!
"Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin."
Der Bundesrat hatte allerdings empfohlen diesen Vorschlag abzulehnen. "Politisch sei es nicht akzeptabel, aus taktischen Gründen mit einem direkten Gegenvorschlag den Initianten entgegenzugehen" meinte der Innenminister Pascal Couchepin. Man sollte lieber eine Volksabstimmung zu diesem Thema durchführen.
Ich kenne mich mit dem politischen System der Schweiz leider nicht gut genug aus um beurteilen zu können, wie wahrscheinlich es nun ist, dass dieser neue Artikel tatsächlich in die Verfassung aufgenommen wird. Aber es wäre jedenfalls begrüßenswert, wenn die Verfassung der Schweiz auch weiterhin frei von Worten wie "Komplementärmedizin" ist.
Wissenschaft ist eben nunmal nichts, worüber man abstimmen kann! Sie beschreibt die Realität und die kümmert sich nicht darum, was die Menschen gerne hätten.
Abstimmung in Köthen
Nicht nur in der Schweiz wird über Homöopathie abgestimmt. Auch im Stadtrat von Köthen in Sachsen-Anhalt wurde dieses Thema kürzlich behandelt. Diese Meldung aus der Mitteldeutschen Zeitung hat mich zuerst mal ein wenig verwirrt."Zur Sitzung des Hauptausschusses war festgelegt worden, den Etat der Homöopathie und Wissenschaftsservice GmbH um 20 000 Euro zu kürzen. "Mit dieser Kürzung hätten wir die Homöopathie zu Grabe getragen", meinte [Oberbürgermeister] Zander während eines Pressegespräches. Nunmehr bezuschusst die Stadt die Homöopathie mit 92 000 Euro."
Warum hat Köthen eine "Homöopathie und Wissenschaftsservice GmbH"? Und warum bekommen die 92 000 Euro Zuschuß? Und dann noch dieser Satz von Oberbürgermeister Zander:
"Die Homöopathie ist eine wichtige Säule der Köthener Stadtentwicklung."
Also ich hab ja schon viel über Homöopathie gehört - aber positive Einflüsse auf die Stadtentwicklung waren selbst mir neu. Aber ein bisschen Recherche brachte dann Licht ins Dunkel. Auf der Homepage der Stadt Köthen ist folgendes zu lesen:
"Den Grundstein dafür, dass Köthen in der Welt mit der Homöopathie verbunden wird, legte Dr. Samuel Hahnemann, mit seinem Umzug von Leipzig nach Köthen (Anhalt). Die erstmalige Erlaubnis eines deutschen Landesherren zur Herstellung und Verabreichung seiner homöopathischen Mittel, sowie der Schutz des Herzogs vor Anfeindungen der Schulmediziner erlaubten Hahnemann hier weitgehend uneingeschränktes Forschen, Publizieren und Praktizieren."
Der große Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie selbst hat in Köthen gewirkt. Und daraus versucht die Stadt offensichtlich Kapital zu schlagen:
"In der Stadt Köthen (Anhalt), die die Homöopathie als ein Element ihrer Stadtentwicklung fördert, wirken neben dem DZVhÄ ebenso die Homöopathie-Stiftung des DZVhÄ, das Europäische Institut für Homöopathie (InHom), die Europäische Bibliothek für Homöopathie Köthen, der Hahnemann-Lutze-Verein Köthen (Anhalt) e.V. und die Homöopathie- und Wissenschaftsservice Köthen GmbH."
Diese Stadt scheint wirklich voll und ganz auf Homöopathie ausgerichtet zu sein. Es wird ein "Köthener Homöopathiesommer" veranstaltet, es gibt Vorträge, Sommerkurse, Ausstellungen, Museen usw.
Klingt nicht unbedingt so, als würde ich dort gerne Urlaub machen. Andererseits brauche ich von Jena aus mit dem Zug nur zwei Stunden bis dorthin. Vielleicht sollte ich mir diese Homöopathie-Hochburg doch mal ansehen.
Ähnliche Artikel: Homöopathie-Propaganda für Kinder, Homöopathie, Placebos und Quantenunsinn, Homöopathie am LKH Klagenfurt, Homöopathie auf dem Prüfstand, Homöopathie-Propaganda in der Qualitätszeitung, Medikamente aus Hundekot, Erste deutsche Homöopathie-Professur ins Leben gerufen
Autor: Florian Freistetter· 20.09.08 · 17:09 Uhr· 25 Kommentare
19. September 2008
Neues aus der Forschung: Die dunkelste Galaxie
Kategorie: Naturwissenschaften·Neues aus der Forschung · Kommentare: 17
Keine Woche vergeht ohne neue Erkenntnisse über die dunkle Materie. Letzte Woche habe ich über die Kollision zweier Galaxienhaufen berichtet aus der man Rückschlüsse über die Verteilung der dunklen Materie ziehen konnte. Heute möchte ich die Arbeit von amerikanischen und kanadischen Wissenschaftlern vorstellen die eine Galaxie entdeckt haben, die soviel dunkle Materie enthält wie keine andere zuvor.
In ihrer Arbeit mit dem Titel "The Most Dark-Matter-dominated Galaxies: Predicted Gamma-Ray Signals from the Faintest Milky Way Dwarfs" haben Louis Strigari von der Universität Kalifornien und seine Kollegen sich mit der Galaxie Segue 1 beschäftigt. Das ist eine von vielen Zwerggalaxien die unsere Milchstrasse umkreisen.
Man war sich allerdings lange nicht sicher, ob es sich wirklich um eine Galaxie handelt. Von Segue 1 kann man nämlich nur ein paar Sterne beobachten. 24 genaugenommen:
Bild: SDSS; Marla Geha
Das linke Bild zeigt Segue 1 so wie sie am Himmel aussieht, zusammen mit Vorder- und Hintergrundsternen. Rechts sind nur die Sterne zu sehen die als Mitglieder von Segue 1 identifiziert wurden. Das sieht wirklich nicht so sehr aus wie eine typische Galaxie - das hätte auch ein kleiner Sternhaufen sein können.
Als man dann allerdings gemessen hat, wie schnell sich diese Sterne bewegen, fand man, dass sich dort noch jede Menge Materie befinden müsste. Wenn da wirklich nur diese zwei dutzend Sterne wären, dann müssten sie sich zehnmal langsamer bewegen als man es gemessen hat.
Man braucht etwa eine halbe Million Mal die Masse der Sonne um die Geschwindigkeit der Sterne zu erklären. Das ist viel zu schwer für einen Sternhaufen - es muss sich tatsächlich um eine Galaxie handeln. Diese Galaxie leuchtet allerdings nur 350 mal so hell wie unsere Sonne!
So gut wie gesamte Masse von Segue 1 muss daher dunkel sein - es ist die bisher am meisten von dunkler Materie dominierte Galaxie die man entdeckt hat! Das macht Segue 1 auch zu einem guten Ort an dem einige Theorien zu dunkler Materie getestet werden können. Manche theoretischen Modelle sagen nämlich voraus, dass sich Teilchen der dunklen Materie bei Kollisionen selbst auslöschen und dabei Gammastrahlung erzeugen.
Das könnte man mit entsprechenden Satellitenteleskopen vielleicht nachweisen. Gut dazu geeignet wäre z.B. das Fermi Gamma-ray Space Telescope (das früher GLAST hieß).
Es scheint der dunklen Materie nun langsam an den Kragen zu gehen. Der LHC ist auf der Suche nach ihr und Satellitenmissionen wie PAMELA und jetzt FERMI halten nach ihr Ausschau. Vermutlich wird es nicht mehr allzu lange dauern bis die Wissenschaftler auch dieses Rätsel gelöst haben!
Autor: Florian Freistetter· 19.09.08 · 16:36 Uhr· 17 Kommentare
18. September 2008
Interview mit den Planetenjägern
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 9
Gestern habe ich über das "direct imaging" -. also die direkte Beobachtung - von extrasolaren Planeten berichtet. Und da ich ja an der Sternwarte Jena direkt an der Quelle bin* (mit Markus Mugrauer, Ralph Neuhäuser und Tobias Schmidt sitzen die (Mit)Entdecker der potentiellen Planeten von GQ Lupi und CT Cha quasi gleich am Schreibtisch nebenan) habe ich die Chance genutzt, sie mal zu diesem Thema zu befragen.
Mit Markus Mugrauer habe ich über die Chancen und die Probleme des direct imaging gesprochen; Tobias Schmidt hat mir dann genaueres über die kürzlich entdeckten potentiellen Planeten der Sterne 1RXS J160929.1-210524 und CT Cha erzählt.
Direct Imaging

Hallo Markus! Fast alle der über 300 bekannten Planeten wurde ja mit Radialgeschwindigkeitsmessungen bzw. Helligkeitsmessungen (Transitmethode) der Sterne entdeckt. Wird direct imaging irgendwann so erfolgreich bei der Planetensuche werden wie die indirekten Methoden?
Die direkte Detektion eines Planeten, also dessen Abbildung neben seinem Mutterstern stellt eine viel grössere Herausforderung dar als die heute bereits erfolgreichen indirekten Planeten-Detektionsverfahren. Bei der direkten Planetendetektion muss eine sehr hoheKann man eine Prognose abgeben, wann nun wirklich der erste echte Planet um einen sonnenähnlichen Stern direkt gesehen wird?
räumliche Auflösung und zudem ein extrem hoher Kontrast erreicht werden. Dies ist heute mit Teleskopen der 10m-Klasse in Kombination mit einer Adaptiven Optik bereits möglich. Planeten mit mehreren Jupitermassen in Orbits mit einigen dutzend Astronomischen Einheiten Radius um sehr junge Sterne können bereits detektiert werden. Da Planeten recht schnell auskühlen und dunkler werden ist ihre Detektion um alte Sterne dagegen heute noch nicht möglich.
Der Bau grösserer Teleskope wie z.B. das Extremely Large Telescope (ELT) mit verbesserter adaptiver Optik kann dann aber Planeten auch eng am Stern detektieren; sicher jedenfalls um junge Sterne. Weltraummissionen wie DARWIN (geplant für 2015) können Planeten auch um alte Sterne herum finden. Wie man sieht wird das aber noch eine ganze Weile dauern. Dann ist aber sicher direct imaging genauso erfogreich wie die indirekten Methoden - wenn man animmt dass enge heisse jupiterähnliche Planeten genauso häufig sind wie normale jupiterähnliche Planeten.
Das ist vielleicht schon passiert. Es gibt heute bereits eine Hand voll guter Kandidaten. Das Problem ist hier jedoch die Bestimmung der Parameter dieser Objekte. Hauptproblem ist, dass Alter und Entfernung des Sterns meist nicht sehr präzise bekannt sind. Die Masse wird zudem aus Modellen bestimmt, bei denen nicht getestet werden kann ob sie die Eigenschaften der Objekte wirklich genau beschreiben. So sind die abgeleiteten Masseangaben noch nicht sehr exakt und hängen zudem vom verwendeten Modell und dem Alter der Sterne ab.
Könnten außerirdische Astronomen mittels direct imaging auch die Planeten in unserem Sonnensystem sehen?
Ja. Wie bereits oben erläutert: wenn sie entsprechende Satellitenmissionen durchführen bzw. Grossteleskope mit sehr guter adaptiver Optik bauen können sollten sie auch die Planeten der Sonne sehen können (jedenfalls die Gasriesen)
Wieso haben eigentlich andere Sterne Planeten, die so weit von ihrer Sonne entfernt sind und unsere Sonne nicht?
Nun, wir kennen ja nur genau ein Sonnensystem das so aufgebaut ist wie unser eigenes aber bereits mehr als 250 in denen Planeten ganz weit innen vorkommen ("heiße Jupiter"). Dies ist der Fall da die indirekten Nachweismethonde besonders empfindlich auf diese Art von Planeten reagiert. Umgekehrt ist direct imaging besonders sensitiv bei Planeten die weit von ihrem Stern entfernt sind da diese einfacher direkt zu beobachten sind als die nahen Planeten. Man kann deine Frage also sogar erweitern und fragen warum die anderen Sterne Planeten haben die so extrem nahe bzw. so weit entfernt sind und unsere Sonne aber nicht.Um aber auf die gestellte Frage zu antworten - da gibt es zwei Theorien:
Erstens: die Planeten sind auf sehr exzentrischen Orbits die sie weit weg vom
Stern führen, wo sie sich relativ lange aufhalten und dann von uns beobachtet werden können. Alle Planetenkandidaten die bisher gefunden wurden kreisen um junge Sterne die sich noch in Sternentstehungsregionen befinden. Da kommt es häufig zu engen Begegnungen zwischen Sternen und dabei können die Planetenbahnen stark gestört werden. Das führt zu exzentrische Umlaufbahnen. So könnte auch unsere Sonne einmal einen so weit entfernten Planeten gehabt haben der dann später aus dem Sonnensystem heraus geschleudert wurde.
Zweitens: Die Planeten haben sich direkt dort draußen gebildet. Das ist möglich wenn die Scheiben aus denen sich die Planeten gebildet haben andere Eigenschaften aufweisen als die Scheibe die einst die Sonne umgeben hat.
Was sind die Hauptprobleme des direct imaging bei der Suche nach Exoplaneten?
Der hohe Helligkeitsunterschied zwischen Planet und Stern und der geringe Winkelabstand zwischen Planet und Stern. Außerdem stört die Luftunruhe (Seeing) extrem durch die hindurch der Planeten-Mutterstern beobachtet werde muss.
Was sind die Vorteile gegenüber den anderen, indirekten Methoden?
Es können Planeten gefunden werden die weit von ihrem Stern entfernt sind und die durch Radialgeschwindigkeits- bzw. Helligkeitsmessungen nicht gefunden werden können. Mit der Kombination aller Methoden (direct imaging und indirekte Methoden) kann man dann den gesamten Abstandsbereich abdecken!
Die direkte Abbildung erlaubt außerdem eine spektro-photometrische Analyse des Planeten die wichtige Informationen über die Zusammensetzung seiner Atmosphäre liefern kann.
Zusätzlich kann man durch längere astrometrische Messungen die genaue Planetenbahn bestimmen.
Können wir die Exoplaneten irgendwann auch einmal wirklich sehen? Also nicht nur Aufnahmen im Infrarotbereich machen sondern im sichtbaren Licht und dann vielleicht auch die Oberflächen der Planeten erkennen?
Mit den geplanten Weltraum Missionen sollte dies möglich sein. Natülich kann die Oberfläche eines Planeten dann auch nicht direkt aufgelöst werden, Doch mittels Photo- und Spektroskopie kann die Atmosphäre des Planeten näher untersucht werden. Dann läßt sich z.B. auch feststellen, ob dort Leben existiert oder nicht.
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

CT Cha und 1RXS: 2 neue Planeten?

