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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. epfischer.com
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17.06.08 · 19:08 Uhr
Sex - der Reihe nach
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 1
Das schöne Wort SEX hat im Englischen zwei Bedeutungen. Eine ist die langweilige, und um die geht es hier, und zwar höchst langweilig. Es geht genauer um den Faktor, der das Geschlecht (sex) bestimmt und der vor Jahren große Aufregung verursachte, bloß weil er entdeckt wurde. Gemeint ist das Sry Gen, das unter anderem so heißt, weil es auf dem Y Chromosom sitzt, also bei Männern wirksam wird (und hier die Hodenproduktion auf den Weg bringt). Als das Gen 1990 kloniert werden konnte, rauschte die Lästerlust im Blätterwald, und die damals so berühmten kritischen Journalisten lauerten erneut auf manipulative Tricks der Gentechniker. Das Sry Gen brachte es sogar auf die Titelseiten überregionaler Blätter. Aber wenn man einen der Macher bzw. Berichterstatter heute fragen würde, was denn das Gen macht, würde er mit den Schultern zucken, falls er sich überhaupt erinnert (obwohl es um seine Hoden ging und geht). Die Biologen wissen auch nicht so genau, was das Sry Gen macht, aber sie haben jetzt einen Hinweis gefunden. Dazu mehr im erweiterten Text.
Ganz langsam: Das Sry Gen sorgt - wie alle normalen Gene - für ein Protein, das die Fachwelt SRY (mit großen Buchstaben) bezeichnet. Dieses Produkt ist der Faktor, der die Hodenproduktion einleitet, aber wie? Er sucht und findet ein anderes Genprodukt, den als SF1 bezeichneten Rezeptor (was an dieser Stelle ein nichtssagendes Wort ist; ein Rezeptor rezipiert - fast wie bei Heidegger, wo die Welt weltet und das Nichts nichtet). Also: Der Rezeptor SF1 rezipiert den Faktor SRY, und das molekulare Paar verbindet sich mit einem Verstärker, der die Expression eines Gens namens Sox9 verstärkt (ein Verstärker verstärkt eben), und von dem Gen bzw. seinem Produkt weiß man, daß dadurch andere Gene reguliert werden, die mit den Vorgängen zu tun haben, die die Entwicklung einleiten, an deren Ende ein männliches Wesen steht.
Mit anderen Worten - man weiß immer mehr, was den Fachmann interessiert, ohne etwas sagen zu können, was mich erfreut. Sex der Reihe nach - schön langweilig, aber aktuelle Wissenschaft. Und darum die ganze Aufregung?
Autor: Ernst Peter Fischer· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
Ganz so einfach ist es dann (leider?) doch nicht. Mittlerweile ist die Wissenschaft Biologie darin überein, dass zahlreiche Faktoren an der Ausbildung des Genitaltraktes beteiligt sind. Dies sind Gene, Proteine (ein Gen führt keineswegs zu einem Protein, sondern es können von einem gen vielfältig verschiedene Proteine durch posttranslationale und posttranskriptionale Modifikationen resultieren!), Hormone (des Embryos und der Mutter), ggf. können weitere äußere Einflüsse hinzutreten. Einige hundert Gene werden in der fraglichen Zeit der Ausbildung des Genitaltraktes in der Genitalfurche, den indifferenten Keimdrüsen und den sich herausbildenden Keimdrüsen, exprimiert. Eines dieser Gene ist das SRY-Gen (SRY: Mensch; Sry: Maus). Bei Mäusen mit als typisch weiblich betrachtetem Chromosomensatz (40, XX), in die das Sry-Gen transgen eingebracht wurde, zeigte sich in 30% der Fälle (3 von 11 Mäusen) die Ausbildung eines als männlich betrachteten Erscheinungsbildes. Dieses typisch männliche Erscheinungsbild wurde von Koopman et al. (1991) gekennzeichnet als: sie zeigten „männlichen Phänotyp“, „kleine Hoden“, „männliches Kopulationsverhalten“ und waren steril. Ein menschliches SRY-Gen, das in andere Mäuse transgen eingebracht wurde, zeigte in den Untersuchungen von Koopman et al. keine Veränderungen des Erscheinungsbildes: diese Mäuse erschienen als "typisch weiblich".
Untersuchungen von Menschen bei denen bei einem als weiblich betrachtetem Erscheinungsbild ein als männlich betrachteter Chromosomensatz (46, XY) festgestellt wurden war, zeigten in 10 bis 15% der Fälle Veränderungen des SRY-Gens.
Weitere Untersuchungen machen ebenfalls stutzig: so wiesen einige Säugetiere - wie einige Japanische Landratten Arten - kein Y-Chomosom auf und enthielten auch nicht ein Homolog zum Sry-Gen irgendwo anders im Genom (wohin es etwa durch Translokation gelangt sein könnte).
Auch die eigentlichen Targets ("Zielgene") von Sry, die hier in dem beitrag sehr sicher als Sf1 und Sox9 benannt wurden, sind nicht bekannt und sind derzeit lediglich Vermutungen. Bspw. Sf1 wird in der Genitalfurche - bei der Maus, diese wird meist zu Untersuchungen herangezogen, wobei sich verschiedentlich Unterschiede zum Menschen zeigten - bereits vor Sry exprimiert. Insofern könnte Sry auch ein Zielgen von Sf1 sein.
Auf jeden Fall: die Ausbildung des Genitaltraktes erscheint komplex. Mittlerweile werden etwa 30 Gene (bzw. Genprodukte) als beteiligt beschrieben. Zahlreiche weitere Faktoren werden eine Rolle spielen. Auch posttranslationale und posttranskriptionale Veränderungen erscheinen bedeutsam: so zeigten sich bei Untersuchungen der Genprodukte des Wt1-Gens durch alternatives Spleißen sehr unterschiedlich reaktive Genprodukte, insgesamt sind mehr als zwei Dutzend Genprodukte des WT1-Gens bekannt. Anzunehmen ist eine komplexe Wechselwirkung von Faktoren, die zur Ausgestaltung des Genitaltraktes führt.