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Jörg Friedrich wurde 1965 geboren. Er studierte Meteorologie und Physik an
der Humboldt-Universität Berlin und ist Diplom-Meteorologe. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit der Simulation von Konvektionsstrukturen mit Zellulären Automaten.
Seit 1994 ist er Software-Unternehmer und berät Großunternehmen bei Sourcing-Projekten.
Seit dem Frühsommer 2009 ist er nach einem Philosophie-Studium an der FernUni Hagen Master of Arts in Philosophie. Er schrieb seine Masterarbeit über die Existenz theoretischer Entitäten in den Wissenschaften.
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03.09.10 · 17:04 Uhr
Die blaue Linie
Kategorie: Kultur · Kommentare: 6
Der wichtigste Tag in der Marathon-Vorbereitung ist nicht etwa der Sonntag zwei Wochen vor dem Start, wenn man seinen "letzten langen Lauf" absolviert hat. Es ist der Tag, an dem die blaue Linie auf der Straße frisch gezogen wird. Das war in Münster gestern der Fall, irgendwann in der Nacht, zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, war "das Eisenschwein" in der Stadt und hat eine 42 km lange Linie auf den Asphalt gezeichnet.
Wenn man sich morgens auf sein Rad schwingt und - z.B. wie ich - zum Bahnhof fährt, dann ist sie plötzlich da. Jetzt weiß man: Es sind keine zwei Wochen mehr bis zum Start. Mit diesem Moment hat der Marathon eigentlich schon begonnen. Der nächste Trainingslauf, das war heute früh, gehört eigentlich schon dazu, und wie durch ein Wunder ist man eine Minute schneller als beim letzten Mal.
Die wirklich großartigen Dinge beginnen mit solchen Nebensächlichkeiten, die zum Symbol werden. Es ist wie mit Borns Fußnote in der Quantenmechanik. Die blaue Linie in der Stadt ist auch so ein Symbol. Sie ist einfach da, und man weiß, das ist der Marathon.
Wenn mich jemand fragt, was mir ganz persönlich der Marathon bedeutet, dann fange ich bei dem Schauer an, der mich früh am Donnerstagmorgen auf dem Rad erfasst, wenn ich auf die blaue Linie treffe. Das sagt vielleicht mehr über meine Beziehung zu diesem Lauf durch Münster als die Zahlen, die Zeiten bei 10, 20, 30 km, die Zahl der Finisher-Shirts, die ich schon im Schrank habe.
Vielleicht muss man solche Geschichten auch über die Wissenschaft erzählen, wenn man erklären will, was sie einem wirklich bedeutet. Das Gefühl beim Lesen von Borns Fußnote, oder der unvergessliche Moment, als ich zum ersten Mal den Artikel "Zur Elektrodynamik bewegter Körper" las.
Übers Jahr verblasst die blaue Linie im Alltag: Regen, LKW-Reifen und Dreck reiben ihn vom Asphalt. Aber Anfang September wird er Jahr für Jahr neu gezogen und man weiß: Es naht Großes.
Autor: Jörg Friedrich· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (6)
Wb früher immer um den Aasee gerannt.
Thilo·
03.09.10 · 19:13 Uhr
Na ja. Ich will ja hier nicht schon wieder Streit anfangen, aber: Irgendwie paßt diese Art von Pathos für mich nicht zusammen mit dem demonstrativen "Skeptizismus", der auf den Arte-Fakten sonst immer gepflegt wird.öhm "es ist wie mit" ist keine sonderlich einleuchtende herleitung und ganz speziell hier sehe ich überhaupt keine übereinstimmung im symbolgehalt, die fußnote wurde nicht als ankündigung für großes aufgefasst, sondern sie war wie jeglicher anderer teil der veröffentlichung, aus der sie stammt, eine weiterentwicklung des vorhandenen wissens
symbolcharakter kommt erst durch menschliche zuschreibung und von born kam diese zuschreibung nicht.. wenn dann schreibt jf dieser fußnote eine symbolbedeutung zu und das nicht sonderlich überzeugend, das symbol was hier offenbar gemeint sein soll ist die ankündigung einer großen herausforderung und großen leistung
das ist auf so viele weisen irreführend: die wissenschaft macht nicht ein vierteljahr pause, dann ein dreivierteljahr vorbereitung für einen großen marathon.. sie ist im dauerbetrieb, große ergebnisse kommen immer wieder und von überall und selten mit pathoserfüllter ankündigung
die wissenschaft war nie ruhig, fertig, gelöst.. die herausforderung geht immer weiter und kein "schauer" befällt einen der teilnehmer beim anblick einer neuen umwälzenden fußnote, sondern neugier..