Tobias Schmidt hat vor kurzem einen extrasolaren Planeten der den Stern CT Cha umkreist direkt beobachtet (siehe Bild oben). Astronomen aus Kanada haben vor ein paar Tagen die "erste" direkte Beobachtung eines Exoplaneten um einen sonnenähnlichen Stern (1RXS J160929.1-210524) bekannt gegeben. Ich habe mit Tobias darüber gesprochen ob es sich bei diesen beiden Objekten wirklich um Planeten handelt.
Ist das Objekt das die Kanadier bei 1RXS entdeckt haben nun ein Planet oder nicht?
Bisher gibt es leider keinen Konsens bzw. keine Definition der Insternationalen Astronomischen Union über die obere Massengrenze von Planeten. (Die untere Massengrenze wurde ja in der letzten Generalversammlung festgesetzt, was u.a. dazu führte, dass Pluto jetzt ein Zwergplanet ist).
Für die obere Massengrenze von Planeten gibt es neben mehreren Möglichkeiten, die folgenden beiden meist erwähnten: Entweder bei etwa 13 Jupitermassen (d.h. dem Massenlimit für Fusion von sog. Deuterium, also schwerem Wasserstoff) oder bei etwa 30 Jupitermassen (d.h. der sog. brown dwarf desert (desert = Wüste), da in diesem Massenbereich deutlich weniger braune Zwerge bei Radialgeschwindigkeitssuchen gefunden wurden). Das könnte ein Hinweis der Natur sein, dass Objekte mit mehr als etwa 30 Jupitermassen so wie Sterne entstehen, also braune Zwerge sind, aber Objekte unterhalb von etwa 30 Jupitermassen planetar entstehen, also Planeten sind.Laut der Massenäbschätzung der Kollegen in Kanada (Lafreniere et al.) von 7 bis 12 Jupitermassen ist das von Ihnen gefundene Objekt demnach sicher ein Planet oder zumindest ein Objekt planetarer Masse, da der Abstand zu seinem Mutterstern von rund 50 Milliarden km sehr groß ist im Vergleich zur Bahn von Neptun (mehr als zehn mal so groß).
Im Fall des Objekts von Lafreniere et al. sehen wir derzeit noch 4 Probleme:
(1) Die Veröffentlichung ist bisher noch nicht von einer Fachzeitschrift akzeptiert und daher noch nicht eingehend geprüft worden.
(2) Es gibt bisher nur ein Bild, daher konnte noch nicht gezeigt werden, dass sich die Objekte gemeinsam am Himmel bewegen und somit zusammengehören.
(3) Es wurden noch nicht die neuesten synthetischen Modelle mit verbesserter Berücksichtigung von Staubbildung benutzt. Bei 1800 K (der abgeschätzten Temperatur des Objekts) spielt jedoch der Staub eine entscheidende Rolle für die Form des Spektrums und ist daher maßgeblich dafür verantwortlich ob das Objekt die angegebene Temperatur tatsächlich besitzt.
(4) Gleiches gilt für die bisher nicht abgeschätzte Extinktion (Rötung) des Objektes. Wir wissen aus Photometrie und Spektroskopie, dass eines der Vergleichsobjekte Rötung besitzt, die noch nicht berücksichtigt wurde.
Aus diesen Gründen könnte die Masse des Objektes auch höher sein. Aufgrund unserer bisherigen Untersuchungen von anderen Objekten vermute ich daher, dass das Objekt mehr als 10 Jupitermassen schwer ist. Bereits aufgrund der in der Veröffentlichung angebenen Fehler, ist daher nicht mehr eindeutig entscheidbar, ob es sich um einen braunen Zwerg oder Planeten handelt, d. h. es handelt sich erstmal nur um einen Planetenkandidaten (wie z. B. GQ Lupi b oder AB Pic b, derne Entdeckung beide 2005 veröffentlicht wurden).
Und wie sieht es mit dem Objekt aus das du bei CT Cha entdeckt hast?
Bei dem sub-stellaren Begleiter bei CT Cha verhält es sich ählich. Unsere beste Massenabschätzung ergibt 17 +/- 6 Jupitermassen. Daher können wir leider noch nicht unterscheiden, ob es sich um einen weiten braunen Zwerg Begleiter oder einen planetaren Begleiter handelt. Aufgrund seiner besten Massenabschätzung und seinem recht grossen Abstand von 66 Milliarden km von seinem Mutterstern erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass sich der Begleiter sternähnlich geformt hat und wäre dann eher ein brauner Zwerg. Das muss durch weitere Beobachtungen in der Zukunft untersucht werden.
Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen den "Planeten" von 1RXS und CT Cha?
Zunächst unterscheidet sich das Alter der Muttersterne und somit der Begleiter. Beide sind sehr jung und gerade erst entstanden (die Sterne kontrahieren noch). CT Cha ist ca. 2 Mio. Jahre jung und 1RXS ist ca. 5 Millionen Jahre jung. Die Begleiter haben lediglich einen geringen Unterschied in ihrem Abstand zum Mutterstern. CT Cha b befindet sich ca. 66 Milliarden km entfernt, während es bei 1RXS ca. 50 Milliarden km von Mutterstern zu Begleiter sind.
Weitere Unterschiede finden sich in Anzahl der bisher ermittelten und bestätigten Eigenschaften der beiden Objekte. Für CT Cha konnten wir bereits bestätigen, dass sich der Stern CT Cha und sein Begleiter in die gleiche Richtung am Himmel bewegen. Für 1RXS muß dies innerhalb der nächsten Jahre noch getan werden um zu zeigen, dass beide Objekte somit wirklich zusammengehören. Ob die Objekte umeinander kreisen ist bisher nicht meßbar, da dies in beiden Fällen mehrere tausend Jahre für einen Umlauf dauern wird.
Wie bestimmt man überhaupt die Masse eines Planeten beim direct imaging?
Es gibt prinzipiell mehrere Möglichkeiten, die Masse des Begleiters zu bestimmen. Das ist entscheidend, um feststellen zu können, ob es ein Planet oder brauner Zwerg oder massearmer Stern ist. Nachdem ein Begleiterkandidat gefunden wurde, wird von dem Objekt ein Spektrum aufgenommen. Im Gegensatz zu den mit indirekten Methoden gefundenen Planeten ist das ist beim direct imaging möglich da man unterscheiden kann, welches Licht von dem Begleitobjekt stammt und welches vom Stern. Man kann dann theoretisch ausrechnen, wie ein Spektrum eines bestimmten Objektes aussieht, d.h. wie die Helligkeit von der Wellenlänge abhängt, wenn man Oberflächenschwerkraft (abhängig von Masse und Radius), Temperatur und chemische Zusammensetzung vorgibt. Solche Rechnungen haben z.B. unsere Ko-Autor/inn/en Prof. Peter Hauschildt und Dipl-Phys. Sören Witte aus Hamburg und Dr. Christiane Helling aus St. Andrews in Schottland durchgeführt. Durch Vergleich des beobachteten Spektrums kann man dann feststellen, welche Werte ein Begleiter hat, also u. a. die Temperatur messen (und in unserem Fall auch die Extinktion). Mit anderen theoretischen Modellen kann man ausrechnen, wie sich die von außen messbaren Eigenschaften eines Objektes wie Leuchtkraft und Temperatur verändern, während es entsteht, also aufgrund eigener Schwerkraft kontrahiert. Dabei muss man wieder Masse, Temperatur und chemische Zusammensetzung vorgeben. Solche Rechnungen führen z.B. Kolleg/inn/en in Frankreich und den USA durch, die wir nutzen. Die Temperatur des Begleiters ist dann bereits aus dem Spektrum bestimmt. Aus der gemessenen Helligkeit und der bekannten Entfernung kann man die Leuchtkraft berechnen. Aus obigen Modellen und den nun bekannten Werten für Temperatur, Leuchtkraft und Alter kann man dann die Masse abschätzen. Wir kommen für den von uns gefundenen Begleiter mit dieser Methode auf eine Masse zwischen 11 und 23 Jupitermassen. Das bedeutet, dass es sich entweder um einen direkt abgebildeten Planeten oder einen weiteren braunen Zwerg handelt.Kann man feststellen, woraus die Planeten bestehen? Ähneln sie den großen Planeten in unserem Sonnensystem?
Hierfür kann das Spektrum benutzt werden. Da das Licht des Objektes in seine Wellenlängenanteile aufgespalten wird, können wir einen Teil der Elemente sehen, welche in dem gemessenen Wellenlängenbereich im Infraroten Teile des Lichts absorbieren. Wir haben so unter anderem Wasserstoff, Kalium, Natrium und Wasserdampfabsorption im Spektrum von CT Cha gefunden.
Man muss nun jedoch bedenken, dass alle Planeten im Sonnensystem weit älter sind als die Objekte, die in anderen Sternsystemen gefunden wurden. 4,5 Milliarden Jahre alt ist ca. Jupiter, während die gefundenen Objekte wenige bis einige zehn Millionen Jahre alt sind. Das liegt daran dass man meist bei jungen Sternen nach Begleitern sucht. Dann strahlen nämlich auch die jungen Begleiter selbst im Infrarot da sie noch kontrahieren und somit Energie gewinnen. Je älter sie werden, desto weniger Energie wird von ihnen abgestrahlt und desto mehr werden sie von den nahen Muttersternen überstrahlt.
Der Aufbau scheint jedoch bisher sowohl massearmen Sternen, braunen Zwergen und auch ein wenig den großen Planeten des Sonnensystems zu ähneln. Da sie aber jünger sind und damit heißer, können sich viele Moleküle, die in den großen Planeten unseres Sonnensystems vorkommen noch nicht bilden.
Wie lange muss man beobachten um so einen Planeten zu finden?
Gewöhnlich braucht man für ein Bild eines Sterns ca. 20 Minuten bis zu einer Stunde (wobei mehrere tausend Bilder in dieser Zeit gemacht und kombiniert werden) um überhaupt ein Objekt bei einem (!) Stern finden zu können. Da jedoch nicht jeder Stern einen solchen Begleiter hat, müssen viele Sterne auf diese Weise abgesucht werden. Wir suchen bei allen jungen, nahen Sternen so nach Begleitern. Das sind einige hundert.
Um zu zeigen, dass sich die Objekte gemeinsam am Himmel bewegen, braucht man dann noch weitere Aufnahmen von dem System einige Jahre später.
Um dann die Masse abschätzen zu können wird meist ein Spektrum gemacht,
was wiederum wenige Stunden dauert. Dafür sind sehr große Teleskope nötig (am besten bei Teleskopen mit 8 - 10 Meter großen Spiegeln) um die nötige Winkelauflösung zu haben. Außerdem wird für solche Suchen sog. adaptive Optik verwendet um die Luftunruhe auszugleichen.
Wie groß muss ein Planet mindestens sein, um direkt beobachtet zu werden? Kann man auch so kleine Planeten wie die Erde "sehen"?
Derzeit kann man Planeten bis herunter zu einer Jupitermasse mit den großen Teleskopen (8-10m Spiegel) finden. Einen erdähnlichen Planeten könnten wir derzeit nicht finden, wobei auch die jupiterähnlichen Planeten sehr weit von ihrem Stern entfernt sein müssen, um sie sehen zu können. Natürlich wird an besseren Instrumenten und Reduktionsmethoden gearbeitet, um noch kleinere und leuchtschwächere Objekte sehen zu können.
Zum Schluss habe ich noch eine Frage zur Wissenschafts-PR: Ist es besser mit der Veröffentlichung so einer Entdeckung jahrelang zu warten bis alles bestätigt ist? Oder soll man - so wie nun bei 1RXS - auch schon vorläufige Ergebnisse veröffentlichen - auch wenn die Gefahr besteht dass es sich dann doch nicht um einen Planeten handel?
Das wird verschieden gehandhabt. Bei der Europäischen Südsternwarte ist es so, dass nur akzeptierte, d.h. eigehend geprüfte Veröffentlichungen für einen Pressemitteilung in Erwägung gezogen werden. Natürlich ist es sehr interessant neue und wichtige Ergebnisse zeitnah zu veröffentlichen, es birgt jedoch stets das Risiko, dass sich nach eingehender Prüfung herausstellt, dass unter Umständen wichtige Gegebenheiten noch nicht bekannt waren, die zu veränderten Ergebnissen führen, wie z.B. ob sich die Objekte am Himmel gemeinsam bewegen. Tun sie das nicht, kann es sich durchaus um ein weiteres massenarmes Mitglied der Sternengruppe handeln oder sogar einen Hintergrundstern, der nicht gravitativ an den untersuchten jungen Stern gebunden ist.
In den letzten Jahren wurde bei manchen Konferenzen darüber diskutiert, wann man veröffentlichen soll, bzw. welche Evidenz mindestens vorliegen sollte. Man einigte sich auf folgende kleine Liste:
- Gemeinsame Bewegungsrichtung am Himmel ("common proper motion"). Dies war bei den ersten Publikationen von 1RXS und 2M1207 nicht der Fall, jedoch bei GQ Lupi und CT Cha.
- Ein Spektrum des Begleiters sollte vorhanden sein
- Ein Vergleich mit den theoretischen Modellen sollte gemacht werden
Vielen Dank und viel Glück bei der weiteren Suche!
*Im Moment arbeite ich nicht an meinem Arbeitsplatz sondern an der Sternwarte. Zuhause habe ich nämlich kein Internet (Kann mir irgendjemand erklären, was am einrichten eines neuen Telefon- und Internetanschlusses 3-4 Wochen dauern soll? Die müssen ja wohl nicht erst die Leitungen neu verlegen...)
Autor: Florian Freistetter· 18.09.08 · 16:40 Uhr· 9 Kommentare
17. September 2008
Bilder von Exoplaneten
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 6
Gestern hat Ludmila ja schon darüber berichtet: Astronomen haben das erste Mal direkt einen Planeten um einen anderen Stern beobachtet. Die Pressemeldung dazu spricht auch vom "First Picture of Likely Planet around Sun-like Star".
Richtigerweise hat Ludmila ein "?" hinter ihre Überschrift gesetzt - denn es ist noch lange nicht klar, ob da wirklich ein Planet entdeckt wurde. Und es ist auch nicht wirklich das erste Bild das gemacht wurde. Genaugenommen ist es die sechste direkte Aufnahme eines Planetenkandidaten.
Direct Imaging
Extrasolare Planeten direkt zu beobachten ("direct imaging") ist extrem schwer. Astronomen haben zwar mittlerweile schon über 300 Exoplaneten entdeckt - aber dabei immer indirekte Methoden verwendet (Beispielsweise bringt die gravitative Kraft, die ein Planet auf einen Stern ausübt den Stern zum "Wackeln" - und das lässt sich nachweisen).
Direkte Aufnahmen sind da viel schwerer. Im Vergleich zu einem Stern ist ein Planet winzig. Außerdem strahlt ein Planet selbst kein Licht ab sondern reflektiert nur das Licht des Sterns. Der Stern ist dabei enorm viel heller als der Planet und überstrahlt diesen meist völlig. Man braucht daher große Teleskope, viel ausgeklügelte Filtertechnik und etwas Glück. Und selbst dann lassen sich nur große Planeten finden die sehr weit von ihrem Stern entfernt sind. "Groß" bedeutet hier deutlich größer als Jupiter (der größte Planet in unserem Sonnensystem) und "weit entfernt" bedeutet viel weiter vom Stern entfernt als die Planeten in unserem Sonnensystem von der Sonne entfernt sind.
Und selbst wenn man dann Glück hat und ein kleines Objekt in der Nähe eines Sterns findet ist es schwer, herauszufinden, ob es wirklich ein Planet ist. Es könnte sich dabei auch z.B. um einen Stern oder eine Galaxie im Hintergrund handeln. Man muss also den Stern und den möglichen Planeten über Jahre hinweg beobachten. Denn Sterne bewegen sich ja am Himmel - und wenn sich das unbekannte Objekt mit dem Stern mit bewegt, dann kann man ein Hintergrundobjekt ausschließen. Um wirklich sicher zu sein, dass es sich um einen Planeten handelt, muss man allerdings noch seine Masse kennen. Denn es könnte ja immer noch ein kleiner Stern oder ein brauner Zwerg (ein "Mittelding" zwischen Planet und Stern in dessen Inneren für eine kurze Zeit Fusionsprozesse stattfinden können) sein.
Mit den indirekten Methoden kann man (innerhalb gewisser Grenzen) die Masse relativ einfach bestimmen. Bei der direkten Beobachtung ist das viel schwerer. Man muss sich hier entweder auf theoretische Modelle verlassen aus denen sich die Masse oft nur sehr ungenau bestimmen lässt. Oder man beobachtet den Kandidaten über Jahre hinweg um so seine Bahn zu bestimmen. Daraus lässt sich dann auch die Masse berechnen.
Trotz all dieser Schwierigkeiten ist die direkte Beobachtung von Exoplaneten sehr wichtig! Denn im Gegensatz zu den indirekten Methoden erhalten wir hier direkt das Licht (bzw. die Strahlung) die vom Planeten ausgesandt wird. Und dieses Licht kann man dann analysieren - dass ist bei indirekten Beobachtungen nicht möglich. Aus der Analyse dieses Lichts lassen sich dann Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Planeten und seiner Atmosphäre ziehen! Und diese Informationen sind unbedingt nötig wenn man die extrasolaren Planeten komplett verstehen will.
Ich möchte nun die bisher direkt beobachteten Planeten vorstellen. Wenn ich im folgenden vom "Bild eines Planeten" spreche, dann meine ich allerdings fast immer Aufnahmen im Infrarot-Bereich. Es sind also eigentlich Wärmebilder der Planeten (Infrarotstrahlung lässt sich in diesem Fall viel besser beobachten als sichtbares Licht).
2M1207
2004 wurde ein Planet direkt beobachtet der 2M1207 umkreist. Das ist allerdings kein Stern: 2M1207 ist ein brauner Zwerg. Ein brauner Zwerg kann zwar in seinem Inneren auch für eine gewisse Zeit Energie und Strahlung durch Kernfusion erzeugen - allerdings kann er im Gegensatz zu echten Sternen keinen Wasserstoff fusionieren.
Auf dieser Aufnahme der Europäischen Südsternwarte (ESO) sieht man den braunen Zwerg und links unten den Planeten der ihn in einer Entfernt von 55 Astronomischen Einheiten umkreist (das ist weiter entfernt als Pluto von unserer Sonne entfernt ist).Der Planet ist drei- bis zehnmal so schwer wie Jupiter - liegt also sicher noch im Bereich der Planeten (bei etwa der dreizehnfachen Jupitermasse beginnt der Übergang zwischen Planeten und braunen Zwergen).
Auch wenn dies tatsächlich die erste direkte Aufnahme eines Planeten außerhalb unseres Sonnensystem ist, "zählt" sie für manche Astronomen nicht wirklich. Denn der Planet umkreist ja einen braunen Zwerg und keinen echten Stern.
GQ Lupi
Ein Jahr später wurde dann das nächste "erste" Bild eines Planeten veröffentlicht. Astronomen der Sternwarte in Jena (damals hatte ich gerade angefangen, dort zu arbeiten) haben das Bild eines möglichen Planeten veröffentlicht der diesmal einen echten Stern umkreist:
GQ Lupi ist ein Stern vom Spektraltyp K7. Er ist nur etwa halb so heiß wie unsere Sonne. Bei solchen kühleren Sternen lassen sich natürlich leichter Planeten finden denn sie strahlen nicht so hell. Die Astronomen konnten auch nachweisen, dass sich das Objekt, das sich etwa 100 Astronomische Einheiten vom Stern entfernt befindet, gemeinsam mit den Stern bewegt. Das große Problem hier war die Bestimmung der Masse. Anhand der theoretischen Modelle konnte sie nicht wirklich gut eingegrenzt werden: zwischen etwa 2 Jupitermassen (Planet) und 40 Jupitermassen (brauner Zwerg) ist alles möglich. Um hier Gewissheit zu erlangen muss man wohl noch ein paar Jahre warten und die Bahn des Objekts um den Stern bestimmen. Dann kann man auch die Masse exakt berechnen.AB Pic
Fast zeitgleich (wenn auch ein bisschen später) mit GQ Lupi wurde auch die Entdeckung eines Planeten um den Stern AB Pic bekanntgegeben. Auch AB Pic ist ein Stern vom Typ K. Der Planet befindet sich allerdings noch weiter entfernt als der Planet von GQ Lupi: 275 Astronomische Einheiten!
Auch hier stellt die Masse des Planeten wieder das Problem dar. Sie liegt zwischen 13 und 14 Jupitermassen - und damit genau an der (nicht klar definierbaren) Grenze zwischen Planeten und braunen Zwergen. So wie bei GQ Lupi weiß man also auch bei AB Pic nicht, ob es sich wirklich um einen Planeten handelt oder vielleicht doch um einen braunen Zwerg.SCR 1845
2006 konnte man auch einen Begleiter des Sterns SCR 1845 direkt beobachten. SCR 1845 ist ein sehr kühler Stern vom Typ M. Sein Begleiter ist ihm diesmal sehr nahe - er befindet sich in einem Abstand von knapp 5 Astronomischen Einheiten (das entspricht in etwa dem Abstand des Jupiter von der Sonne).
Hierbei handelt es sich aber mit ziemlicher Sicherheit um einen braunen Zwerg und keinen Planeten. Die Masse könnte zwar unter Umständen klein genug für einen Planeten sein - aber selbst die Entdecker sprechen in ihrem Artikel von einem "brown dwarf companion" und nicht von einem Planeten.UscoCTIO 108
2007 fanden Astronomen aus Harvard einen doppelten Spezialfall: Der Stern UscoCTIO 108 hat eine sehr geringe Masse - es könnte sich bei ihm auch um einen braunen Zwerg handeln. Der Begleiter, der ihn in einer Entfernung von 670 (!) astronomischen Einheiten umkreist hat eine Masse die zwischen 6 und 16 Jupitermassen liegt; kann also ein Planet oder ein brauner Zwerg sein.

