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Profil
Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. epfischer.com
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16.07.08 · 15:41 Uhr
The dark side of the moon
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 1
In diesen Tagen, in denen die Hirnforschung wird, was sie eigentlich von Hause aus sein sollte - nämlich aufregend -, verkündet sie etwas Neues. Sie hat - tätä tätä - entdeckt, daß Nervenzellen nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen noch wachsen und sich (zurecht) finden können. Neu ist daran nicht, daß man bislang gewusst hat, daß ältere Gehirne über kein Zellwachstum mehr verfügen. Neu ist, daß man nun weiß, daß das falsch war, was man sich vorher gedacht hat. Tatsächlich! Die Hirnforscher hatten vorher keine Ahnung, sie haben uns aber verkündet, sie hätten Ahnung, und nun staunen die darüber, daß sie vorher keine Ahnung hatten.
Das ist nicht neu in der Geschichte der Wissenschaft. Was für die jetzt entdeckte Dynamik von Hirnzellen gilt, hat sich in den 1980er Jahren für die Gene gezeigt. Die Molekularbiologen haben - vor den Tagen der Gentechnik - nicht gewusst, was mit den Genen ist, sie haben nur behauptet, es zu wissen. Sie hatten nie den Mut, ihre Unkenntnis einzuräumen, und haben es dann sogar fertig gebracht, ihre überwundene Ahnungslosigkeit als Revolution auszugeben.
Wer an dieser Stelle den großen historischen Blick riskiert, stellt fest, daß wir eine neue Konstante des menschlichen Treibens gefunden haben. Unser Wissen ist zu jeder Zeit voller Lücken, wir geben das aber zu keiner Zeit zu und füllen die dunklen Bereiche mit unseren Phantasien, die wir allerings als Wissen ausgeben. So wird das Volk verschaukelt.
Im Mittelalter wusste man nicht, was auf der Rückseite der Erde ist, also verlegte man die Hölle dorthin. Seit Neuseeland diesen Platz - auf der Erde - eingnommen hat, müssen wir die Hölle anders unterbringen (und eine Menge Leute sind mit ihren privaten Lösungen beschäftigt).
Bis zu den Tagen der Apollo Missionen haben wir auch die dunkle Seite des Mondes nicht gekannt, weshab dort ein blaues Einhorn Tango tanzen konnte, und zwar die ganze Nacht, die dort aber auch nicht ewig dauert.
Wie wäre es, wenn die Wissenschaft sich wirklich an das hält, was sie weiß, und uns nicht permanent verkündet, was die denkt? Wer glaubt denn, das eine Idee alles klärt? Das meiste bleibt offen. Vielleicht kann man in der Forschung ja nur dogmatisch vorankommen. Wer weiß das schon? Wer gibt schon zu, daß er nicht weiß, wie die Wissenschaft ihre Fortschritte erzielt und zu Erkenntnissen kommt? Die Philosophen leider nicht.
Autor: Ernst Peter Fischer· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
Lieber Peter,
dazu passt, dass der Stammzellforscher Hans Schöler in einem Beitrag in der FAZ vom 23. Juli die Journalisten aufgefordert hat, sich eine Schweigepflicht zu unterwerfen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt? Jemanden zum Schweigen aufzufodern, nur weil man selbst voreilig gesprochen hat? Dann doch eher die Devise: Forscht, bis ihr wisst!
Viele Grüße
Dein P.