schnablo·
04.09.10 · 05:46 Uhr
Noch mehr sagt vielleicht der Umstand aus, dass es Ihnen wichtig scheint zu erwaehnen, dass Ihre Zeit auch bei 30 km (nicht nur bis 21) gemessen wird und dass Sie das nicht zum ersten Mal machen. Nicht, dass man darauf nicht stolz sein koenne oder solle. Chapeau! Nur keine falsche Bescheidenheit an dieser Stelle.@Webbär: Um den Aasee renne ich nie, da ist es mir viel zu voll. Ich wohne ja "draußen" in Roxel, da ist man in wenigen Schritten zwischen den Feldern.
@Thilo: Bei echten Menschen passt selten etwas so zusammen wie man es sich als Blogleser zusammenreimt. Einfach mal neu mischen.
@Perk: Symbolcharakter erhält etwas immer durch nachträgliche Zuschreibung, völlig richtig. Ansonsten sehe ich an Ihrem Kommentar, dass Sie zur Wissenschaft ein rational-sachliches Verhältnis haben, meines ist sehr emotional.
Widersrechen möchte ich wenn Sie die Wissenschaft als kontinuierliche Produktionsmaschine hinstellen, aus der wie am Fließband die Erkenntnisse purzeln. Auch in der Wissenschaft gibt es Trainings- und Ruhephasen und die Zeiten der ganz großen Anspannung. Lesen Sie man Borns Nobel Lecture, oder denken Sie einfach ans CERN.
@Schnablo: Erwischt ;-)
Aber im Ernst: Statt Bewunderung zu erhaschen (Ich bin eher einer von den langsamen unter den Marathonläufern) wäre mir wichtig wenn aus der Tatsache, dass auch ich regelmäßig an Marathonläufen teilnehme, die Erkenntis erwäcsht, dass das dann wohl jeder kann. Wer sich dazu durchringen kann, 3-4 mal pro Woche 10-15 km zu laufen und in den letzten Monaten 3-5 mal einen "langen Lauf" (2-3 Stunden) schafft, wer dabei vor allem nicht zu viel Ehrgeiz entwickelt und bei ersten Schmerzen in den Knien pausiert, wer das ganze dann nicht zu ernst und verbissen betreibt, der schafft den Marathon. Und das ist dann einfach ein tolles Erlebnis, mit ein paar tausend Läufern durch eine Stadt zu laufen und an den Straßenrändern Jubel und super Stimmung. Das kann ich nur empfehlen, und in dem Maße, wie ich das betreibe, ist es - glaube ich - sogar gesund.
@Jörg Friedrich Das hätte ich nie gedacht, aber man sieht es auch nicht jedem Marathonläufer an. Sie gehen den Lauf schon ziemlich vernünftig an. Nur, beachten Sie die Schmerzen, besonders in den Gelenken. Schmerzen sind immer Warnzeichen, dass irgendetwas nicht optimal ist. Vor jedem Marathonlauf, sollte man 2 mal ca. 32 km (Empfehlungen variieren etwas, das ist mein Erfahrungswert) gelaufen sein. Das wären im entsprechendem Tempo ihre 3 Stunden. Wer weiß, wenn ich meine Gesundheit zurück erlangt habe, können wir vielleicht gemeinsam den Marathon in Münster laufen. Für mich war der wichtigste Tag vor dem Marathon, ein 12 Stundenlauf, bei dem ich 42km langsam durchgelaufen bin. Blaue Linien sind von meinem Wohnort zu weit entfernt.
Also viel Spaß beim Marathon in Münster.