Es kann sich bei diesem System also vielleicht um einen Planet handeln, der einen kleinen Stern umkreist. Oder einen braunen Zwerg der sich um den Stern bewegt. Oder wie bei 2M1207 um einen Planet im Orbit um einen braunen Zwerg. Am wahrscheinlichsten ist es allerdings, dass es sich um ein Doppelsystem zweier brauner Zwerge handelt.
1RXS J160929.1-210524
Der Stern mit dem schönen Namen 1RXS J160929.1-210524 ist derjenige, über den auch schon Ludmila geschrieben hat. Vor ein paar Tagen wurde - wieder einmal - die "erste" direkte Beobachtung eines möglichen Planeten um einen Stern bekanntgegeben:

Bei dem Stern handelt es sich wieder um einen vom Typ K7 (so wie GQ Lupi). Das "sonnenähnlich" aus der Pressemitteilung ist deswegen auch ein wenig übertrieben. Die Sonne (Typ G) ist deutlich heißer als 1RSX und mit einem Alter von 5 Milliarden Jahren auch deutlich älter als 1RXS mit nur 5 Millionen Jahren. Der Planet ist etwa achtmal so schwer wie Jupiter und befindet sich 330 Astronomische Einheiten vom Stern entfernt.
Der wissenschaftliche Artikel zu dieser Entdeckung wurde allerdings noch nicht veröffentlicht; man weiß außerdem noch gar nicht, ob der Planet wirklich ein Planet ist! Man hat noch nicht untersucht, ob sich beide Himmelskörper gemeinsam bewegen oder ob es sich nicht doch nur um einen Hintergrundstern handelt. Das wird man erst in ein paar Jahren feststellen können.
CT Cha
Ganz aktuell ist eine weitere Entdeckung der Astronomen von der Universitätssternwarte in Jena. Um den Stern CT Cha konnte ein möglicher Planet direkt beobachtet werden:
CT Cha ist ein sehr junger Stern der erst einige Millionen Jahre alt ist. Der mögliche Planet befindet sich 440 astronomische Einheiten vom Stern entfernt und hat eine Masse die zwischen 11 und 23 Jupitermassen liegt. Es ist also wieder nicht klar, ob es sich um einen Planeten oder einen braunen Zwerg handelt!
Direkte Aufnahmen von Exo"planeten" gibt es als schon einige. Man kann sich leider im Moment nur nicht wirklich sicher sein, ob es sich bei den Objekten auch wirklich um Planeten handelt. Aber neue und bessere Beobachtungsmethoden werden hier Abhilfe schaffen. Und in spätestens ein paar Jahren wird sicher dann sicher das wirklich "erste" Bild eines wirklichen Exoplaneten existieren!
Autor: Florian Freistetter· 17.09.08 · 15:10 Uhr· 6 Kommentare
16. September 2008
Esoterik im Physikunterricht?
Kategorie: Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 31
Irgendwas läuft schief in der österreichischen Bildungspolitik. Da bekommt 2001 Johann Grander, der nach Anweisung durch Gott Wasser "belebt" einen offiziellen österreichischen Orden für Wissenschaft verliehen. 2008 weigert sich der neue Wissenschaftsminister, diese Ehrung zurückzunehmen - weil Grander kein Kriegsverbrecher ist. Und ist nicht fähig, diese Entscheidung irgendwie vernünftig zu erklären. Kleinen Kindern wird im Rahmen einer Kinder-Universität erklärt, was für eine tolle Sache Homöopathie ist. Am staatlich geförderten Wiener Wirtschaftsförderungsinstitut werden Astrologie- und Geistheilungskurse angeboten.
Und nun veranstaltet auch noch die Pädagogische Hochschule Oberösterreich (PH OÖ) Weiterbildungskurse für Physiklehrer - über Granderwasser!
"Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel - die Industrie lässt sich nicht beirren! Die Wasserbelebung des Tiroler Erfinders Johann Grander ist bei weltbekannten Betrieben nicht mehr aus den Produktionsprozessen weg zu denken. Die Wasserforschung steht an ihrem Anfang und nicht an ihrem Ende."
So wird der Kurs "Wasser&Sonne: Aktuelle Aspekte der Forschung an belebtem Wasser, Perspektiven der Energieversorgung" angekündigt in dem der "Forschungsleiter" der Granderwasserfirma, Johannes Larch, vortragen darf.
Es handelt sich hier nicht um einen Scherz! Diesen Text habe ich nicht aus dem Programm einer Esoterik-Messe oder einem pseudowissenschaftlichen Internetforum kopiert. Das ist eine offizielle Ankündung einer Organisation die sich selbst als "anerkannte postsekundäre/tertiäre Bildungs- und Forschungsinstitution im Dienste der Öffentlichkeit" bezeichnet und die von sich behauptet:
"Die PH OÖ betreibt wissenschaftlich-berufsfeldbezogene Entwicklung und Forschung und leistet damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung des gesamten Bildungswesens."
Wenn das alles wirklich ernst gemeint ist - wie kommen dann Sätze wie "Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel - die Industrie lässt sich nicht beirren!" in das Seminarprogramm der Hochschule? Eine simple Google-Suche hätte hier bei jedem physikalisch einigermassen gebildeten Menschen sehr schnell Zweifel aufkommen lassen müssen.
Die Wissenschaft steht hier nämlich absolut nicht vor einem Rätsel. Dass Granderwasser wirkungslos ist, ist schon längst nachgewiesen. Und nebenbei widerspricht die Grandertechnologie noch ein paar Naturgesetzen, so wie dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Es existiert sogar ein Gerichtsurteil des Oberlandesgerichts Wien das Granderwasser als "aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug" bezeichnet. Auch in Neuseeland mussten die Granderwasser-Vertreiber Geldstrafen wegen Irreführung der Konsumenten bezahlen.
Das alles hätte man leicht herausfinden können - abgesehen davon dass jeder mit ein bisschen naturwissenschaftlichen Grundwissen sofort hätte sehen müssen, dass Wasserbelebung (noch dazu im Auftrag Gottes) nicht wirklich viel mit Wissenschaft zu tun hat!
Aber anscheinend gibt es Leute - auch an den pädagogischen Hochschulen - die den Unterschied zwischen Wissenschaft und Esoterik nicht kennen. Und diese Leute scheinen außerdem Interesse daran zu haben, diesen "parawissenschaftlichen Unfug" in den österreichischen Schulen zu lehren.
Aber das kommt eben dabei raus, wenn nicht einmal die Wissenschaftsminister eines Landes zwischen Esoterik und Wissenschaft unterscheiden können. Immerhin hat Herr Grander ja das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich verliehen bekommen. Wieso soll man seine Lehren dann nicht auch in der Schule unterrichten? Und wenn Physiklehrer ihren Schülern die Vorteile der Wasserbelebung erklären dann schafft man auch gleich noch jede Menge zukünftige Konsumenten denen man die teuren Wasserbelebungsgeräte verkaufen kann. Man muss ja auch an die Wirtschaft denken. Wenn dabei gleichzeitig Wissenschaftlichkeit und kritisches Denken abgeschafft wird dann ist das ja nicht so tragisch.
An den Rektor der Pädagogische Hochschule OÖ (Wolfgang Ratzinger) und den Seminarleiter des Wasser&Sonne-Kurses (Erik Diewald) habe ich jedenfalls noch folgende Fragen (die ich ihnen auch per Email zugesandt habe):
- Wissen Sie, dass keine wissenschaftlichen Studien existieren, die die Wirksamkeit von Granderwasser belegen?
- Wissen Sie, dass die Grander-"Technologie" der bekannten Physik und den Naturgesetzen widerspricht?
- Wissen Sie, dass Granderwasser laut Gerichtsurteil als "aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug" bezeichnet werden darf?
- Wollen Sie Esoterik und Pseudowissenschaft in Österreichs Schulen lehren?
- Wie kommt es dazu, dass so ein Kurs an einer pädagogischen Hochschule angeboten werden kann?
Und auch alle oberösterreichischen Physiklehrer und -lehrerinnen möchte ich aufforden bei der PH OÖ zu diesem Thema nachzufragen! Sollte der Kurs am 25. Februar 2009 dann tatsächlich stattfinden dann meldet euch an und fahrt dorthin! Erklärt den Leuten dort, dass Granderwasser parawissenschaftlicher Unfug ist und das sowas im Physikunterricht nichts zu suchen hat!
Autor: Florian Freistetter· 16.09.08 · 13:59 Uhr· 31 Kommentare
15. September 2008
Ich ärgere mich über die österreichische Politik
Kategorie: Politik · Kommentare: 10

Vor ein paar Tagen habe ich meine Unterlagen zur Briefwahl zugesendet bekommen. Denn in 2 Wochen, am 28. September, sind in Österreich Nationalratswahlen.
Ich lebe zwar schon seit einigen Jahren in Deutschland - aber natürlich interessiert mich die österreichische Politik immer noch. Auch wenn es so scheint, als würde sie von Tag zu Tag absurder werden.
Über die esoterischen Anwandlungen von Regierungsmitgliedern wurde ja bei ScienceBlogs schon öfter berichtet. Aber damit haben die Seltsamkeiten noch lange kein Ende. Wer näheres wissen will, der soll z.B. mal nach "Wachteleierkoalition" googeln oder hier lesen. Ich werde hier besser nichts zum aktuellen Wahlkampf schreiben - das artet sonst sicher noch aus und ich muss mich wieder ärgern ;)
Ein Unterschied zur deutschen Politik ist mir aber in den letzten Jahren doch aufgefallen. Nämlich die Einstellung der Politiker, wenn es um mögliche Koalitionen geht. Nichts auf der Welt würde einen österreichischen Politiker dazu bringen, vor einer Wahl bekanntzugeben, mit welcher Partei er nach der Wahl gerne eine Koalition eingehen will. Bei entsprechenden Fragen von Journalisten (die natürlich immer wieder gestellt werden) bekommt man nur ausweichenden BlaBla-Antworten. "Zuerst ist einmal der Wähler am Wort, dann werden wir weitersehen". "Wir möchten der Entscheidung der Wähler nicht vorgreifen". Usw.
In Deutschland ist die Angelegenheit viel klarer. Auf Bundesebene wollen entweder SPD und Grüne miteinander regieren oder CDU/CSU mit der FDP. Und das sagen die Parteien auch vor der Wahl deutlich. Ein bisschen Unruhe haben hier nur die Linken reingebracht. Da haben die deutschen Parteien noch keine klare Linie gefunden.
Ich finde das immer extrem nervig, wenn österreichische Politiker sich weigern etwas über zukünftige Koalitionen zu sagen. Das ist ja (zumindest für mich) eine wichtige Information! Aber die SPÖ traut sich nie deutlich zu sagen, dass sie mit den Grünen regieren würden (um ihre rechten Wähler nicht zu verschrecken); die ÖVP distanziert sich nie deutlich von den rechten Parteien (FPÖ und BZÖ). Natürlich wirft nun im Wahlkampf jede Partei der anderen vor schon fixe Koalitionspläne zu haben. Z.B. hat heute erst der ÖVP-Chef Wilhelm Molterer eine Koalition aus SPÖ und FPÖ als "ausgemachte Sache" bezeichnet. SPÖ (und auch die ÖVP) erklären natürlich, mit der FPÖ niemals eine Koaltion einzugehen (aber von solchen Ansagen kann man seit der Regierungsbildung im Jahr 2000 auch nicht mehr viel halten).
Es ist jedenfalls alles sehr verwirrend - und ich denke, ein wenig klarere Fronten würden nicht nur dem Wahlkampf gut tun sondern vielleicht auch dazu führen, dass nach der Wahl im September nicht wieder die gleiche große Koalition aus SPÖ und ÖVP regiert. Denn die wird von 2/3 der Österreicher abgelehnt. Aber so wie es im Moment aussieht, wird es schwer etwas anderes zu finden. ÖVP und SPÖ behaupten ja, nicht mit der FPÖ koalieren zu wollen (die wohl leider viel dazu gewinnen und auf Platz 3 landen wird). SPÖ und Grüne werden keine Mehrheit haben; genausowenig wie ÖVP und Jörg Haiders BZÖ (abgesehen davon dass diese Konstellation schon in den Jahren 2000-2006 Österreich regiert hat und ich mir sicher keine Wiederholung wünsche). Bleibt also wieder eine große Koalition - und zwar eine mit Glaubwürdigkeitsproblemen: denn hätten die beiden Parteien sich nicht gestritten und die ÖVP Neuwahlen ausgerufen, dann müssten wir in 2 Wochen gar nicht erst wählen gehen. Oder vielleicht schafft es eine der kleinen Parteien ins Parlament? Ich zweifle zwar, dass es dem Liberalen Forum, der Liste Dinkhauser oder der KPÖ gelingen wird, die nötigen 4% zu bekommen (obwohl alle 3 sich natürlich optimistisch geben) - aber vielleicht wäre es wirklich nicht schlecht wenn mal eine (oder mehrere) neue Parteien ins Parlament kommen.
Naja - in der österreichischen Politik geht es jedenfalls wie üblich wild zu (vielleicht kann das ja mal jemand Neutrales analysieren? Ali? ;) ). Und ich weiß immer noch nicht, wen ich wählen soll - ich noch zwischen 2 Parteien. Aber irgendwas wird mir bis zum 28. September schon noch einfallen. Wem es ähnlich geht wie mir, der kann mal hier die Wahlkabine ausprobieren. Besonders interessante Ergebnisse gibts immer, wenn der Test von Leuten aus dem Ausland gemacht wird die keine große Erfahrung mit der österreichischen Politik haben ;)
Wer sich noch weiter informieren möchte: es gibt natürlich auch jede Menge Blogs zum Thema. politikblogs.at bietet eine Übersicht für alle politischen Blogs in Österreich; Interviews und Umfragen gibts Neuwal (kein Tippfehler!) und sogar ein Wahlblog für in Deutschland lebende Österreicher hab ich gefunden ;)
Autor: Florian Freistetter· 15.09.08 · 09:52 Uhr· 10 Kommentare
14. September 2008
Erich von Däniken kommt nach Jena
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 25

