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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. epfischer.com

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03.02.08 · 16:03 Uhr

Nachdenken statt vordenken

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 1

In der Ausgabe 1-2008 der gut gemachten Zeitschrift Lab-Times weisen die Editoren (Seite 3) auf die merkwürdige Häufung einer idiotischen Phrase in der wissenschaftlichen Literatur hin. Der englische Ausdruck lautet, "than previously thought".
Tatsächlich wimmelt es von Sätzen, in denen Forscher etwa sagen, daß es im menschlichen Genom weniger Gene gibt, als man vorher gedacht hat, oder daß eine ermittelte Mutationsrate höer (oder niedriger) als gedacht war. Mir ist dieser Trend auch schon aufgefallen und auf den Keks gegangen. Auf einer Tagung im Dezember 2007 in Göttingen etwa gab ein Primatenforscher zu verstehen, daß Schimpansen über mehr soziale Lernfähigkeit verfügen, als er vorher gedacht habe, und Altruismus sei weiter verbreitet, als seine Kollegen sich vorher gedacht hätten.

Mit scheint, daß da gar nicht gedacht, sondern nur gesagt wurde, daß man sich etwas gedacht hat. Man hatte eben sein Vorurteil, und dem weist man die Qualität eines Vorgedachten zu. "Nachdenken sollt ihr", hat mein Lehrer immer gesagt, und das würde man gerne auch den großen Forschern zurufen. Sie scheinen das Gegenteil zu tun und sich mit dem Vordenken zu befassen. Vielleicht vergrößert man so die Zahl der Publikationen. Erst denkt man nichts (und publiziert das) und wundert sich im Rückblick, das man tatsächlich nichts gewusst hat. Dann denkt man, daß man das jetzt besser kann, und wundert sich allgemein, daß niemand mehr hinhört. Denn woher weiß ich, daß man schon wieder nicht nach-, sondern nur vorgedacht hat. "Die Wissenschaft denkt nicht", hat Heidegger einmal formuliert. Was verlockt die Gen- und Verhaltensforscher, ihm so gründlich recht zu geben? 

 

Autor: Ernst Peter Fischer· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (1)

Kommentar-Direktlink Ingo Bading· 05.02.08 · 08:48 Uhr

Interessant, daß Sie in diesem Zusammenhang insbesondere die Tagung der Primatenforscher in Göttingen erwähnen.

Auch ich habe mich über den Bericht zu dieser Tagung in "Science" (von Michael Balter) sehr gewundert. Er ist so geschrieben, als hätte es die Forschungen von Jane Goodall nie gegeben. So war zumindest mein Eindruck:

http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/schimpansen-erst-kommt-das-fressen-dann.html

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