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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. epfischer.com

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16.06.08 · 20:16 Uhr

Wir werden zerstört - so aber nicht

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 2

Die schottische Autorin A. L. Kennedy - A für Alison und L für Louise - hat den ersten Internationalen Eifel-Literaturpreis gewonnen, und die FAZ hat am 16.06.08 ihre dazugehörige Dankesrede abgedruckt. "Wir werden zerstört", lautet der Titel der Rede, in der unter anderem um die Liebe zu Lesen geht, das "etwas in sich hat", so A.L. Kennedy, "was, wie ich sagen würde, von Natur aus gut ist". Die Autorin weist auf den oft katastrophalen Umgang unserer Kultur mit Büchern hin, die wir zwar nicht mehr verbrennen, dafür aber "still und leise verschwinden" lassen.
Ich freue mich immer, wenn jemand einer Lesekultur das Wort redet (und füge die Frage hinzu, ob Bloggen dazu beiträgt oder zum Gegenteil führt), aber die Zustimmung zu der Autorin wird einem schwer gemacht, weil sie an einigen Stellen eine unglaubliche Ahnungslosigkeit durch sprachliche Nettigkeiten übertüncht.

Wenn ich Sätze der Art "Die Natur wird durch Entropie regiert, Energie geht verloren, ... alles, was ist, vergeht" lese, dann bewundere ich nicht deren Tiefsinn, vielmehr verärgert mich deren Schwachsinn. Als im 19. Jahrhundert eine physikalische Größe namens Entropie eingeührt wurde, die etwas über die fehlende Ordnung eines Systems ausdrückt und dabei eine Tendenz zeigt, größer zu werden, plapperten einige Kulturwissenschaftler etwas vom Beweis der Dekadenz und vom Zerfall der Kultur. Beides mag es geben, aber nicht als physikalische Qualität. Daß wir diesen Mist aus dem 19. Jahrhundert im 21. erneut lesen müssen, und zwar bei einer Autorin, die offenbar nicht einmal den Energiesatz verstanden hat, demzufolge Energie nur umgewandelt werden kann, könnte einen fast denken lassen, daß es etwas gibt, was ist und sich nicht ändert - nämlich die Ahnungslosigkeit der Literaten in Hinblick auf die Wissenschaft. Aber natürlich bleibt nichts, wie es ist, alles ändert sich. Vielleicht auch unsere Kenntnisse über die Physik. Bleiben sie, wie sie sind, werden wir zerstört - von uns selbst.

 

Autor: Ernst Peter Fischer· 2 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (2)

Kommentar-Direktlink Aebby· 17.06.08 · 06:05 Uhr

Zur Entropie ist nichts mehr hinzuzufügen. Zur Lesekultur: Auch in Blogs kann es lange und lesenswerte Beiträge geben, die eine Lesekultur erfordern und eventuell auch fördern. Es ist m. E. eher die Kürze der Texte, die - nicht nur in Blogs - die Lesefähigkeit und die Lesekultur verkümmern lässt.

Kommentar-Direktlink Christiane Martin· 19.06.08 · 15:45 Uhr

Sehr geehrter Herr Fischer,

beim Lesen Ihrer Frage, ob Bloggen zur Lesekultur beiträgt oder ihr eher abträglich ist, fiel mir ein Artikel ein, der das Thema vielleicht nicht 100% trifft, Sie aber vielleicht trotzdem interessiert.

Es grüßt Sie,
Christiane Martin

http://www.theatlantic.com/doc/200807/google *(What the Internet is doing to our brains)*

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