Gerade lese ich, dass Erich von Däniken am 17. Oktober einen Vortrag in Jena halten wird. Titel: "Götterdämmerung - Die Rückkehr der Götter".
Däniken ist ja schon seit Jahrzehnten unterwegs und verbreitet seine seltsamen Theorien über die Geschichte der Menschheit und die Außerirdischen. Die sind nämlich früher schon auf der Erde gewesen und haben jede Menge Sachen mit den Menschen angestellt. Belege dafür finden sich in angeblich in religiösen Schriften und kodiert in den großen Bauwerken der Vergangenheit (Pyramiden, Stonehenge, Tempel, Gräber, etc).
Bei seiner "Forschung" nach den Botschaften der Außerirdischen geht Däniken natürlich nicht wissenschaftlich vor (er ist sogar stolz darauf, kein Wissenschaftler zu sein). Sein Vorgehen ist vielmehr ein typisches Beispiel für Pseudowissenschaftlichkeit. Da werden Quellen und Zitate selektiv ausgewählt bzw. so interpretiert, dass sie seine Behauptungen stützen und alle Quellen und Belege die nicht mit der Hypothese zusammenpassen werden ignoriert. Neue Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung werden verworfen wenn es ältere gibt, die besser zu seinen Vorstellungen passen - usw.
Ich will hier jetzt gar keine große Däniken-Widerlegung verfassen - das haben schon andere getan. Ich kann hier z.B. das Buch "Phantastische Wissenschaft" von Markus Pössel empfehlen. Ich frage mich vielmehr, ob ich mir den Vortrag von Däniken anhören soll oder nicht?
Ich gestehe: als Jugendlicher habe ich viele Bücher von Däniken gelesen - und fand sie damals sehr überzeugend! Das ist aber auch eigentlich nicht so extrem verwunderlich. Wer ohne entsprechendes Vorwissen zu diesem Thema eines der Bücher von Däniken liest, der kann leicht beeindruckt werden. Alles scheint so wunderbar zusammen zu passen. Für jede von Dänikens Behauptungen finden sich Unmengen "Belege" in der Literatur und der Archäologie. Und noch dazu ist alles ziemlich faszinierend.
Als ich mich dann aber für Wissenschaft und Astronomie zu interessieren begann und mir nochmal Gedanken über Dänikens Bücher machte habe ich ziemlich bald festgestellt, dass seine "Beweise" doch nicht so stark sind, wie es anfänglich aussieht. Durch seine selektive Interpretation und das Weglassen aller gegenteiligen Indizien und Belege erzeugt er zwar innerhalb seiner Bücher eine hohe scheinbare Glaubwürdigkeit. Sobald man aber anfängt, einige seiner Aussagen zu überprüfen und dafür andere Quellen zur Hilfe nimmt bricht das Däniken-Universum zusammen.
Wer sich ernsthaft mit den Inhalten von Dänikens Büchern auseinandersetzt und bei der Analyse seiner "Theorien" vernünftige wissenschaftliche Methoden und vor allem vernünftige Quellen einsetzt, der merkt schnell, dass es sich dabei nur um unbelegte Pseudowissenschaft handelt.
Trotzdem fände ich es irgendwie interessant, mal einen echten Vortrag von Däniken zu sehen. Aber ist es das wert, dafür Eintritt zu zahlen? Das Thema das Vortrags ist jedenfalls typisch für Däniken:
"Nur alle 25.800 Jahre steht die Sonne an der Wintersonnenwende in einer Ebene mit dem Zentrum unserer Galaxis. Am 22. Dezember 2012 wird die Menschheit erstmals Zeuge dieses astronomischen Ereignisses. Kurioserweise kannte dieses Datum auch das Volk der Maya, ihr Kalender läuft in der Nacht zuvor, am 21. Dezember 2012, aus. Anschließend, so behaupten sie, beginne ein völlig neues Erdzeitalter, sogar die Götter würden zurückkehren.
Götter? Welche Götter?"
Anscheinend springt nun auch Däniken auf den "2012"-Zug auf. Wer noch nicht weiß, was es mit dem 22.12.2012 auf sich hat der wird in den nächsten Jahren sicherlich noch genug davon hören. Da passiert nämlich was! Die Welt geht unter (und das, wo wir grade die Sache mit dem LHC geschafft haben)! Oder wir treten alle in eine höhere Bewusstseinsebene ein. Oder Außerirdische kommen uns besuchen. Die Esoteriker und Pseudowissenschaftler sind sich da noch nicht ganz einig (wer möchte kann sich über das Thema in den verschiedensten Esoterikforen informieren). Aber da an diesem Tag ein Zyklus des Maya-Kalenders endet, muss ja schließlich irgendwas dramatisches passieren!
Däniken rechnet anscheinend damit, dass an diesem Tag die außerirdischen Götter die uns früher schon mal besucht haben, wieder zurückkehren. Und wird dafür sicher wieder jede Menge "Beweise" aus alten religiösen Büchern und Bauwerken parat haben...
Soll ich dort hingehen? Was meint die Leserschaft?
P.S. Läuft der LHC eigentlich im Dezember 2012 noch? Falls ja, wundert es mich, dass noch niemand von den Esoterikern einen Zusammenhang hergestellt hat ;)
Autor: Florian Freistetter· 14.09.08 · 15:22 Uhr· 25 Kommentare
13. September 2008
Ein mysteriöses Objekt am Himmel
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 3
Der Sternenhimmel ist immer für eine Überraschung gut. Im Rahmen des Hubble Space Telescop Cluster Supernova Survey - eine systematische Suche nach Supernovae in Galaxienhaufen mit dem Hubble-Weltraumteleskop - entdeckten Astronomen eine seltsame Erscheinung die sich von allen bisher bekannten Himmelsphänomenen unterscheidet.
Bei der Suche nach Supernovae - gewaltigen Sternexplosionen - versucht man dort Sterne zu finden wo vorher keine waren. Explodiert ein Stern am Ende seines Lebens gibt es einen gewaltigen Helligkeitsausbruch: wir sehen einen "neuen Stern" am Himmel. Der plötzliche Anstieg und die folgende Verringerung der Helligkeit der Supernova verläuft dabei nach ganz konkreten und vorhersagbaren Regeln. Deswegen eignen sich Supernovae auch sehr gut zur Entfernungsbestimmung und die Suche nach ihnen ist wichtig für viele Bereiche der Astronomie und Kosmologie.
Darum haben sich auch Kyle Barbary von der University of California Berkely und seine Kollegen mit Hilfe des Hubble-Weltraumteleskops auf die Suche nach Supernovae in entfernten Galaxienhaufen gemacht. Am 21. Februar 2006 fanden sie dabei eine Erscheinung, die nicht ganz in das erwartete Bild passte. Plötzlich war da ein helles Objekt am Himmel wo vorher keines war:
Bild: K. Barbary et al.
Das war aber noch nicht das Besondere. Bei näheren Untersuchungen stellte sich heraus, dass es sich dabei nicht um eine Supernova handeln konnte: der Verlauf der Helligkeitsveränderung war völlig untypisch. Nun gibt es natürlich noch einige andere Objekte am Himmel die ihre Helligkeit ändern können. Barbary und seine Kollegen untersuchten daher das Spektrum dieses Objekt; d.h. sie bestimmten wie viel Licht der Himmelskörper in verschiedenen Wellenlängebereichen ausstrahlte. Dieses Spektrum verglichen sie dann mit dem Sloan Digital Sky Survey Spektralkatalog - eine große Sammlung an Spektren bekannter Objekte. Aber auch hier fand sich nichts, was dem beobachteten Ereignis irgendwie ähnlich war. Es kann sich auch nicht um einen Gravitationslinseneffekt handeln bei dem ein vorbeiziehendes schweres Objekt die Helligkeit des Lichts eines dahinterliegenden Himmelskörpers ändert: auch hier verläuft die Helligkeitsänderung auf eine bestimmte Art und Weise die nicht mit den gemachten Beobachtungen übereinstimmt.
Bei der Untersuchung der Umgebung der Erscheinung konnte auch keine Galaxie gefunden werden, die dieses Objekt beheimatet. Es außerdem noch unklar, wie weit entfernt sich der mysteriöse Himmelsköper wirklich befindet. Aus den bisherigen Messungen kann man nur schließen dass es sich nicht näher als 130 Lichtjahre an der Erde befindet (es ist also ausgeschlossen das es sich dabei um ein Objekt aus unserem Sonnensystem handelt). Es kann sich auch nicht weiter weg als 11 Milliarden Lichtjahren befinden. Dazwischen ist allerdings noch jede Menge Platz: es kann sich innerhalb unserer Milchstraße befinden oder aber ein extragalaktisches Phänomen sein.
Barbary und seine Kollegen haben ihre Untersuchungen in einem Artikel veröffentlicht der bald im Astrophysical Journal erscheinen wird: "Discovery of an unusual optical transient with the Hubble Space Telescope". Die Schlussfolgerungen dort sind naturgemäß sehr vage: Entweder wird dieses Ereignis durch Objekte verursacht die typischerweise sehr selten sind oder sehr schwach leuchten (sind sie nicht sehr hell, dann befinden sie sich wohl außerhalb unserer Galaxis).
Es könnte sich auch um eine völlig neue Art von Himmelsobjekt handeln - um das zu bestätigen muss man aber erst auf die Ergebnisse von zukünftigen Himmelsdurchmusterungen warten.
Autor: Florian Freistetter· 13.09.08 · 16:12 Uhr· 3 Kommentare
12. September 2008
Astrologie und Galileo Mystery
Kategorie: Kultur · Kommentare: 28
Heute Abend beschäftigt sich die PRO7-Reihe "Galileo Mystery" mit dem Thema Astrologie. Ich befürchte das Schlimmste ;)
Die Sendung Galileo und besonders Galileo Mystery ist ja nicht unbedingt für ihre Wissenschaftlichkeit bekannt. Eher im Gegenteil. Gerade bei Galileo Mystery wird meistens versucht das "mysteriöse" aufrecht zu erhalten und ja kein Geheimnis wirklich zu lüften. Es würde mich überraschen, wenn das bei dieser Sendung anders wäre.
Angekündigt wird unter anderem eine Wiederholung des schon bekannten "Horoskop eines Massenmörders"-Test: dabei bekommen Testpersonen ein angeblich speziell für sie erstelltes Horoskop. In Wirklichkeit handelt es sich aber immer um den gleichen Text - erstellt mit den Geburtsdaten eines Massenmörders. Bei Horoskopen handelt es sich immer um Barnum-Texte: Aussagen, die so vage formuliert sind, dass sie jeder für sich passend empfindet. Eine große Zahl der Testpersonen wird sich also in dem Horoskop des Massenmörders wiedererkennen und gut charakterisiert fühlen. Dieser Test wurde schon öfter ausgeführt - hier zum Beispiel von James Randi:
"Höhepunkt" der Sendung wird ein Duell zwischen dem N-24 Journalisten Michael Marx und der schweizerisch-französischen Astrologin Elizabeth Teissier. Beide sollen die Nachrichten der nächsten 4 Wochen vorhersagen. Frau Teissier ist übrigens diejenige, die vor der Sonnenfinsterniss 1999 fest davon überzeugt war, dass eine große Katastrophe stattfinden wird: die Raumsonde Cassini wird auf Paris stürzen. Sollte das nicht passieren, dann wolle sie die Astrologie aufgeben und keine Prognosen mehr erstellen. Das hat sie sich wohl mittlerweile anders überlegt - leider.
Wenn man schon so eine Sendung machen muss, dann wäre es auch gut gewesen, eine andere Astrologin zu nehmen (geben tut es ja genug). Warum muss es gerade die absurde Teissier sein? Die stellt immerhin so seltsame und fahrlässige Behauptungen auf wie die dass Krebs- oder AIDS-Erkrankungen im Horoskop vorhersehbar seien.
Schlimm genug dass ihr dieser Unsinn schon von so vielen Menschen geglaubt wird. Aber so jemandem muss man doch nicht unbedingt auch noch eine Bühne im Fernsehen bieten!
Naja - ich werde mir die Sendung mal ansehen (Heute, 22:50) - und wenn sich dort was überraschendes tut darüber berichten.
Autor: Florian Freistetter· 12.09.08 · 13:57 Uhr· 28 Kommentare
Neues aus der Forschung: Kollidierende Galaxienhaufen und Dunkle Materie
Kategorie: Naturwissenschaften·Neues aus der Forschung · Kommentare: 11
Vorgestern habe ich ja schon einen Beitrag über die Suche nach dunkler Materie am LHC in CERN geschrieben. Passend dazu möchte ich heute aktuelle Ergebnisse der astronomischen Beobachter vorstellen die sich mit der Verteilung und den Eigenschaften von dunkler und normaler Materie beschäftigen.
Das lässt sich besonders gut an kollidierenden Galaxienhaufen untersuchen. Schon vor 2 Jahren machten Astronomen wunderbare Aufnahmen des Bullet-Clusters:

Das Bild ist eine zusammengesetze Aufnahmen und zeigt in rot die Bereiche in denen sich normale Materie befindet (heißes Gas; beobachtet durch seine Abstrahlung im Röntgenbereich) während die blauen Bereiche anzeigen, wo sich die dunkle Materie befindet (abgeleitet aus dem Gravitationslinseneffekt)

Credit: X-ray(NASA/CXC/Stanford/S.Allen); Optical/Lensing(NASA/STScI/UC Santa Barbara/M.Bradac)l
Auch hier sieht man eine klare Trennung zwischen normaler Materie (rot) und dunkler Materie (blau). Diese besondere Verteilung entstand durch die Kollision zweier Galaxienhaufen. Als zwei Galaxienhaufen zu MACS J0025.4-1222 verschmolzen, kollidierte das heiße Gas aus beiden Haufen miteinander und wurde abgebremst. Nicht aber die dunkle Materie die mit sich selbst bzw. normaler Materie nur wenig bzw. gar nicht interagiert (ausgenommen gravitative Wechselwirkungen)! Deswegen findet sie sich nun in den äußeren Bereichen während die normale Materie im Zentralbereich des Haufens blieb.
Diese Beobachtungen zeigen, dass der Bullet-Cluster kein Einzelfall ist und das sich die dunkle Materie tatsächlich so verhält, wie man es vorhergesagt hatte.
Autor: Florian Freistetter· 12.09.08 · 12:57 Uhr· 11 Kommentare
11. September 2008
Wissenschaftler, LHC und Science-Fiction Bücher
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 13
Im Books Blog des Guardian findet sich heute ein interessanter Beitrag. David Barnett schreibt in "Wild and crazy guys: fiction's maddest scientists" über verrückte Wissenschaftler in der Literatur. Und beginnt das Ganze mit einem Kommentar zum Teilchenbeschleuniger LHC.
"Ich würde nicht so weit gehen und die vermutlich hochqualifizierten und sehr professionellen Physiker, die sich heute an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz versammeln als "verrückt" zu bezeichnen. Aber man muss sich die Frage stellen ob diese Forscher die den Schalter am LHC betätigen jemals in ihrem Leben einen Roman gelesen haben? Hätten sie als pickelige Teenager weniger Zeit damit verbracht Michael Nelkons Lehrbuch für fortgeschrittene Physik zu lesen und mehr Aufmerksamkeit auf Comics und Spionageromane gerichtet, dann würden sie vielleicht, angesichts ihrer Experimente mit denen sie den Urknall nachstellen wollen aus dem unser Universum entstand, die selbe Ängstlichkeit verspüren wie der Rest von uns."Ein ziemlich seltsamer Kommentar (und da rede ich noch gar nicht von der wieder mal falschen Aussage das am LHC der Urknall nachgespielt werden soll). Aber es scheint so, als würde Barnett hier ernsthaft (naja, vielleicht nicht ganz ernsthaft) Naturwissenschaftlern vorwerfen, nicht genug Science-Fiction zu lesen.
Sowas hört man auch nicht alle Tage ;) Ich kenne dazu zwar keine Studien - aber ich vermute stark dass die Lektüre solch einschlägiger Bücher bei Naturwissenschaftlern signifikant höher ist als bei anderen Leuten. Ich kenne viele Leute die erst wegen dieser Bücher ihr Interesse an der Naturwissenschaft entdeckt haben und dann Wissenschaftler wurden.
Wie auch immer - ich halte das jedenfalls für eine gute Gelegenheit, mal ein paar Bücher über Teilchenphysik vorzustellen. Und damit meine ich keine Lehrbücher ;)
Final Theory (Mark Alpert)
In "Final Theory" kommt zwar der LHC nicht vor - aber die Teilchenphysik spielt die Hauptrolle in diesem Roman! Es geht um die Vereinheitlichte Feldtheorie (also eine Theorie, die alle Kräfte und alle Teilchen in unserem Universum vereinheitlicht und beschreibt) nach der Albert Einstein während der letzten Jahre seines Lebens gesucht hat. Leider erfolglos. Oder vielleicht doch nicht? Die Hauptperson des Buches, der ehemalige Physiker und Wissenschaftsjournalist David Swift wird mit den letzten Worten eines sterbenden ehemaligen Studenten von Albert Einstein auf eine mysteriöse Suche geschickt. Anscheinend hatte Einstein seine Theorie doch vollendet. Aber angesichts der Tatsache dass seine Relativitätstheorie die theoretischen Grundlage für die Atombombe geliefert hat, entschied er sich, seine vereinheitlichte Feldtheorie geheim zu halten. Denn auch diese scheint tödliches Potential zu haben. Swift liefert sich nun mit Terroristen und der amerikanischen Regierung ein Wettrennen auf der Suche nach Einsteins letzter Theorie die in einem dramatischen Finale am Tevatron-Beschleuniger des FermiLabs endet.
Das mag alles vielleicht etwas wild klingen - das Buch ist aber durchaus empfehlenswert! Es erinnert ein wenig an die Bücher von Dan Brown. "Final Theory" ist aber bei weitem nicht so simpel gestrickt und viel besser recherchiert! Mark Alpert hat selbst Physik studiert (und immerhin einen Artikel mit dem großen Kosmologen John Richard Gott veröffentlicht). Die Physik im Buch ist daher einigermassen korrekt - so korrekt zumindest, wie man es von guter Science-Fiction erwarten kann. Auch wenn "Final Theory" keine große Literatur ist - es ist ziemlich spannend und ich kann es eigentlich nur empfehlen!
42 (Thomas Lehr)
Ein ganz anderes Kaliber ist das Buch "42" des Deutschen Thomas Lehr. Eine Gruppe von Besuchern besichtigt das CERN in Genf während dort gerade ein Experiment stattfindet. Als sie mit dem Fahrstuhl wieder nach oben kommen ist die Welt in einen Dornrößchenschlaf gefallen: Die Zeit steht still und nur die Gruppe der Besucher und ein paar Wissenschaftler scheinen dem Stillstand entkommen zu sein. Lehr beschreibt, wie die Menschen mit dieser Situation klarkommen; wie sie sich angesichts der Tatsache, die letzten aktiven Menschen auf Welt zu sein, verhalten. Plötzlich, nach 5 Jahren Stillstand, läuft die Zeit wieder weiter: für 3 Sekunden! Zufall? Erste Erfolge der Wissenschaftler, die Welt wieder zum Laufen zu bringen? Oder etwas ganz anderes? Und wie kam es überhaupt zum Stillstand der Zeit? Ist das Experiment am CERN fehlgeschlagen? Oder handelt es sich um ein Experiment einer außer/überirdischen Intelligenz? Die über ganz Europa verstreuten "Chronifizierten" machen sich auf den Weg nach Genf um herauszufinden, was passiert ist und ob eine Lösung für die eingefrorene Zeit gefunden werden kann.Auch wenn das alles nach großer Science-Fiction klingt - das Buch von Lehr ist eigentlich ziemlich untypische für dieses Genre (Man könnte es eher mit "Die Arbeit der Nacht" von Thomas Glavinic vergleichen). Die wissenschaftlichen Elemente spielen auch eher eine Nebenrolle; Lehr beschäftigt sich hauptsächlich mit der Reaktion der Menschen auf ihre seltsame Situation. Kritiker haben das Buch besonders für seine Sprache gelobt (Daniel Kehlmann: "...geschrieben in einer poetischen Sprache, die ihresgleichen sucht"). Die ist zwar anfänglich ein bisschen gewöhnungsbedürftig - aber wirklich außergewöhnlich! Nicht umsonst landete das Buch 2005 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises!
Auch dieses Buch kann ich nur empfehlen. Und das Ende (wenn auch etwas unverständlich) ist ziemlich dramatisch und überraschend. ;)
Black-Hole Science-Fiction
Daneben gibt es noch einige andere Science-Fiction Bücher die sich mit Teilchenbeschleunigern und schwarzen Löchern beschäftigen. Von denen habe ich allerdings noch keins gelesen; kann also über die Qualität nicht viel sagen.
Von einem Freund empfohlen wurde mir "Cosm" von Gregory Bentford: Am RHIC-Beschleuniger in Amerika wird versucht, die Bedingungen des Urknalls nachzustellen. Es kommt zu einem Unfall und einer Explosion. In den Trümmer findet sich eine kleine, metallisch aussehende Sphäre. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um ein kleines Universum handelt - das rapide zu wachsen beginnt...
Noch reißerischer klingt der Inhalt von "Blasphemy" von Douglas Preston. Am fiktiven Teilchenbeschleuniger Isabella wird ebenfalls versucht, den Urknall zu simulieren. Aber das Experiment funktioniert nicht so wie geplant. Alles gerät ausser Kontrolle - und aus dem Inneren des Teilchenbeschleunigers meldet sich plötzlich: GOTT! Und dieser Gott, der behauptet das Universum erschaffen zu haben verlangt von der Menschheit, allen Religionen abzuschwören und die Wissenschaft als alleinige "Religion" anzuerkennen.
Das klingt reichlich seltsam - und ich bin mir nicht sicher, ob ich Geld für dieses Buch ausgeben will (Aber ich habs mal auf meine Amazon-Wunschliste gesetzt - vielleicht will es mir ja jemand schenken ;) )
Und dann gibts noch "Flashforward" von Robert Sawyer. In einem Teilchenbeschleuniger am CERN wird der Urknall simuliert (Das ist anscheinend Standard in diesen Büchern). Doch plötzlich erleben alle Wissenschaftler gemeinsam eine seltsame Vision: für 2 Minuten sehen sie, wie ihr Leben 21 in der Jahre Zukunft aussehen wird. Was sollen sie nun mit diesem Wissen anfangen. Lässt sich die Zukunft noch ändern? Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat dazu eine einigermassen positive Rezension verfasst.
Soweit mein Überblick über die mir bekannten Teilchenbeschleunigerromane. Sollte jemand noch andere Bücher kennen, dann immer her mit den Informationen!
Autor: Florian Freistetter· 11.09.08 · 17:40 Uhr· 13 Kommentare
10. September 2008
Wissenschaft am LHC: Die Suche nach dunkler Materie
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 12
LHC funktioniert! Heute morgen wurden die ersten Protonenstrahlen in den 27 km langen Ring eingeschossen und alles verlief so wie erwartet. In den nächsten Tagen und Wochen werden weitere Tests folgen und die Energie der Strahlen wird langsam erhöht - solange bis dann endlich alles bereit ist, um die ersten Teilchenkollisionen durchzuführen. Dann beginnt auch die wissenschaftliche Arbeit am LHC.
Auch wenn in den Medien meist nur über die Suche nach dem Higgs-Boson geredet wird: am LHC gibt es auch noch jede Menge andere wissenschaftliche Experimente. Eines davon (das mich als Astronom besonders interessiert) ist die Suche nach dunkler Materie.
Dunkle Materie
Ein Teilchenbeschleuniger auf der Suche nach dunkler Materie? Klingt ein wenig seltsam. Mit dunkler Materie assoziert man normalerweise die unbekannten Weiten des Weltalls und große Teleskope. Wie soll man hier etwas mit einem Teilchenbeschleuniger herausfinden können?
Mit der dunklen Materie gibt es ein großes, drängendes Problem: wir wissen nicht, um was es sich dabei handelt! Das bedeutet nicht, dass dunkle Materie "nur ein Theorie" ist, die sich die Astronomen in ihrer Verzweiflung aus den Fingern gesogen haben weil sie sonst nicht weiterkommen. Dunkle Materie existiert! Das lässt sich auf verschiedenste Weise nachweisen. Aber wir wissen eben noch nicht, aus was diese dunkle Materie eigentlich besteht.
Und wie kam man eigentlich auf die Idee, dass diese mysteriöse Materie existieren soll?
1933 hat der Astronom Fritz Zwicky die Galaxien in einem Galaxienhaufen beobachtet. Diese Galaxien bewegen sich natürlich weil sie sich gegenseitig durch ihre gravitative Anziehungskraft beeinflussen. Diese Anziehungskraft hängt von der Masse ab - und Galaxien bestehen hauptsächlich aus Sternen. Kennt man also die Helligkeiten der Galaxien kann man auch die Anzahl der Sterne und damit die Masse einer Galaxie abschätzen. Kennt man die Massen, kann berechnen, wie sich die Galaxien bewegen sollte. Zwicky fand nun, dass sich die Galaxien nicht so bewegten wie vorherberechnet. Es sah so aus, als wäre dort mehr Masse vorhanden als man sehen konnte.
1960 wurde dieses Ergebnis von Vera Rubin bestätigt. Sie untersuchte, wie sich Sterne um das Zentrum einer Galaxie bewegen. Auch hier hängt die Umlaufgeschwindigkeit von der Masse der Galaxie ab und es wird erwartet dass die Geschwindigkeit ab einer gewissen Distanz vom Zentrum stark abfällt (siehe Bild rechts). Beobachtet hat man aber etwas ganz anderes - die Geschwindigkeit wird nicht kleiner sondern bleibt mehr oder weniger gleich. Das ist wieder ein Hinweis auf zusätzliche Masse.
Es schien also im Universum Masse zu geben, die nur gravitativ wechselwirkt aber keine (oder kaum) elektromagnetischen Signale aussendet oder reflektiert. Eben dunkle Materie. Zahlreiche weitere Beobachtungen im Laufe der Zeit haben diese Annahme bestätigt: Im Universum gibt es Masse, die wir nicht sehen können.
Aus den Beobachtungen und theoretischen Überlegungen weiß man mittlerweile das der sichtbare Anteil der Materie im Universum nur etwa 15% ausmacht. Die restlichen 85 % müssen dunkle Materie sein.
Aber worum es sich bei der dunklen Materie genau handelt, wissen wir leider immer noch nicht. Immerhin gibt es einige vernünftige Vermutungen - und Experimente am LHC können helfen hier Licht ins (buchstäbliche) Dunkle zu bringen.
Woraus besteht dunkle Materie
Hier gibt es einige Möglichkeiten: dunkle Materie könnte beispielsweise buchstäblich dunkle Materie sein. Also Materie, die identisch mit der ist, die wir sehen können nur dass sie eben aus bestimmten Gründen einfach nicht leuchtet und deswegen unsichtbar ist. Kalte Wolken aus interstellarem Gas beispielsweise oder sogannten MACHOs. Das steht für Massive Astrophysical Compact Halo Objects und dabei handelt es sich um große Himmelskörper in denen keine Kernfusion stattfindet und die daher auch nicht leuchten. Allerdings müsste man sie mit dem Gravitationslinseneffekt "sehen" können (wenn ein MACHO von uns aus gesehen vor einem Stern steht, dann würde seine gravitative Wirkung das Licht Sterns auf eine bestimmte Weise ablenken). Ausserdem würde diese Art der dunklen Materie nicht mit den kosmologischen Theorien zusammenpassen. Auch wenn MACHOs existieren, dann machen sie wohl nur ein winzig kleinen Teil der dunklen Materie aus.
Eine zweite Möglichkeit wäre sogenannte "heiße dunkle Materie": das bedeutet schnelle, leichte Teilchen. Lange dachte man, Neutrinos wären der passende Kandidat für die dunkle Materie. Neutrinos sind Elementarteilchen die von den Sternen bei ihrer Kernfusion in großer Menge erzeugt werden aber kaum nachweisbar sind weil sie kaum mit anderer Materie wechselwirken. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, dass ihre Masse viel zu gering ist um für die dunkle Materie in Frage zu kommen. Und auch hier gäbe es Widersprüche zu den kosmologischen Theorien.
Bleibt als dritte Möglichkeit die "kalte dunkle Materie" - bisher noch unbekannte Elementarteilchen die nur von Gravitation und der schwachen Kernkraft beeinflusst werden. Diese WIMPs (Weakly Interactive Massive Particles) wechselwirken kaum mit normaler Materie und würden auch den kosmologischen Theorien nicht widersprechen. Ein ausichtsreicher Kandidat für so ein WIMP wäre das LSP - das "lightest supersymmetric particle". Diese leichteste supersymmetrische Teilchen wird von einer Theorie postuliert, die das bisher gültige Standardmodel der Teilchenphysik auf interessante Art und Weise erweitert: die Supersymmetrie (SuSy)
Supersymmetrie
In der supersymmetrischen Erweiterung des Standardmodells wird jedem bekannten Elementarteilchen ein neuer supersymmetrische "Zwilling" zugeordnet. Natürlich kein identischer Zwilling - die neuen Teilchen haben andere Eigenschaften als ihre Partner.

Mit dieser Erweiterung des Standardmodells versucht man einerseits eine vereinheitlichte Theorie der Grundkräfte zu finden. Andererseits könnten supersymmetrische Teilchen auch eine Lösung für das Problem der dunklen Materie sein. Sie hätten genau die richtigen Eigenschaften. Diese neuen Teilchen sind aber schwerer als die normalen Teilchen und deswegen auch schwerer zu entdecken.
Von den supersymmetrischen Teilchen ist das Neutralino der beste Kandidat für die dunkle Materie. Es hat eine große Masse und keine elektrische Ladung (ist also dunkel) - genau das, was man von dunkler Materie erwarten würde. Mittlerweile deuten auch Messungen des europäischen Satelliten PAMELA darauf hin, dass dunkle Materie aus supersymmetrischen Teilchen besteht.
LHC und dunkle Materie
Bis jetzt waren die Teilchenbeschleuniger nicht stark genug um die Supersymmetrie zu bestätigen oder zu widerlegen. Um bei einer Teilchenkollision supersymmetrische Teilchen erzeugen zu können, müssen die kollidieren Partikel mit ausreichend hohen Geschwindigkeiten aufeinander prallen. Dann würde genug Energie entstehen um auch die schweren supersymmetrischen Partnerteilchen erzeugen zu können. Dem LHC könnte das aber nun vielleicht gelingen.
Die Entdeckung eines supersymmetrischen Teilchens wäre nicht nur ein tolles Ereignis für die Astrophysiker die dann endlich wüssten, wie sich die dunkle Materie zusammensetzt. Auch für die Teilchenphysiker wäre das ein gewaltiger Erfolg und ein großer Schritt vorwärts auf dem Weg zu einem vollständigen Verständnis der Bausteine unserer Welt.
Das meint auch Rolf-Dieter Heuer der nächstes Jahr die Leitung des CERN übernehmen wird:
"Der LHC wird ein Fenster in dieses Dunkle Universum öffnen, hoffe ich. Das finde ich faszinierend. Die Möglichkeit, den ersten Schritt in das Dunkle Universum zu gehen, finde ich ganz fantastisch. Das ist natürlich nicht garantiert, aber die Wahrscheinlichkeit, Kandidaten für die Dunkle Materie zu finden, ist relativ groß."
Auch wenn mit wissenschaftlichen Ergebnissen am LHC erst in paar Jahren zu rechnen ist - ich bin enorm gespannt, was an dieser großartigen Maschine alles entdeckt werden wird!
P.S. Ich habe hier bewusst nicht über die diversen Weltuntergangsszenarios geschrieben die angeblich am LHC stattfinden werden. Dazu gibt es einen anderen Beitrag - hier soll es um Wissenschaft gehen.
Autor: Florian Freistetter· 10.09.08 · 13:47 Uhr· 12 Kommentare
LHC: Schlagzeilen-Check
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 20
Heute ist der große Tag für die Physiker: der Teilchenbeschleuniger LHC am europäischen Kernforschungszentrum CERN nimmt endlich den Betrieb auf. Die ersten Protonen laufen schon im Kreis - alles funktioniert so wie geplant. Leider war die Vorbereitungsphase überschattet von unbegründeter Kritik und Panikmache und der Vorhersage, dass LHC unter Umständen den Weltuntergang verursachen wird.
Eine Rolle dabei spielten auch die Medien, die die Aussagen der Panikmacher meistens unkritisch übernommen haben bzw. Aussagen von Wissenschaftler falsch interpretierten.
Da der Start des LHC heute eines der Top-Nachrichtenthemen ist, habe ich mir mal die Schlagzeilen im Teletext der diversen TV-Sender angesehen:
- ARD: "Teilchenbeschleuniger gestartet" (korrekt und unaufgeregt)
- MDR: "Forscher wollen Urknall erzeugen" (das ist leider falsch - ein Urknall kann nicht erzeugt werden - am LHC sollen u.a. auf winzigstem Raum Bedingungen erzeugt werden, die kurz nach dem Urknall im Universum geherrscht haben)
- RTL: "Mega-Maschine gestartet"
- SAT 1: "Mega-Maschine nimmt Betrieb auf"
- VOX: "Entsteht ein schwarzes Loch?" (das musste ja wieder kommen...)
- PRO 7: "Die Suche nach dem Urknall beginnt" (siehe MDR)
- Kabel Eins: "Forscher stellen Urknall nach" (vom Urknall scheinen die Medien nicht loszukommen)
- BR: "Teilchenbeschleuniger in Betrieb"
- RTL 2: "Entsteht ein schwarzes Loch?" (von VOX abgeschrieben? oder umgekehrt)
- N-TV: "Größte Forschungsmaschine der Welt: Start für Teilchenbeschleuniger" (Das Wort "Forschungsmaschine" find ich irgendwie nett)
- N-24: "Start für Riesen-Experiment: Physiker simulieren den Urknall"
- TV5: "Le CERN met en route son LHC, le plus grand accélérateur de particules" (auf französisch klingts auch schön)
Mehr Schlagzeilen bzw. Fernsehsender hab ich auf meinem Fernseher leider nicht gefunden. Das Bild bestätigt eigentlich alle Klisches: die öffentlich-rechtlichen Sender haben seriöse und korrekte Schlagzeilen (mit Ausnahme des MDR); die Schlagzeilen der Privatsender sind aufgeregt ("Mega-Maschine"), schlecht recherchiert ("Urknall") oder springen auf den Weltuntergangszug auf ("Schwarzes Loch").
Ich bin schon gespannt darauf, wie die Berichterstattung ab morgen weitergeht - und vor allem, wie lang sich dieser Weltuntergangsunsinn noch in den Medien halten wird.
Autor: Florian Freistetter· 10.09.08 · 11:37 Uhr· 20 Kommentare
09. September 2008
Kommunizieren Außerirdische mit blinkenden Sternen?
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 10

Eine sehr interessante (und sehr spekulative) wissenschaftliche Arbeit macht im Moment die Runde. In "The Cepheid Galactic Internet" spekulieren John Learned von der Universität Hawaii und seine Kollegen darüber, ob außerirdische Zivilisation vielleicht über ein Netzwerk von blinkenden Sternen miteinander kommunizieren.
Das klingt jetzt vielleicht wie reine Science-Fiction - hat aber durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund. Bis jetzt hat man sich bei der Suche nach außerirdischen Signalen meist auf Radiowellen konzentriert und den Himmel nach nicht-natürlichen Quellen abgesucht. Learned schlägt nun vor, auch eigentlich natürliche Strahlungsquellen wie z.B. Sterne zu berücksichtigen.
Er will die sogenannten Cepheiden zu untersuchen. Das sind veränderliche Sterne: also Sterne bei denen die Helligkeit periodisch variiert. Das passiert aufgrund eines Verhaltens das man Kappa-Mechanismus nennt: das Zusammenspiel von Druck, Temperatur und Durchlässigkeit der Sternatmosphäre führt zu periodischen Ausdehnung und Kontraktion des Sterns; dabei ändert sich auch seine Leuchtkraft. Diese Änderung erfolgt streng regelmäßig und vorhersagbar.
Learned spekuliert nun darüber, ob es möglich ist, diese regelmäßigen Änderungen zu manipulieren. Könnte man z.B. einen starken Neutrino-Strahl erzeugen und damit den Kern des Sterns aufheizen, würde sich die Periode der Änderung kurzzeitig beschleunigen. Man kann damit also Abfolgen aus normalen und manipulierten Perioden erzeugen und - analog zu den zwei unterschiedlichen Zuständen ("0" und "1") in unseren Computern - Information kodieren.
Cepheiden finden sich überall in unserer Milchstrasse - und auch in anderen Galaxien. Ein Netzwerk aus manipulierten Cepheiden könnte also verwendet werden um Informationen schnell durch unsere ganze Galaxis zu verbreiten.
Dass das alles ein wenig weit hergeholt klingt, wissen auch Learned und seine Kollegen. Interessant finden sie diese Möglichkeit trotzdem:"Es mag unwahrscheinlich sein - aber wenn sich die Vermutung als korrekt herausstellt dann wäre der Nutzen für die Menschheit gewaltig! Das schöne an unserer Idee ist, dass die Daten schon lange da sind - man muß sie nur unter neuen Gesichtspunkten analysieren."
Also abwarten, ob sich jemand findet, der die seit Jahrzehnten gesammelten Lichtkurven der Cepheiden nach Signalen von Außerirdischen untersucht. Wenn deren galaktisches Internet allerdings unserem ähnlich ist, dann werden wir aber vielleicht nur das außerirdische Äquivalent zu Pornofilmen und Werbung entdecken ;)
Autor: Florian Freistetter· 09.09.08 · 17:02 Uhr· 10 Kommentare
08. September 2008
Auch die Wissenschaftler am LHC sind Menschen
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 23
Wenn man sich die Aussagen der Leute anssieht, die meinen das am Large Hadron Collider in CERN der Weltuntergang verursacht wird bzw. die Kommentare liest, die zu unseren Beiträgen hier bei Scienceblogs geschrieben werden, dann könnte man meinen, die Wissenschaftler am LHC wären böse Dr. Frankensteins die bei ihrer Suche nach Erkenntnis über Leichen gehen und die Zerstörung der Welt locker in Kauf nehmen.
Abgesehen davon dass alle Behauptungen, der LHC würde den Weltuntergang verursachen, ziemlicher Quatsch sind, sind die Wissenschaftler dort auch nur ganz normale Menschen wie du und ich.
Auch die Physiker und Physikerinnen, die am LHC arbeiten haben kein Interesse daran die Welt untergehen zu lassen und sich daher gut überlegt, ob Risiken bestehen oder nicht. Das sieht man auch an den Aussagen von Brian Cox, Physiker am LHC, anläßlich der jüngst veröffentlichten Todesdrohungen gegenüber CERN-Mitarbeitern.
"Ich weiß dass die Teilchenphysik schwer zu verstehen ist - aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man überlegen sollte, die Ansichten von Experten zu akzeptieren. Ich würde dafür folgendes Beispiel bringen: Wenn es um das Design von Flugzeugflügeln geht, dann überlasse ich diese Entscheidungen lieber einem Experten der Aerodynamik anstatt ihn meine eigenen Vorschläge über die Form der Flügel anzubieten. Es ist wirklich so, dass die Teilchenphysiker empfindende, vernünftige menschliche Wesen sind die wissenschaftlich arbeiten weil sie daran glauben dass die Erforschung der subatomaren Welt gut für unsere Zivilisation ist (abgesehen davon dass sie auch sehr interessant ist). Hätte einer von ihnen - mich eingeschlossen - irgendwelche Zweifel über die Sicherheit von dem, was wir tun, dann würden wir das Experiment sofort stoppen! Für mich und alle meine Kollegen ist unsere persönliche Sicherheit und die Sicherheit unserer Familien VIEL wichtiger als die Suche nach dem Higgs-Teilchen. Würde das Risiko auch nur eins zu einer Milliarden betragen (oder was immer die Leute auch behaupten) dann würde ich selbst für einen Stopp des Experiments kämpfen!"
Die Gegner des LHC vergessen oft das dort keine seelenlosen Maschinen oder böse James-Bond-Wissenschaftler arbeiten - sondern Menschen! Die haben Freunde, Kinder und Familie und absolut kein Interesse daran, die Welt und ihre Bewohner umzubringen!
Das auch wissenschaftler Menschen sind, zeigt eine andere Aussage von Brian Cox über die gerade heftig diskutiert wird. Als er von den Todesdrohungen hörte, meinte Cox:
"Anyone who thinks the LHC will destroy the world is a twat! (Jeder der glaubt, dass der LHC die Welt zerstören wird, ist ein Trottel!"
Wenn man sich ansieht, mit welchen absurden Anschuldigungen die Leute am CERN Tag für Tag konfrontiert werden und wenn man sich dann auch noch mit Todesdrohungen herumschlagen muss, dann ist es absolut verständlich, wenn man langsam aber sicher genervt ist. Die Aussage von Cox ist zwar nicht unbedingt nett - aber absolut verständlich!
Autor: Florian Freistetter· 08.09.08 · 19:38 Uhr· 23 Kommentare
07. September 2008
Ein Gefangenendilemma zum Mitmachen
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 6
(Anmerkung: Ulrich hat mich darauf hingewiesen dass es sich bei dem Spiel das ich hier erkläre nicht um ein Gefangenendilemma sonder ein Ultimatumspiel handelt. Mehr dazu in den Kommentaren)
Was ein Gefangenendilemma ist hat Ali von zoon politikon schon vor einiger Zeit erklärt. An der Universität Jena wird nun eine Variation des Gefangenendilemmas durchgeführt an der jeder teilnehmen und dabei sogar Geld gewinnen kann!
Das Experiment wird vom Max-Planck-Institut für Ökonomik und der Friedrich-Schiller-Universität Jena gemeinsam durchgeführt. Es geht dabei um folgendes:2 Spieler (X und Y) sollen sich 100 Euro teilen. Dabei bestimmt X, wieviel jeder der beiden bekommt und Y kann diese Aufteilung entweder akzeptieren oder ablehnen. Der Clou an der Sache: jeder muss seine Entscheidung treffen ohne zu wissen, was der andere gesagt hat!
Wenn ich beispielsweise Spieler X bin, dann könnte ich bestimmen, dass ich 55 Euro kriege und Spieler Y 45 Euro. Spieler Y hält mich allerdings für einen gierigen Raffzahn und vermutet ich würde mir das ganze Geld unter den Nagel reissen und ihm nicht übrig lassen wollen. Also lehnt er meine Aufteilung ab. Das Resultat: keiner von uns bekommt etwas!
Oder er hält mich für fair und freundlich und geht davon aus, dass ich ihn nicht benachteiligen werde und stimmt der Aufteilung zu. Blöd nur, dass ich mich jetzt für eine 95 zu 5 Aufteilung entschieden habe: Er bekommt 5 Euro; ich mit 95 Euro fast alles.
Wie verhält man sich bei so einem Spiel, wenn man nicht weiß, was der andere macht? Spielt man fair oder versucht man, das beste für sich rauszuholen?
Dieses Spiel kann online durchgeführt werden. Man übernimmt dabei jeweils einmal die Rolle des Spielers X und einmal die des Spielers Y. Ausserdem wird einmal um 100 und einmal um 1000 Euro gespielt. Aus allen abgegebenen Antworten werden dann am Schluss 40
ausgelost und zu 20 Paaren zusammengestellt. Und je nachdem, welche Antworten die beiden Spieler dort gegeben haben, kann man dann Geld gewinnen (maximal 950 Euro).
Wie üblich beim Gefangenendilemma und seinen Variationen ist es knifflig, die richtige Strategie zu finden. Ich persönlich hätte mich ja (als Spieler X) prinzipiell für eine halbe-halbe Aufteilung entschieden. Die lässt das Spiel aber nicht zu - man kann nur 45% zu 55% teilen: muss also entweder sich selbst oder den Mitspieler bevorzugen. Als Spieler Y ist die Entscheidung (meiner Meinung nach) recht einfach. Sage ich "Nein", dann bekomme ich gar nichts. Sage ich "Ja" bekomme ich mindestens 5 (bzw. 50) Euro. Y sollte also immer mit "Ja" antworten. Wenn ich das als Spieler X weiß, dann wäre es für mich optimal, wenn ich mir immer den höchst möglichen Geldbetrag zuteile: Y wird ja sowieso mit "Ja" antworten!
Das wäre zumindest das rein rationale Spielverhalten (denke ich zumindest; aber Ulrich wird mich hoffentlich korrigieren, wenn ich Blödsinn geschrieben habe). Aber was ist, wenn sich Spieler Y das auch alles überlegt? Es ist sicher frustierend zu wissen, dass man in diesem Spiel auf jeden Fall mit dem Minimalbetrag aussteigt - und das nur, weil Spieler X so gierig ist und sich selbst den Maximalbetrag zuschanzt! Ob ich jetzt 5 Euro habe oder 0 Euro ist auch schon egal - da kann ich gleich "Nein" sagen und es dem gierigen X so richtig heimzahlen!
Aber was sich Spieler Y überlegen kann, kann auch Spieler X! Wenn X die Rachgelüste des Y "vorhersieht", dann wäre es vielleicht besser, sich für eine fairere Aufteilung zu entscheiden...
Und so gehen die Gedankenspielchen immer weiter im Kreis. Man weiß eben nicht, wie sich der andere Spieler entscheiden wird und wie rational er denkt (Richtig interessant wäre es noch, wenn die selben Spieler das Spiel mehrere Male hintereinander durchführen. Wie verhalte ich mich, wenn ich beim ersten Mal vom Mitspieler reingelegt wurde? Vertraue ich ihm noch oder zahle ich es ihm heim?).
Herauszufinden, wie sich Menschen unter solchen unsicheren Bedingungen entscheiden ist Ziel dieses Experiments. Vielleicht hat ja der eine oder andere Lust mitzumachen? Wie würdet ihr entscheiden?
Autor: Florian Freistetter· 07.09.08 · 14:07 Uhr· 6 Kommentare
06. September 2008
Rosetta macht coole Bilder vom Asteroid Steins!
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 2
"A diamond in the sky" - Ein Diamant am Himmel. So wird der Asteroid Šteins neuerdings bezeichnet nachdem gestern die europäische Raumsonden Rosetta an ihm vorbeiflog und tolle Aufnahmen machte. Und das mit Recht - denn so sah der Asteroid aus als Rosetta ihn aus 800 km Entfernung fotografierte:

Der Asteroid hat einen Durchmesser von knapp 5 Kilometern und wird auf diesem Bild voll von der Sonne angestrahlt. Oben rechts im Bild erkennt man einen dunklen Fleck - und auf späteren Aufnahmen mit anderen Lichtverhältnissen sieht man gut, dass es sich hier um einen großen Einschlagskrater handeln muss:
Der Krater hier ist etwa 1,5 Kilometer groß! Ganz schön gewaltig für so einen kleinen Asteroiden. Eigentlich würde man erwarten, dass Šteins bei dieser Kollision auseinandergebrochen wäre. Wenn er wirklich ein sehr fester, kompakter Körper ist, dann sollte man eigentlich auch ein paar Bruchlinien sehen. Aber vielleicht ist Šteins gar nicht so fest, wie er aussieht? Viele Asteroiden sind sg. "rubble piles" - also Trümmerhaufen. Durch immer wieder stattfindende Kollisionen sind sie eher ein lose zusammengehaltener Haufen aus Geröll, bedeckt von einer Staubschicht die es so aussehen lässt, als wäre der Asteroid ein kompaktes Objekt.
Die Existenz solcher rubble piles kann man auch schön an der Kette kleinerer Krater sehen (die 5 dunklen Flecken in der unteren Mitte des Asteroids). Wenn ein rubble pile einem anderen Objekt nahe kommt wird es durch dessen Gravitation auseinandergerissen und die einzelnen Teile schlagen hintereinander ein - so entsteht eine Kraterkette. Wie genau Šteins nun aber aufgebaut ist, werden die näheren Analysen der Rosetta-Bilder zeigen
Man hat insgesamt schon 23 Krater auf der Oberfläche Šteins gezählt. Solche Zählungen sind wichtig um das Alter des Asteroiden genauer einschätzen zu können (Je länger er da ist, desto mehr Krater sollte es geben).
Der Vorbeiflug von Rosetta an Šteins hat sich auf jeden Fall schon mal gelohnt. Die Aufnahme sind wirklich faszinierend - und die Wissenschaftler werden viel daraus lernen können. Das meint auch Gerhard Schwehm, der Missionsleiter für Rosetta:
"Er sieht aus wie ein typischer Asteroid. Es ist aber wirklich faszinierend wie viel wir allein von diesen paar Bildern lernen können. Das ist der erste wissenschaftliche Höhepunkt der Mission und wir haben noch jede Menge vielversprechende Wissenschaft vor uns! Ich freue mich schon auf die Begegnung mit unserem nächsten "Diamanten am Himmel" - dem viel größerem Asteroid Lutetia".
Zum Abschluss gibts noch ein nettes 3D-Bild von Šteins (Ich muss mir mal wieder so ne Brille besorgen...) und ein Video des kompletten Vorbeiflugs:

Autor: Florian Freistetter· 06.09.08 · 20:16 Uhr· 2 Kommentare
Heute ist der Tag der Astronomie
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 8

Falls es jemand noch nicht bemerkt haben sollte: Heute ist in ganz Deutschland (und der Schweiz) der Tag der Astronomie! Überall gibt es Veranstaltungen und die Möglichkeit, mit Teleskopen den Himmel zu beobachten. Das Wetter spielt (zumindestens hier in Jena) leider noch nicht so ganz mit. Aber vielleicht wird es ja bis zum Abend noch besser.
Es lohnt sich auf jeden Fall, mal zu schauen ob es irgendwo in der Nähe eine Veranstaltung gibt. Hier findet man alle Orte und Termine. In Jena könnte man heute an der Urania Volksternwarte die Sonne beobachten (wenn denn die Wolken nicht wären); auch heute abend sind an der Volksternwarte und der Forststernwarte Beobachtungen geplant. Wenn das Wetter noch besser wird, werde ich sicher mal vorbeischauen.
Ein bisschen traurig bin ich darüber dass sich die Universitätssternwarte auch dieses Jahr nicht am Tag der Astronomie beteiligt. An der Unisternwarte in Wien war der Astronomietag immer ein großer Erfolg mit meistens über tausend Besucher. Darüber, wie wichtig ich Öffentlichkeitsarbeit in der Wissenschaft halte habe ich ja schon öfter geschrieben. Schade, dass die Universität hier nicht mitmacht...
Infos zum Tag der Astronomie gibts auch bei den Himmelslichtern und Einsteins Kosmos.
Autor: Florian Freistetter· 06.09.08 · 14:43 Uhr· 8 Kommentare
Das Blog-Teleskop #8
Kategorie: Blog-Teleskop·Naturwissenschaften
Nicht wie sonst am Sonntag sondern heute, am Tag der Astronomie, gibt es die achte Ausgabe des Blog-Teleskops. Diesmal steht es bei Tanja Morschhäuser im Sternengucker.
Und wer auch mal eine Ausgabe des Teleskops beherbergen möchte, der soll mir Bescheid sagen.
Autor: Florian Freistetter· 06.09.08 · 14:18 Uhr· 0 Kommentare
05. September 2008
Neues aus der Forschung: Das schwarze Loch im Zentrum der Milchstrasse
Kategorie: Naturwissenschaften·Neues aus der Forschung · Kommentare: 2
Das im Zentrum unserer Milchstrasse ein riesiges schwarzes Loch sitzt ist mittlerweile mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Dieser Nachweis erfolgte allerdings indirekt - direkt beobachten kann man ein schwarzes Loch ja natürlich nicht. Was man allerdings sehen könnte, wäre eine große Scheibe aus Materie die das schwarze Loch umgibt (mit einem dunklen Bereich in der Mitte).
Beobachtungen im Zentrum der Milchstrasse sind allerdings sehr kompliziert. Von der Erde, die sich ja am Rande unserer Galaxis befindet, verstellen jede Menge Sterne und Gaswolken die Sicht. Und gerade im Zentrum ist es besonders schlimm.
Wissenschaftlern ist es aber nun gelungen, den zentralen Bereich der Milchstrasse so deutlich wie noch nie abzubilden. Gestern erschien in Nature ein Artikel mit dem Titel "Event-horizon-scale structure in the supermassive black hole candidate at the Galactic Centre" (Nature 455, 78-80). Sheperd Doeleman vom MIT und seine Kollegen haben zur Beobachtung Radioteleskope in Hawaii, Arizona und Kalifornien zusammengeschaltet und so ein 4500 Kilometer großes Teleskop simuliert. Damit konnten sie das Zentrum der Milchstrasse mit einer Auflösung beobachten, die tausendmal besser ist als die des Hubble-Teleskops.
Allerdings reicht das immer noch nicht, um die oben erwähnte Materiescheibe zu sehen. Doeleman meint aber, dass es in drei bis fünf Jahren, wenn neue Radioteleskope (z.B. in Chile) bereit sind, möglich sein wird, das schwarze Loch im Zentrum der Milchstrasse detailliert zu beobachten. Immerhin konnten sie die Größe des zentralen Objekts (SgrA*) sehr genau mit 36 Mikrobogensekunden messen.
Bei zukünftigen Beobachtungen hofft man auch die Ausrichtung der Ebene der Materiescheibe feststellen zu können. Man vermutet, dass diese nicht identisch mit der Ebene unserer Milchstrasse ist. Das würde darauf hindeuten, dass das schwarze Loch (und unsere Milchstrasse) bei einer Kollision zweier Galaxien entstanden ist als sich deren Zentren (und zentralen schwarzen Löcher) vereinigten.
Autor: Florian Freistetter· 05.09.08 · 13:55 Uhr· 2 Kommentare
04. September 2008
Klassische Musik soll Wurst besser machen
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 18

Einen sehr seltsamen Artikel habe ich gerade in der FAZ gefunden: "Tegut beschallt Wurst mit klassischer Musik".
Die Supermarktkette Tegut ist anscheinend der Meinung, es würde Würsten gut tun, wenn sie beim Reifen noch ein bisschen klassische Musik hören können. Deshalb gibt es spezielle Lager bei denen die Wurst während der Reifung mit klassischer Musik beschallt werden:
"Ein bis zweimal im Monat setzt sich ein Streichquartett in die Manufaktur der Tochterfirma Kurhessische Fleischwaren im thüringischen Frankenheim und spielt vier Stunden lang überwiegend Werke von Mozart oder Bach, wie das in Fulda ansässige Unternehmen mitteilte."
Tegut-Chef Wolfgang Gutberlet sagt
"Er habe von vielen Versuchen gelesen, die bestätigten, dass klassische Musik Wachstum beeinflussen könne. Ob diese Klänge auch den Reifeprozess von Wurst tatsächlich fördern, kann er bisher nicht beweisen. Die beschallte Wurst schmecke ihm aber besonders gut."
Leider liefert der FAZ-Artikel keine Quellen für die "vielen Versuche". Auch der Leiter für Sicherheit und Qualität bei Fleisch des Max-Rubner-Instituts, Klaus Troeger nennt das ganze eine "obskure Geschichte".
Tegut selbst scheint sich auch nicht unbedingt sonderlich wissenschaftlich mit der Angelegenheit auseinandergesetzt zu haben:
Wir können das nicht physikalisch oder sonst wie messen", stellt der Tegut-Chef klar. Seine Mitarbeiter in der wohl musikalischsten Wurstfabrik Deutschlands sollten viel mehr darauf achten, „durch Anschauen, Riechen und Anfassen zu prüfen, ob der Prozess zum Erfolg führt". Das sei eine „rein subjektive Wahrnehmung".
Auch wenn Geschmack Ansichtssache ist - ich bin mir sicher mit ein bisschen gutem Willen könnte man das leicht wissenschaftlich aufarbeiten. Erkenntnisse zu gewinnen, die unabhängig von "rein subjektiver Wahrnehmung" sind ist ja immerhin Zweck der Wissenschaft!
Ein interessantes Statement dazu hat auch Prof. Friedrich-Karl Lücke vom Fachbereich Ernährungswissenschaft der Hochschule Fulda abgegeben. Einerseits meint er zwar, er kann sich dazu „keine naturwissenschaftliche Erklärung zusammenreimen". Andererseits will er die Ergebnisse auch nicht "als Hirngespinst abtun". Das ist natürlich prinzipiell mal nicht schlecht. Wer weiß, vielleicht ist ja wirklich was dran. Musik ist ja schließlich nichts anderes als Schallwellen und die könnten ja irgendwelche Effekte habe. Aber die Begründung von Lücke ist etwas seltsam. Er will es nicht als Hirngespinst abtun, denn
"In der Homöopathie sei auch nicht alles erklär- und belegbar."
Das ist mal eine Erklärung! Klar ist in der Homöopathie "nicht alles" belegbar. Genaugenommen ist nichts belegbar weil Homöopathie eine esoterische Pseudowissenschaft ist, die nichts mit der Realität zu tun hat. Die Homöopathie hier als Argument anzuführen ist nicht wirklich hilfreich. Der FAZ-Artikel geht darauf leider nicht weiter ein. Aber es bleibt zu befürchten dass der Vergleich mit der Homöopathie hier von vielen tatsächlich als konstruktiv angesehen wird - vor allem wenn sie von einem Professor kommt. Vielleicht sollte man Herrn Lücke mal erklären, was es mit der Homöopathie tatsächlich auf sich hat?
Wie auch immer - wenn ich wieder mal bei Tegut vorbeikomme dann werde ich mir diese musikalischen Würste mal ansehen und vielleicht ne private Testreihen starten ;)
Autor: Florian Freistetter· 04.09.08 · 21:30 Uhr· 18 Kommentare
Trojaner am Himmel
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 8
Morgen wird die europäische Sonde Rosetta den Asteroiden Šteins ganz aus der Nähe untersuchen. Das ist auch ein guter Anlass um einmal einen ausführlicheren Beitrag über Asteroiden zu schreiben.
Von diesen Überbleibseln der Planetenentstehung gibt es in unserem Sonnensystem viele. Über die erdnahen Asteroiden habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben. Weiter entfernt von der Sonne, zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter befindet sich der sogenannte "Hauptgürtel der Asteroiden". Auch Šteins ist so ein Hauptgürtelasteroid.
Ich möchte aber heute über eine andere Asteroidengruppe schreiben: die Trojaner. Bei dem Wort "Trojaner" denken wohl die meisten an ein fieses Computerprogramm bzw. an den trojanischen Krieg. Als Trojaner wird aber auch eine spezielle Art von Asteroid bezeichnet: nämlich diejenigen, die sich in den "Lagrangschen Punkte" befinden.
Lagrange-Punkte
Der große Mathematiker und Astronom Joseph-Louis Lagrange hat im 18. Jahrhundert das eingeschränkte Dreikörperproblem untersucht. Dabei handelt es sich um einen Spezialfall der Bewegung von mehreren Himmelskörpern in der sich ein sehr kleiner Körper im Gravitationsfeld zweier deutlich größerer Massen bewegt. Ein typisches Beispiel wäre z.B. die Bewegung eines Satelliten unter dem Einfluss von Sonne und Erde oder die Bewegung eines Asteroiden unter dem Einfluss von Sonne und Jupiter.
Lagrange konnte nun zeigen, dass es im eingeschränkten 5 spezielle Gleichgewichtspunkte gibt an denen sich die Kräfte der beiden großen Himmelskörper auf den kleineren gerade gegenseitig aufheben. Himmelskörper die sich genau dort befinden sind also quasi dort "geparkt" und bleiben immer dort. Das folgende Diagramm zeigt die Position dieser Punkte (L1-L5):
Man kann hier den gelben Kreis als Sonne interpretieren und den blauen als Planet (z.B. Jupiter). Drei der Lagrange-Punkte findet man dann auf der Verbindungslinie zwischen Sonne und Jupiter; zwei weitere direkt auf der Bahn des Planeten - jeweils 60 Grad vor und hinter dem Planeten.Bei den Punkte L1, L2 und L3 handelt es sich um labile Gleichgewichtspunkte: schon kleine Abweichungen von der exakten Position führen dazu dass einer der beiden Körper mit seiner Anziehungskraft die Oberhand gewinnt und den Himmelskörper aus dem Gleichgewichtspunkt "zieht". L4 und L5 sind allerdings stabile Gleichgewichtspunkte: auch wenn sich ein Objekt nicht exakt in L4 oder L5 befindet bleibt es weiterhin in der Nähe des Lagrange-Punkts (bis zu einer gewissen Grenze natürlich).
Wie groß die Stabilitätsregion um die einzelnen Lagrange-Punkte ist hängt von der jeweiligen Konfiguration ab. Das Verhältniss der Massen der beiden großen Körper muss kleiner als 1/25 sein damit L4 und L5 stabil sind. In unserem Sonnensystem ist das z.B. für Sonne und Jupiter der Fall (hier beträgt das Massenverhältnis 1/1000) - es gilt aber auch für alle andere Planeten.
Der erste Trojaner
Lange Zeit blieben die Lagrange-Punkte eine rein theoretische Eigenschaft des eingeschränkten Dreikörperproblems. Am 22. Februar 1906 änderte sich das: da entdeckte der Heidelberger Astronom Max Wolf einen Asteroiden der überraschenderweise genausoweit von der Sonne entfernt war wie Jupiter. Eine nähere Untersuchung zeigte, dass sich dieser Asteroid tatsächlich in unmittelbarer Nähe des Lagrange-Punktes L4 des Jupiter befand. Wolf nannte diesen Asteroiden Achilles - nach dem Held des trojanischen Kriegs. In den folgenden Jahren wurden weitere Asteroiden in den Lagrange-Punkten gefunden und ebenfalls nach Figuren aus dem trojanischen Krieg benannt (L4 Asteroiden nach den Griechen; L5 Asteroiden nach Trojanern). Daher stammt auch die heute übliche Bezeichnung "Trojaner" für Körper die sich in den Lagrange-Punkten befinden.
Heute kennt man 1279 Asteroiden die sich in der Nähe von L4 des Jupiter befinden und 1271 in der Nähe von L5. Auch bei Neptun wurden 6 (L4) Trojaner gefunden und bei Mars fand man 3 Asteroiden in L5 und einen bei L4.
Die Trojaner-Asymmetrie
Da ich mich mit den Trojanern auch selbst wissenschaftlich beschäftigt habe möchte zum Abschluss noch eine nette Geschichte über ein Problem erzählen, das sich mittlerweile von selbst gelöst zu haben scheint.
Betrachtet man nur das eingeschränkte Dreikörperproblem, dann sind dort L4 und L5 dynamisch gesehen absolut gleichwertig. Deswegen ist auch zu erwarten, dass sich um L4 und L5 in etwa gleich viele Asteroiden befinden. Seit man aber genug Trojaner entdeckt hatte um vernünftige Statistiken zu machen waren immer mehr L4-Asteroiden bekannt!
Dieses Problem war als "Trojaner-Asymmetrie" bekannt. Folgende Grafik zeigt wie sich die Anzahl der bekannten Trojaner im Laufe der Zeit geändert hat:
Ich und meine Kollegen von der Universität Wien haben uns damals mit diesem Unterschied beschäftigt und probiert, herauszufinden, was dafür verantwortlich war. Hier gibt es vier potentielle Möglichkeiten:
- Beobachtungsgründe: L4 und L5 befinden sich ja an verschiedenen Stellen am Himmel. Vielleicht waren die Beobachtungsbedingungen für L4 besser als für L5 (weil L5 z.B. zeitweise dort am Himmel lag wo sich auch die Milchstrasse befindet und deswegen schlechter beobachtet werden konnte). Man vermutete, dass sich das Problem im Laufe der Zeit von selbst lösen wird. Dieses Argument wurde allerdings schon Ende der 80er Jahre gebracht - und eigentlich hat fast niemand an diese Lösung geglaubt da der Unterschied sich mit den neuen Entdeckungen nie verringerte.
- Unterschiedliche Entstehung: Manche Wissenschaftler vermuteten, dass die unterschiedliche Anzahl der Asteroiden auf verschiedene Entstehungsprozesse zurückzuführen ist. Unterschiedliche Kollisionsraten zwischen den Asteroiden bei L4 und L5 könnten in der heutigen Asymmetrie resultieren. Allerdings hat keine der dazu durchgeführten Arbeiten wirklich konkrete Ergebnisse gebracht.
- Chaos und Katastrophen: In der Frühzeit des Sonnensystems ging es ja ziemlich wild zu. Protoplaneten kollidierten miteinander (so entstand z.B. unser Mond) oder wurden durch die gravitative Wechselwirkung aus dem Sonnensystem geworfen. Ein solcher Protoplanet hat dabei vielleicht auch die Gruppe der L5 Trojaner durchquert und ihre Anzahl dezimiert. Das ist allerdings kaum wissenschaftlich nachzuweisen. Andere Simulationen beschäftigen sich mit der Migration der Planeten: in der Frühzeit des Sonnensystems haben sich die Umlaufbahnen von Jupiter und Saturn gemeinsam vergrößert - dabei könnte Jupiter die Trojaner quasi "eingefangen" haben. Dieser Einfangsprozeß verlief chaotisch, wodurch sich auch die unterschiedliche Anzahl der Asteroiden erklären läßt.
- Dynamische Gründe: Unser Sonnensystem ist ja eigentlich kein Dreikörperproblem - Saturn wirkt beispielsweise auch gravitativ auf die Trojaner (und Jupiter); auch die anderen Planeten haben einen kleinen Einfluss. Und je nachdem wie diese Einflüsse wirken könnte L4 stabiler sein als L5. Bei den Lagrange-Punkten von Neptun ist die unterschiedliche Größe der Stabilitätsregionen mittlerweile ganz klar nachgewiesen. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn auch bei Jupiter dynamische Gründe für die Trojaner-Asymmetrie verantwortlich sind. Allerdings hatte man auch hier eigentlich nur wenig überzeugende Hinweise auf Unterschiede gefunden.
Ich habe dann deswegen noch ein paar andere Sachen ausprobiert. Unter anderem habe ich die Regionen maximaler Stabilität untersucht. Das bedeutet folgendes: ein normaler Trojaner pendelt gewissermassen um den Lagrange-Punkt. Wenn er sich nicht weiter als etwa 30° vom Lagrange-Punkt entfernt, dann wird er weiterhin stabil bleiben und sich um L4 oder L5 bewegen. Allerdings ist die Chance, dass ein Trojaner instabil wird umso größer, je größer diese Auslenkung ist. Je weniger er sich vom Lagrange-Punkt entfernt, desto stabiler ist er. Die Auslenkung nennt man "Librationsweite" und ich habe untersucht, innerhalb welcher Bereiche die Librationsweite eines Trojaners immer kleiner als 4° bleibt. Dabei habe ich folgendes Ergebnis erhalten:
Diese Ergebnisse (und noch ein bisschen mehr zur Dynamik der Trojaner) habe ich in einer zwei Jahre alten Arbeit mit dem Titel "The size of the stability regions of Jupiter Trojans" veröffentlicht (Astronomy & Astrophysics 453, 353-361).
Ich hatte eigentlich vor, bald wieder zu diesem Problem zurückzukehren. Ich hatte zwar festgestellt, dass ein Unterschied existiert - aber noch keine Vorstellung darüber, wie er sich konkret auf die Anzahl der Trojaner auswirkt und vor allem was genau an Saturn (seine Masse, seine Exzentrizität, seine Umlaufgeschwindigkeit, ...) für den Unterschied verantwortlich ist. Als ich dann aber mal wieder die Anzahl der Trojaner nachgeschlagen habe, hat sich gezeigt, dass die Trojaner-Asymmetrie verschwunden war! Und wenn man sich die Zahlen von heute ansieht, dann findet man um L4 (1279) gerade mal 8 Asteroiden mehr als um L5 (1271)!
Es scheint also so, als hätten diejenigen Recht gehabt, die Beobachtungsgründe für die Asymmetrie verantwortlich gemacht haben. Das Problem hat sich wohl wirklich von selbst gelöst. Aber so kanns eben oft gehen in der Wissenschaft ;)
Aber mal sehen: wenn ich irgendwann mal die Zeit dazu habe, dann werde ich vielleicht doch noch mal an diesem Problem weiterarbeiten. Die von mir gefundenen dynamischen Unterschiede sind ja immerhin da. So wie es aussieht sind sie wohl zu klein um einen großen Effekt auf die Trojanerzahl zu haben. Aber auch dass kann man dynamisch nochmal absichern - und wer weiß - vielleicht findet man ja doch noch was interessantes ;)
Trojaner bleiben jedenfalls ein faszinierendes Thema. Bei Gelegenheit werde ich mal was über meine aktuelle Arbeit schreiben: extrasolare Trojanerplaneten.
F. Freistetter (2006). The size of the stability regions of Jupiter Trojans Astronomy and Astrophysics, 453 (1), 353-361 DOI: 10.1051/0004-6361:20054689
Autor: Florian Freistetter· 04.09.08 · 21:00 Uhr· 8 Kommentare
03. September 2008
Ein Blick aus 50 Millionen Kilometer Entfernung
Kategorie: Naturwissenschaften
Das Astronomy Picture of the Day von heute ist wieder einmal besonders beeindruckend. Eigentlich zeigt es nur zwei Himmelsobjekte die wir recht gut kennen: Erde und Mond:
Credit:
Donald J. Lindler,
Sigma Space Corporation,
GSFC,
Univ. Maryland,
EPOCh/DIXI Science Teams
Diese spezielle Aufnahme (eigentlich ein Video) wurde allerdings von der Raumsonde Deep Impact gemacht. Am 4. Juli 2005 hat Deep Impact einen künstlichen Einschlag auf dem Kometen Tempel 1 ausgelöst und beobachtet. Die Mission der Sonde wurde danach erweitert: nun sucht sie nach extrasolaren Planeten.
Dieses Bild, aufgenommen als sich Deep Impact etwa 50 Millionen Kilometer von der Erde entfernt befand, zeigt allerdings keinen fremden Planeten sondern unsere Erde. Abgesehen davon, dass die Aufnahme enorm schön ist hat sie auch einen wissenschaftlichen Wert.
Man kann deutlich die Wolken, Meere und Kontinente erkennen; außerdem hat man eine ganze Serie von Bildern die verschiedene Ansichten der Erde zeigen. Man kann nun untersuchen, wie sich die Rückstrahlfähigkeit (Albedo) der Erde ändert - je nach Wolkendecke oder sichtbaren Kontinenten/Meeren.
Dieses Wissen kann vielleicht einmal verwendet werden um Aufnahmen extrasolarer Planeten zu analysieren und mehr Informationen über deren Oberflächen zu gewinnen.
Autor: Florian Freistetter· 03.09.08 · 19:37 Uhr· 0 Kommentare
Rosetta nähert sich dem Asteroiden Šteins
Kategorie: Naturwissenschaften·Technik · Kommentare: 17
Die europäische Raumsonde Rosetta wird sich übermorgen dem Asteroiden Šteins auf 800 km nähern. Freitag abend um 20:58 soll die Sonde ihre größte Annäherung an den Asteroiden erreicht haben.
Rosettas Ziel ist eigentlich der Komet 67P/Tschurjumow-Gerasimenko. Dort wird sie allerdings erst 2014 ankommen und landen die Landeeinheit Philea absetzen. Der 10 Jahre lange Flug (die Sonde startete 2004) wird aber genutzt um 2 Asteroiden (Šteins und Lutetia) zu besuchen.
Zwar konnten die Astronomen mittlerweile hunderttausende Asteroiden in unserem Sonnensystem entdecken - wirklich genau untersucht worden sind bis jetzt allerdings nur acht. Rosettas Aufnahmen von Šteins werden daher für die Wissenschaft von großer Bedeutung sein. Vor allem auch deswegen, weil Šteins der erste Asteroid vom Typ E ist, der so genau untersucht werden wird. Diese Asteroiden mit einer Oberfläche aus dem Mineral Enstatit sind sehr selten.
Die ersten Aufnahmen von Rosettas Navigationskamera sind noch relativ unspektakulär:

Noch ist Šteins nur ein kleiner Lichtpunkt - aber übermorgen werden wir sicher ganz andere Fotos des knapp 10 Kilometer großen Asteroiden sehen können.
Nach dem Besuch des Asteroiden wird die Sonde wieder zur Erde zurückfliegen um dort Schwung für den finalen Weg zum Kometen zu holen. 2010 wird Rosetta noch den etwa 100 Kilometer großen Asteroiden Lutetita besuchen und dann bis Januar 2014 in "Schlafmodus" versetzt bevor sie mit der Untersuchung von 67P/Tschurjumow-Gerasimenko beginnt.
Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf die Aufnahmen von Šteins und werde sicher hier darüber berichten. Die ESA hat übrigens ein eigenes Rosetta-Blog eingerichtet - dort findet man alle aktuellen Informationen zum Verlauf der Mission.
Autor: Florian Freistetter· 03.09.08 · 14:33 Uhr· 17 Kommentare
02. September 2008
Singende Astronomen: Hotel Mauna Kea
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 4
Das Wissenschaftler auch gerne mal ein Liedchen singen ist ja spätestens seit dem LHC-Rap bekannt. Das Lied vom CERN hat mich daran erinnert dass auch die Astronomen einen recht schönen Song produziert haben. Beobachter am Keck-Observatorium am Mauna Kea in Hawaii haben sich in "Hotel Mauna Kea" ihren ganzen Frust über die Schwierigkeiten der Himmelsbeobachtung am Mauna Kea von der Seele gesungen:
Besonders schön ist auch die Zeile "will the referees buy it or is it just thrash?" ;)
Autor: Florian Freistetter· 02.09.08 · 18:00 Uhr· 4 Kommentare
01. September 2008
Wenn Minister (nicht) antworten: Herr Hahn und das Granderwasser
Kategorie: Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 19
Darüber, dass Herr Johann Grander aus Tirol mit der Anleitung Gottes Wasser "belebt" wurde bei Scienceblogs schon geschrieben. Auch darüber, dass an diesem Wasser absolut nichts besonderes ist und dass sogar ein Gerichtsurteil existiert laut dem man Granderwasser als aus "dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug" bezeichnen darf ebenfalls. Da mag sich mancher vielleicht wundern wieso dieser Mann, der ja offensichtlich keinerlei wissenschaftliche Leistung vollbracht hat im Jahr 2001 eine offizielle wissenschaftliche Ehrung (das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst) verliehen wurde (naja - der gelernte Österreicher wundert sich über sowas schon lange nicht mehr).
Nichtsdestotrotz ist es geschehen. Im Juni diesen Jahres haben nur 4 österreichische Parlamentsparteien einen Antrag eingebracht laut dem Johann Grander dieses Ehrenkreuz wieder aberkannt werden soll. Eine reine Formalität sollte man meinen. Fehler können natürlich mal passieren - vielleicht hat sich die damalige Wissenschaftsministerin (Elisabeth Gehrer) einfach mal geirrt (würde mich bei ihr nicht wundern). Spätestens seit dem oben erwähnten Gerichtsurteil aus dem Jahr 2006 sollte aber eigentlich jedem klar sein, dass Grander keine wissenschaftliche Leistung erbracht hat und das man das Ehrenkreuz für Wissenschaft dummerweise für eine pseudowissenschaftliche "Leistung" verliehen hat. Mittlerweile sitzt auch eine neue Person auf dem Ministersessel: Johannes Hahn müsste sich also nichteinmal persönlich getroffen fühlen wenn er die Entscheidung seiner Vorgängerin rückgängig macht.
Minister Hahn ist also dem Antrag auf Aberkennung nachgekommen und hat Grander das Ehrenkreuz aberkannt, oder? Nein - hat er nicht. Und zwar mit folgender Begründung:
Heinrich Gross hat während des zweiten Weltkriegs Kinder umgebracht.
Diese Begründung mag manchen überraschen - vor allem weil sie absolut nichts mit Herrn Grander und seinem Granderwasser zu tun hat. Minister Hahn "argumentiert" folgendermassen: Es gab erst einen einzigen Fall, in dem ein Ehrenkreuz aberkannt wurde. Und zwar 2003, als es eben jener Heinrich Gross wieder zurückgeben musste nachdem seine Tätigkeiten während des zweiten Weltkriegs an die Öffentlichkeit gelangten. Nun ist Herr Grander definitiv kein Verbrecher und "aus Gründen der Verhältnismäßigkeit der beiden Fälle zueinander" ist die Aberkennung im Fall Granders "nicht zu vertreten" - meint Hahn.
Alles klar? Nein - mir jedenfalls nicht. Es ist auf jeden Fall gut, dass Gross sein Ehrenkreuz abgeben musste. Aber es ist mir unverständlich, wieso er deswegen gleich zum ultimativen Massstab für Wissenschaftlichkeit avanciert. Ob Grander eine wissenschaftliche Leistung erbracht hat, die eine Ehrung rechtfertigt, hängt absolut nicht davon ab was Heinrich Gross getan hat! Um zu beurteilen, ob Grander sein Ehrenkreuz verdient hat oder nicht sollte man Granders Arbeit beurteilen. Und er hat nunmal keine wissenschaftliche Leistung erbracht. Ich stimme Hahn zu, dass Gründe für die Aberkennung "ernsthaft und schwerwiegend zu sein haben". Aber ich denke, das Nichterbringen einer wissenschaftlichen Leistung und die Bezeichnung von Granders Arbeit als aus "dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug" sind durchaus ernsthafte und schwerwiegende Gründe für die Aberkennung einer wissenschaftlichen Ehrung.
Aber Herr Hahn und ich haben da anscheinend unterschiedliche Meinungen. Aber es gibt ja glücklicherweise die Möglichkeit, nochmal direkt beim Minister nachzufragen. Dr. Edmund Berndt (den Stammlesern hier sicher bekannt) und Franz Groll haben diese Möglichkeit genutzt und bei meinparlament.at Herrn Hahn direkt nochmal gefragt wie er die Nicht-Aberkennung begründet. Wenig überraschend lautete seine Antwort wie folgt:
"Aufgrund der nicht gegebenen Verhältnismäßigkeit zum einzig vorliegenden Fall einer Aberkennung eines verliehenen Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse im Falle Heinrich Gross, bei dem unbestritten und eindeutige ernsthafte und schwerwiegende Gründe im Sinne des § 8 a des zitierten Bundesgesetztes gegeben waren, ist die Anwendung des § 8 a im gegenständlichen Fall nicht zu vertreten."
Also wieder dieses unsinnige Gross-Argument.
Da ich mir wirklich nicht vorstellen kann, dass Herr Hahn das wirklich für eine vernünftige Begründung hält, habe ich nochmal nachgefragt:
Sg. Herr Hahn,
Auch wenn die Frage oben schon von Ihnen beantwortet wurde möchte ich doch noch einmal nachfragen: Sie rechtfertigen die Beibehaltung des Ehrenkreuzes für Grander damit, dass dieser im Gegensatz zu Gross kein Kriegsverbrecher ist. Ich verstehe die Motivation dieser Antwort überhaupt nicht. Sollte nicht jeder Fall unabhängig von anderen beurteilt werden? Und sind es keine "schwerwiegenden Gründe", wenn eine wissenschaftliche Ehrung an jemanden verliehen wird, der nachweisbar keine wissenschaftliche Leistung erbracht hat? Wieso müssen im Fall Grander die Verbrechen von Gross als Beurteilung herhalten die dazu in absolut keinem Zusammenhang stehen?Als österreichischer Wissenschaftler kann ich diese Entscheidung absolut nicht nachvollziehen - und schäme mich ehrlich gesagt auch dafür Wissenschaftler aus einem Land zu sein in dem offizielle wissenschaftliche Ehrungen an Pseudowissenschler verliehen werden (Ich lebe im Ausland und diese Entscheidung ist den Wissenschaftlern hier genauso unverständlich wie mir).
Über eine ernsthafte Antwort die über das bisher gesagte hinausgeht würde ich mich sehr freuen!Mit freundlichen Grüßen
Dr. Florian Freistetter
Ich habe also konkret danach gefragt, wieso hier der Fall Gross als Argument für den damit in keinem Zusammenhang stehenden Fall Grander verwendet wird. Der Herr Minister hat mir folgendes geantwortet
Sehr geehrter Herr Dr. Freistetter
Die Weiterentwicklung wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens auf höchstem Niveau ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben. Der bei den Technologiegesprächen 2007 in Alpbach begonnene Forschungsdialog mündete kürzlich bei den Technologiegesprächen 2008 in 10 Zukunftsbotschaften, die von der Heranführung der Jugend an die Wissenschaften bis zur Förderung von Exzellenzinitiativen ein breites Spektrum umschließen. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, Menschen für Wissenschaft und Forschung zu gewinnen, vor allem in den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen, um Österreich international zu einem Frontrunner zu machen. Das beinhaltet auch die ständige kritische Diskussion über Probleme, Verfehlungen und Potentiale unseres Wissenschaftsstandorts.
Die von Ihnen angesprochene Fragestellung nehme ich daher sehr ernst und ich habe bereits veranlasst, die Thematik der Vergabe von sichtbaren Auszeichnungen und Ehrungen einer kritischen Evaluierung zu unterziehen, um gegebenenfalls gemeinsam in einer nächsten Bundesregierung eine Neubewertung vorzunehmen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Johannes Hahn
Eigentlich hätte ich es ja besser wissen können. Das Klische des Politikers der mit vielen Worten nichts sagt und sich um jede konkrete Antwort drückt scheint sich hier wiedermal zu bestätigen. Ich wollte von Minister Hahn kein Statement zur Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Arbeiten und Forschens auf höchstem Niveau (auch wenn es schön zu hören ist, dass er das als eine seiner wichtigsten Aufgaben ansieht). Auch nach "Zukunftsbotschaften", "Exzellenzinitiativen" u.ä. habe ich nicht gefragt. Ich wollte von ihm wissen wieso er so eine absurde Begründung für seine Entscheidung im Fall Grander angegeben hat! Darauf ist er mit keinem einzigen Wort eingegangen. Ich frage mich, was Minister Hahn sich denkt, wenn er so eine Antwort verfasst? Dass ich mich nach der Lektüre zufrieden zurücklehne und mir denke: "Schön, jetzt ist ja alles klar"? Steckt diese ausweichende Sprache und die Vermeidung von konkreten Aussagen so tief in den Politikern drinnen das sie gar nicht mehr anders können selbst wenn sie eigentlich wissen müssten, dass man so eine Antwort nicht ernst nehmen kann?
Ich weiß auch nicht, ob ich den letzten Absatz positiv interpretieren soll? Das klingt für mich doch zu sehr nach typischen Politiker-Wischi-Waschi. "gegebenenfalls eine Neubewertung vornehmen" klingt jetzt auch nicht gerade nach einer starken Handlungsansage - vor allem, weil Hahn voraussetzt, dass seine Partei, die ÖVP, nach der Wahl am 28. September immer noch in der Regierung vertreten ist (was ich doch nicht hoffen will). Wenn er die "Fragestellung sehr ernst" nehmen will hätte er vor kurzem die Chance dazu gehabt in dem er dem Antrag auf Aberkennung zugestimmt hätte. Aber der kam ja nicht von seiner Partei (vermutlich war das der eigentliche Grund).
Nachfragen ist ja bei meinparlament.at leider nicht vorgesehen. Es macht also kaum Sinn, dort nochmals zu probieren ein konkretes Statement von Herrn Hahn zu seiner absurden Gross-Begründung zu bekommen. Aber vielleicht verirrt er sich ja zufällig mal auf diese Seite ;) Dann möchte ich ihn gerne nochmal konkret fragen:
- Was hat Heinrich Gross mit Johann Grander zu tun?
- Wieso ist nicht die wissenschaftliche Leistung das ausschlaggebende Kriterium für die Verleihung einer wissenschaftlichen Auszeichung?
- Welche vernünftigen Gründe kann es geben, eine wissenschaftliche Auszeichnung für aus "dem Esoterik-Milieu stammende[n], parawissenschaftliche[n] Unfug" zu vergeben?
- Reicht es in Österreich aus, kein Mörder zu sein, um offiziell geehrt zu werden?
Mit dem immer-noch-Ehrenkreuz-Träger Johann Grander der vom offiziellen Österreich eine wissenschaftliche Ehrung dafür bekommen hat, nach Anleitung Gottes Wasser zu "beleben" ist Österreich international gesehen jedenfalls kein "Frontrunner" - eher eine Lachnummer.
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Autor: Florian Freistetter· 01.09.08 · 21:29 Uhr· 19 Kommentare
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